4,50? 5,10? 5,60? 6,00?

Ja, wie viel isser denn nun wert, der Dollar in argentinischen Pesos? Kann im Moment keiner so ganz genau sagen. Nur, dass es für die meisten nicht einfach ist, überhaupt dranzukommen, das dürfte klar sein.

Hintergrund sind erhebliche Hürden, die die Regierung aufgebaut hat, um die Flucht der Spargroschen der Bevölkerung in den Dollar zu verhinden. Schon seit vergangenem November darf nur Dollar kaufen, wer das von der AFIP – dem Finanzamt – erlaubt kriegt, weil er genug Einkommen deklariert hat. Wer eine Erbschaft gemacht oder sein Auto verkauft hat, wer Rentner ist oder als Gärtner, Maler oder sonstiger Handwerker arbeitet (die in der Regel bar und damit meist schwarz bezahlt werden), hat nach der Regierungslogik kein Recht, dafür Dollar zu kaufen.

Dollarscheine und -münzen

Dollarscheine und -münzen

Inzwischen kriegt aber eigentlich niemand mehr Dollars zum offiziellen Kurs von rund 4,50 Pesos. Ich hab’s gerade mal mit meinen Daten auf der Website der AFIP versucht und mir wurde mitgeteilt:

La/El CUIT/CUIL/CDI presentaría insuficiente capacidad económica para realizar la operación cambiaria ingresada

Diese Steuernummer hat nicht genügend wirtschaftliche Ressourcen um die gewünschte Operation durchzuführen.

Die gewünschte Operation war der Kauf von 10 Dollar. Ein Witz. Man muss also, sollte man unbedingt Dollar brauchen (z.B. um zu verreisen oder eine Immobilie zu kaufen) auf den Schwarzmarkt – euphemistisch „Blauer Markt“ – ausweichen. Wie bei halblegalen Geschäften kaum anders zu erwarten, ist es hier nicht einfach, einen Überblick über den aktuellen Kurs zu erhalten. Lediglich einige Tageszeitungen überbieten sich derzeit mit Meldungen über die Höhe des Tauschkurses, der eben irgendwo zwischen 5 und 6 Pesos changiert, gelegentlich auch über die 6 Peso Marke hinausschießt (und damit kurzzeitig teurer war als der Euro!).

Absurd wird’s da, wo die Regierung versucht, den Schwarzmarkt zu regulieren. Es gebe ein Abkommen zwischen Regierung und den größten Schwarzmarkthändlern (sic!), den Preis den informellen Dollars ab Montag auf 5,10 Pesos zu begrenzen, sagte Senator Aníbal Fernández am Samstag. Und wurde prompt vom Innenminister Florencio Randazzo zurückgepfiffen: Bereits das Reden über den Schwarzmarkt-Dollar sei illegal. Das sei, wie über den Preis einer gestohlenen Stereoanlage zu reden. Es gebe nur einen Dollarkurs, den offiziellen eben. Und Königin Cristina ermahnte die Argentinier, in Pesos zu denken.

Warum aber ist der Dollar hier auf einmal wieder so wichtig? Seit der Abschaffung der 1:1-Bindung in 2002 wurde doch tatsächlich immer mehr in Pesos gedacht und abgewickelt – mit Ausnahme des Außen- und des Immobilienhandels?

It’s the inflation, stupid. Solange die Regierung das Problem negiert und die Angehörigen von Regierung und Regierungspartei im Kongress gleichzeitig privat erhebliche Beträge in Dollar sparen (Königin Cristina höchstselbst hortet angeblich rund 3 Millionen) [Quelle, ab 7:30], werden die Menschen hier versuchen, ihr Gespartes in Dollar anzulegen, auch wenn sie dabei derzeit doppelt verlieren. Denn einerseits kostet selbstverständlich der Umtausch und der Kurs ist angesichts der hohen Schwankungsbreiten von einem zum nächsten Tag ein Vabanque-Spiel. Andererseits ist der Peso in den letzten Jahren im Vergleich zu Dollar oder Euro nur um die offizielle Inflationsrate abgewertet worden (die statt der realen 25% bei nur knapp 10% liegt) (danke an Marcel Senn für diesen Hinweis). Der Dollar wird also im Verhältnis zum offiziellen Peso de facto weniger wert, weil die Preise tatsächlich ja um 25-30% steigen – und für viele auch die Löhne.

Ein weiterer Grund für die Flucht in den Dollar ist das geringe Vertrauen, das insbesondere der Mittelstand in die Regierungspolitik hat. Es machen bereits wieder Gerüchte die Runde, wonach der Grund für die herben Restriktionen beim Dollarkauf der sei, dass die Zentralbank schon kaum noch welche habe. Die angeblich 47 Mrd. Dollar Devisen-Reserven also ein Märchen? Ich persönlich glaube weder das eine noch das andere. Die Devisenreserven der Zentralbank dürften sich – möglicherweise sogar weit – unterhalb der angegebenen 47 Mrd. Dollar bewegen. Gleichwohl kann ich mir nicht vorstellen, dass der Staat schon wieder ganz blank ist. Dazu prassen die Herrschaften mit der Staatsknete dann doch noch zu ungeniert.

Einen Boom erlebt durch die Regierungspolitik derzeit die Automobilbranche. Denn der Kauf eines Autos wird traditionell in Pesos abgewickelt, auch wenn vor allem für ausländische Modelle häufig noch Dollar-Preise angegeben werden. Und wer ein paar Pesos über hat kauft halt ein neues Auto oder das größere Modell. Der Immobilienmarkt hingegen ist ziemlich eingebrochen, weil immer weniger die nötigen Dollarmengen zum Kauf aufbringen können. Im Großraum Buenos Aires sind angeblich die Abschlüsse im Monat April um 25% gegenüber dem gleichen Vorjahresmonat gesunken.[Quelle] Das wird sich mittelfristig sicher auch auf die Preise auswirken und vielleicht kommt es tatsächlich dazu, dass – wie von der Regierung gefordert – die Wirtschaft „pesifiziert“ wird, also tatsächlich alle Transaktionen in Pesos abgewickelt werden. Beides keine guten Aussichten für mich als Immobilienbesitzer.

Titelblatt der Zeitschrift Noticias: Psicosis Dólar

Titelblatt der Zeitschrift Noticias: Psicosis Dólar

Für wahrscheinlicher halte ich allerdings einen erheblichen Einbruch der gesamten argentinischen Wirtschaft. Mit den Handelsrestriktionen und der Verstaatlichung von YPF hat sich die Regierung im Ausland wenig Freunde gemacht. Gleichzeitig ist sie auf den Export vor allem von Soja und Sojamehl, -öl und Biodiesel angewiesen, um das Steueraufkommen hoch zu halten und Devisen zu erwirtschaften. Der renommierte Ökonom Gabriel Rubinstein macht in der Zeitschrift Noticias ein erschreckendes Szenario auf, das mit rund 35% Wahrscheinlichkeit bis Jahresende eintrete: Dollarkurs von bis zu 7,50 Pesos, Nullwachstum 2012 und nur 1% in 2013, steigende Arbeitslosigkeit, 50% Wahrscheinlichkeit für eine ausgewachsene Krise in 2013-2015. Halleluja!

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5 Antworten zu 4,50? 5,10? 5,60? 6,00?

  1. antje schreibt:

    …also mit 65% unwahrscheinlich!? krisen sind wir doch inzwischen gewöhnt, wo ist das problem? das erstaunliche ist, was es so alles für probleme gibt oder geben könnte. was ist das nächste? wahrscheinlich kein strom, kein gas, kein holz – bei diesem kälteeinbruch. aber das kennen wir auch schon aus vergangenen jahren. warten wir´s ab und trinken erstmal einen mate…ja, ich weiß, ist auch teuer geworden 😉
    liebe grüße

  2. llamadojorge schreibt:

    Hallo Antje, klar, es kann auch alles bleiben wie es ist. Aber macht es das besser? Prost Mate!

  3. Cecilia schreibt:

    Feliz día, Jorge! 🙂

  4. Marcel Senn schreibt:

    Hola Helge,
    Auf http://www.dolarblue.net findet man alle möglichen $A/USD Kurse die es gibt, bis hin zum Europreis auf der Gasse..werden täglich aktualisiert.
    Ich kaufe meine $A easy in Uruguay für z.Zt. ca 6.05 zum USD umgerechnet. Einiges mehr als man bei den Cuevas (5.63 auf 5.93) oder Arbolitos (5.38 auf 6.13) bekommt und vor allem AFIP-stressfrei. Seit neustem wird auch auf dem Buquebus der $A zu 5.80 umgerechnet und nicht mehr zum offilziellen wie noch vor kurzem…sind ja auch auf interantionalen Gewässern. Eigentlich rechnen mittlerweile alle Nachbarländer den $A zum Schwarzmarkt um.
    Auf dem Immomarkt scheinen viele Ausländer ihre Wohnungen loszuwerden wollen – gegen Grünzeug versteht sich, mir scheint, dass die Preise in Capital wieder am sinken sind…für den Immomarkt wurde ja der Dolar Celeste „eingeführt“ offizieller und $ Blue geteilt durch 2 z.Zt 5.22 und dann gibt es ja noch den Soya $ offizieller minus 35% und den Dolar Gris „contable liquido“ z.Zt bei 6.55…wenn dann die restlichen 10 Mrd private Sparguthaben auch noch abgezogen worden sind, wird es wahrscheinlich noch volatiler, aber da kann man sich ja auf dolarblue.net informieren

  5. Marcel Senn schreibt:

    Betreffend Nationalbank gibt es Stimmen, die meinen die effektiven Reserven betragen nur noch zw 10.5 und 15 Mrd USD, da der Rest mit tendenziell wertlosen Papieren der Königin gedeckt sei, von den privaten Deposits sind alleine letzte Woche 547 Mio abgezogen wurden und noch schlappe 9879 Mio verbleiben..in ein paar Wochen sind das nochmals viel weniger…
    Aber die Königin residiert in der Presidential Suite des Mandarin Oriental Hotel in New York für angebliche 15’000 USD, dazu wurden noch einiges Sitzungszimmer für 3000 USD pro Tag gemietet….plus die ganze Entourage…für solche Spässe scheint immer noch genug Grünzeug vorhanden zu sein

    ..

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