Wahlen 2017: Die Lust am Morbiden

Am Sonntag waren die Wahlen, die sich bei den Vorwahlen im letzten Beitrag angekündigt haben. Gegenüber den Vorwahlen verbessert haben sich sowohl Macris Allianz Cambiemos (z.T. deutlich) als auch Cristinas Unidad Ciudadana (knapp). Macri freute sich über die deutliche Rückendeckung für seine – nicht unumstrittene – Politik der Reformen, Cristina zeigte sich stolz, jetzt die größte Oppositionspartei anzuführen (auch wenn es ihr sichtlich quer im Magen lag, dass sie in der Provinz Buenos Aires gegen den  kaum bekannten Bildungsminister Estéban Bullrich nur zweite geworden war).

Interessanter als die weitgehend erwarteten Wahlergebnisse finde ich aber das wichtigste Wahlkampfthema: die Inflation? Nein. Arbeitsplätze? Ebenso falsch. Sicherheit? Bildungspolitik? Justiz? Drei Mal daneben. Richtig ist: Ein verschwundener Hippie.

Santiago Maldonado

Santiago Maldonado

Der Fall Santiago Maldonado

Santiago Andrés Maldonado Peloso (so der volle Name) ist war ein 28jähriger Tattoo-Künstler und Wandmaler aus dem Ort „25 de Mayo“, nahe La Plata hier in der Provinz Buenos Aires. Vor einigen Monaten siedelte er nach „El Bolsón“ in der Provinz Rio Negro über, einer ehemaligen Hippie-Kolonie in der Nähe von Bariloche. Bereits zuvor hatte er angeblich eine Zeit lang in Chile gelebt.

Irgendwo ist er dabei mit den Mapuche-Indianern in Kontakt gekommen und hat sich ihrem Kampf für die Rückgabe von angeblich angestammtem Land angeschlossen. Während der Großteil der Mapuches friedlich einer mehr oder weniger geregelten Arbeit nachgeht (viele haben keinen Schulabschluss, entsprechend prekär sind die Jobs, die sie bekommen), gibt es eine kleine Gruppe namens Resistencia Ancestral Mapuche (RAM, vielleicht zu übersetzen mit Ahnen-Widerstand der Mapuche). Diese Mapuche sind unter anderen Namen insbesondere in Chile aktiv, haben dort schon hunderte von LKW in Brand gesetzt und bei einem Überfall auf ein Anwesen sind dort auch schon zwei Menschen getötet worden. Die RAM hat vor drei Jahren Argentinien und Chile den Krieg erklärt und fordert die Gründung eines eigenen Staates der Mapuche.

Auch in Argentinien hat die RAM bereits einige Brandanschläge verübt, ist aber vorwiegend mit Landbesetzungen beschäftigt – gerne dort, wo sie sich der Sympathie der links-alternativen Szene gegen Großgrundbesitzer sicher sein kann, deren Ländereien sie zumindest in Teilen als angestammtes Land ihrer Ahnen betrachten. In der Nähe des Städtchens El Bolsón gibt es eine solche Besetzung bereits seit zwei Jahren auf einem Grundstück, das zu den riesigen Ländereien des italienischen Benetton-Clans gehört, dessen Landbesitz in Patagonien in die Hunderttausende Hektar geht (350.000 Hektar hab ich an einer Stelle gelesen, 900.000 an einer anderen; welche stimmt, weiß ich nicht).

Von dieser Besetzung (Pu Lof en Resistencia Cushamen) ging im Juli die Sperrung der Ruta 40 aus, einer Straße, die immer an den Anden entlang von Süd nach Nord führt und die in weiten Teilen traumhaft schöne Panoramen bietet, die aber auch eine wichtige Transportroute ist. Mit der Sperrung wollte die RAM die Freilassung ihres Anführers Facundo Jones Huala erreichen, der im Juni zuvor wegen eines Auslieferungsantrags aus Chile verhaftet worden war. Am 1. August reagierten die Behörden mit einer gewaltsamen Räumung der Straßensperre. Die ca. 30 Mapuche und Sympathisanten warfen Steine, angeblich reagierten die ca. 100 Gendarmen mit Gummi- und Bleigeschossen und trieben die Mapuche so, auf das besetzte Gebiet jenseits des Flusses Chubut zurückzukehren. Niemand wurde verhaftet. Am Schluss aber fehlte einer: Santiago Maldonado. Was einen wahren Shitstorm auslöste.

Wo ist Santiago?

Einige Mapuche gaben zu Protokoll, sie hätten gesehen, wie die Gendarmen ihn verprügelt und mit unbekanntem Ziel verschleppt hätten, weil er sich nicht getraut habe, den bis zu 1,60 Meter tiefen und 3° kalten Fluss zu durchqueren. Die Militärpolizei hat ihn entführt, hieß es. Der Bruder des Verschwundenen schrieb einen offenen Brief, in dem er – der nicht vor Ort war – die Darstellung der Mapuche übernahm. Ex-Königin Cristina – gerade im Wahlkampf für die Vorwahlen – schaltete sich ein und verlangte von den Behörden Aufklärung über den Verbleib von Maldonado. Menschenrechtler und Madres de Plaza de Mayo forderten die Innenministerin zum Rücktritt auf. Selbst ein UN Komitee schaltete sich ein und forderte die Regierung auf, alle Anstrengungen zum Auffinden von Maldonado zu unternehmen. Die magischen Worte, die seither immer wieder fielen, waren die von der „desaparición forzada“, dem gewaltsamen Verschwindenlassen.

Das setzt hier in Argentinien ungeahnte Ängste frei. Schließlich sind hier während der Militärdiktatur von 1976 bis 1983 rund 30.000 Menschen gewaltsam verschwunden. Zum Großteil in den Folterkerkern der Diktatur. Und weil viele der Macri-Regierung so ziemlich alles zutrauen, hieß es in einem viel zitierten Artikel in der linksperonistischen Zeitung Página/12: „Macri hat schon seinen Verschwundenen„. Als wenn der Befehl zur Räumung einer Straßensperre im Niemandsland von Patagonien und zur Entführung der Teilnehmer direkt aus der Casa Rosada gekommen wäre, mit dem erklärten Ziel, einen der Teilnehmer verschwinden zu lassen… Aus der Zeile trieft auch bereits die Lust am Leid anderer, wenn man es politisch ausnutzen kann.

Santiago wer?

Die Regierung hat sich allerdings auch alles andere als clever verhalten. Zunächst stellte sich die Innenministerin Patricia Bullrich ganz demonstrativ hinter ihre Gendarmen und zweifelte Maldonados Anwesenheit bei der Blockade grundsätzlich an. Schließlich seien die indigenen Demonstranten alle vermummt gewesen. Anschließend redete sie sich in einer Kongressanhörung heraus, in die Einsatzplanung und -durchführung der Kräfte vor Ort mische man sich von Buenos Aires aus nicht ein. Was prompt zehn Tage später vom Einsatzleiter in Frage gestellt wurde, der versicherte, er habe auf ausdrückliche und präzise Anweisung aus dem Innenministerium gehandelt. Der Vizeminister war offenbar sogar während des Einsatzes vor Ort, wie auf später veröffentlichten Fotos zu sehen war. Außerdem spekulierte Bullrich öffentlich, Maldonado könnte ein Mittäter bei einem am 21. Juli erfolgten Überfall auf einen Angestellten von Benetton gewesen und von diesem durch ein Messer schwer verletzt worden sein. Möglicherweise sei er seinen Verletzungen erlegen und die Mapuche wollten dies nun der Regierung in die Schuhe schieben. Auch der Benetton-Angestellte wies jedoch die Darstellung von Bullrich zurück. Die Verletzung, die er seinem Aggressor beigebracht habe, sei keinesfalls tödlich gewesen, kaum mehr als ein Kratzer. Eine Analyse der Blutspuren am Tatmesser belegte später, dass der Verletzte RAM-Angreifer keinesfalls Maldonado gewesen sein konnte.

Je mehr Details über den Einsatz bekannt wurden, desto schlechter sahen auch  die Einsatzkräfte dabei aus. Einige der beteiligten Autos – alle zur Sicherstellung von möglichen Hinweisen auf den Verbleib von Maldonado beschlagnahmt – waren angeblich auf Anweisung von oben komplett gereinigt worden. Zwei Gendarmen meldeten sich erst 12 Stunden nach dem Ende des Einsatzes auf ihrer Wache zurück. Zwischenzeitlicher Verbleib: ungeklärt. Ein weiterer gab in Vernehmungen zum Einsatz zu, er selbst habe Steine geworfen und auch einen der fliehenden Mapuche getroffen.

Selbst ziemlich alltägliche Ereignisse wurden plötzlich als Beleg für eine Verschwörung seitens der Gendarmerie oder einzelner Gendarmen gedeutet, die das Verschwinden von Maldonado zum Ziel hatte. So etwa die Tatsache, dass sich sechs der rund 100 am Einsatz beteiligten Gendarmen am nächsten Tag krank meldeten.

Demonstrationen und eine schwierige Suche

Währenddessen demonstrierten in ganz Argentinien zehntausende, meist friedlich, einige allerdings auch sehr gewaltbereit. Eine Großdemonstration in der Hauptstadt endete am 1.9. – einen Monat nach Verschwinden von Maldonado – mit Wandschmierereien, zerschlagenen Fensterscheiben und brennenden Barrikaden auf der Plaza de Mayo und der Avenida de Mayo (Fotostrecke). Es folgte ein Wasserwerfereinsatz, Gummigeschosse und 23 Festnahmen. 17 Verletzte wurden gezählt.

Die Suche nach Maldonado wurde von den Mapuche allerdings nicht unbedingt erleichtert, weil sie keinen Zugang zu dem von ihnen beanspruchten Land erteilen wollten – und die Behörden sich davon merkwürdigerweise beeindrucken ließen. Die Mapuche genossen ohnehin einige Narrenfreiheiten, die sich mir nicht ganz erschließen. Ein Staatsanwalt nahm tatsächlich die Protokolle von vermummten Mapuche auf, die sich auch nicht ausweisen wollten. Wann hätte man auch je gehört, dass unidentifizierte Personen nicht die Wahrheit sagen?

Im Netz und in den Medien liefen während der über zwei Monate dauernden Suche ein Kleinkrieg mit Behauptungen, Verdächtigungen, Gegenanschuldigungen und geschmacklosen Memes. Ich erspar euch die Details.

Tatsächlich gab es drei erfolglose Suchaktionen am Ort der Ereignisse. Beim ersten Mal am 16.8. wurde nur auf der westlichen Seite des Flusses gesucht. Bei der zweiten Suchaktion am 8.9. suchten die Kräfte auf beiden Seiten des Flusses und im Wasser bis einige hundert Meter flussabwärts. Beim dritten Mal wurde das komplette Gelände abgesucht, das die Mapuche für sich beanspruchen, immerhin 1260 Hektar. Inklusive rund sechs Kilometer Fluss. Alle drei Aktionen blieben ohne Ergebnis.

Eine Leiche im Wasser

Umso überraschender daher genau fünf Tage vor den Wahlen der Fund einer Leiche im Wasser bei der vierten Suchaktion am 17.10., nur knapp 300 Meter von der ursprünglichen Straßensperre entfernt, allerdings flussaufwärts.  Unmittelbar lief die Gerüchteküche in Medien, auf Facebook und Whatsapp an. Die Regierung habe den Leichnam dort heimlich platziert, spekulierte die Familie. Wie könne man sich sonst erklären, dass er nicht schon vorher gefunden worden sei? Und wahrscheinlich handele es sich gar nicht um Maldonado, auch wenn in der Kleidung dessen Ausweis gefunden wurde. Die Familie Santiagos jedenfalls erklärte öffentlich, sie werde den Leichnam erst als denjenigen ihres Sohnes bzw. Bruders anerkennen, wenn er ohne jeden Zweifel identifiziert sei.

Das geschah dann schon drei Tage später am Freitag vergangener Woche, als der Leichnam zur Autopsie nach Buenos Aires überführt war, weil man in den Bergen nicht die technische Ausrüstung für die Autopsie einer Wasserleiche hatte. Fünfzig Personen waren im Raum, weitere 30 sahen von außen zu – auch das ein unglaublicher Vorgang. Dass sie nicht live im Fernsehen übertragen wurde, war auch alles an Zurückhaltung. Aber Richter und Staatsanwaltschaft wollten sich nicht den Verdächtigungen aussetzen, sie hätten die Ergebnisse manipuliert. Deshalb nahmen auch Vertreter der Familie an der Untersuchung teil. Anschließend gestanden sie ein, dass es sich bei der Leiche tatsächlich um diejenige Santiago Maldonados handele, identifiziert anhand von Körpermerkmalen wie Tattoos.

Zwei Wochen warten müssen wir noch auf die genaue Todesursache. Immerhin wurde bei der Obduktion schon festgestellt, dass die Leiche keinerlei Spuren von Gewalteinwirkung aufwies. Er ist also weder erstochen, erschossen oder erdrosselt worden. Ob die Leiche die ganze Zeit im Wasser lag, werden erst weitere Analysen ergeben. Offenbar ist vorstellbar, dass der Leichnam zunächst unterging und die Faulgase ihn erst nach über 60 Tagen an die Oberfläche drückten. Immerhin lag er in einem sehr kalten Gebirgsfluss.

Taucher steht in Brackwasser mit vielen Sträuchern und Ästen darin

Der Rio Chubut ist an beiden Ufern stark zugewachsen, ein Durchwaten kaum möglich. Auch die Sicht auf das andere Ufer ist stark behindert.

Wie sich der Ablauf der Ereignisse wirklich abgespielt hat ist wohl nicht mehr ohne Zweifel zu klären. Im Lügenblatt Clarín zitierten sie schon letzte Woche einen angeblich reuigen Mapuche (den „Zeugen E“), der die Behörden auf die aufgetauchte Leiche aufmerksam gemacht habe. Er habe auch zugegeben, bei den ersten Vernehmungen über die angebliche Verhaftung von Maldonado nicht die Wahrheit gesagt zu haben, so Clarín. Tatsächlich habe er während der Räumung versucht, Maldonado durch den Fluss zu helfen, dieser habe aber umkehren wollen. Er selbst sei auf die andere Seite gelangt, habe Maldonado dabei aber aus den Augen verloren. Maldonado könnte auf dem Rückweg in eines der zwei bis drei Meter tiefen „Löcher“ im Boden des Flusses gerutscht sein. Das eiskalte Wasser, seine schwere Kleidung und die Tatsache, dass er nicht schwimmen konnte, könnten zu seinem Tod geführt haben. Bewiesen ist aber nichts.

Maldonados Bruder erklärte bereits, für ihn seien die Regierung und die Gendarme trotzdem für Santiagos Tod verantwortlich – irgendwie. Sie hätten ja schließlich die Straßenblockade gewaltsam geräumt. Ja, Herzchen, denn das ist ihr Job. Ex-Königin Cristina dekretierte schon 2012 in anderem Zusammenhang, sie habe zwar keine Beweise aber auch keine Zweifel an ihrer Sicht der Dinge. Das fasst den Geisteszustand glaube ich ganz gut zusammen. Man kann allerdings auch profanere Gründe annehmen: Laut Gesetz 24.411 gibt es für die Angehörigen von Opfern des Staatsterrorismus hohe monetäre Entschädigungen. Von Entschädigungen für ertrunkene Idealisten steht nichts im Gesetz. Den Vogel abgeschossen hat für mich aber wieder Página/12, die allen Ernstes behaupteten, die Gendarmen hätten sich der unterlassenen Hilfeleistung schuldig gemacht. Was fast so sei, als hätten sie ihn ermordet. Was wäre denn dann die Aufgabe der Mapuches gewesen, die Seite an Seite mit ihm durch den Fluss gingen und die am ehesten in der Lage gewesen wären zu helfen?

Ich mach mir die Welt…

Der Fall Santiago Maldonado ist ein Musterbeispiel für die politisch motivierte Ausnutzung eines tragischen Ereignisses, über das zwischenzeitlich derart viele Gerüchte im Umlauf waren, dass es dazwischen wahrscheinlich schon kein bisschen Wahrheit mehr gab. Mit der Ausnahme des Tatbestands, dass es einen jungen Mann namens Santiago Maldonado gab und seit dem 1. August niemand wusste, wo dieser sich aufhielt.

Die Aufregung um Maldonado ist im Grunde nur durch den Wahlkampf zu erklären. Denn es ist nicht so, dass es sich bei ihm um den ersten Verschwundenen seit der Militärdiktatur handelte. Schon vor fast 11 Jahren verschwand in La Plata Jorge Julio López, ein Maurer, der während der Militärdiktatur zu den Eingekerkerten gehört hatte. Er überlebte und stellte sich in Gerichtsverhandlungen gegen die Schergen der Diktatur als Zeuge zur Verfügung. Dank ihm sitzt einer davon, der ehemalige Polizist Miguel Etchecolatz, lebenslang in Haft. Einen Tag vor der Urteilsverkündung verschwand López. Sein Verschwinden ist bis heute unaufgeklärt. Auch dabei wird vermutet, dass ehemalige oder noch im Amt befindliche Polizisten (Kollegen von Etchecolatz) ihre Hand im Spiel hatten. Statt jedoch unabhängige Stellen mit der Untersuchung zu beauftragen, oblag die Suche nach López während der ersten 18 Monate (!) genau diesem Polizeiapparat. Präsident war zu dem Zeitpunkt übrigens Nestor Kirchner bzw. seine Gattin Cristina, Gouverneure von Buenos Aires die ebenfalls peronistischen Felipe Solá und anschließend Daniel Scioli.

Ebenfalls nach wie vor unaufgeklärt ist der Tod oder die Ermordung von Staatsanwalt Alberto Nisman im Januar 2014. Zwei von drei Gutachten zu den Todesumständen halten inzwischen die These von der Ermordung für wahrscheinlicher. Auch hier könnten staatliche Stellen – womöglich im Auftrag von ganz oben – beteiligt gewesen sein. In beiden Fällen waren die Rufe der Ex-Königin und ihrer Anhänger nach Aufklärung deutlich leiser. Dabei hätte man wenigstens den Tod Nismans auch Macri in die Schuhe schieben können. Der starb schließlich in der Hauptstadt, während Macri dort Bürgermeister war. Mit ein bisschen gutem Willen müsste doch da trotz fehlender Beweise auch der letzte Zweifel auszuräumen sein…

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Argentinien veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Wahlen 2017: Die Lust am Morbiden

  1. Marcel schreibt:

    Hola Helge: Was hälst Du eigentlich vom Uebernahmecoup von C5N, der einzige Sender der das (wirtschaftliche) Tun von Macri kritisch betrachtet hat? Das sind wirklich keine demokratischen Zustände mehr, wenn dem Volk fast nur noch regierungsgenehmer Einheitsbrei aufgetischt wird und so fast schon total manipuliert wird. Wenn Macri & Co in Sachen Schuldenaufnahme, überberwertetem Peso, negative Handelsbilanz (kein einziger Monat 2017 hatte einen Ueberschuss, nicht mal nach der Soyaernte — bedenklich) etc.so weitermacht, dann wird Argentinien irgendwann wieder aufwachen wie im Dezember 2001, wenn sich dieser Trend fortsetzt! Bei aller Kritik an Cristina, aber deren Wirtschaftspolitik war in dem Sinne doch noch etwas nachhaltiger, manchmal ist es gar nicht so schlecht, wenn man nirgends mehr Kredite bekommt, dann muss man selber etwas machen und kreativ werden. Aber Macri will Wachstum primär auf Pump erreichen wie das leider sonst schon die halbe Welt macht! Unserer Bundespräsidentin wurde anlässlich eines Argentinienbesuches verklickert: „Argentinien sei jetzt wieder auf dem „richtigen Weg“! Ich habe da so meine Zweifel, aber die Zukunft wird es uns ja zeigen!
    Saludos über den Fluss
    Marcel

  2. llamadojorge schreibt:

    Moin Marcel, danke für die Kommentare. Ja, Berichterstattung im TV ist zurzeit sehr einseitig, wobei es mir um so ein paar Gesichter bei C5N nicht wirklich leid tut (Navarro, Morales). Die haben große Gehälter abgegriffen und Propaganda gemacht – Journalismus konnte man das auch nicht nennen.
    Und überlebt hat der Sender wie die ganze Grupo Indalo ja schon seit Jahren nur dank finanzkräftiger Unterstützung durch von der Regierung geschaltete Werbung. Wie einige andere auch. Beziehungsweise nach dem Machtwechsel dann eben nicht mehr.
    Einigermaßen ausgewogen find ich noch die Radioprogramme von <a href="http://www.radionacional.com.ar/"Radio Nacional. Da findet man viele, auch kritische Stimmen, obwohl die ja eigentlich direkt von der Regierung abhängen. Ich hab’s ja aber ohnehin eher mit dem geschriebenen Wort, im TV und Radio wird mir zu viel rumkrakeelt. Eine wirkliche Debatte hab ich da selten gefunden, alle reden durcheinander und keiner hört mehr zu. Ich hab inzwischen dank einer App für’s Smartphone (Diarios Argentinos) angefangen mich auch von den großen Print-Medienhäusern wie Clarín und La Nación zu emanzipieren und mehr Perfil und Notícias (Editorial Perfil), Infobae.com (Daniel Hadad), Cronista Comercial (Grupo de Narvaez) zu lesen, die zumindest nicht in allen Fragen mit der Regierung auf Linie liegen. Ich guck auch gelegentlich in ámbito financiero (Grupo Indalo) oder página/12, wobei ich bei letzteren meist nur kopfschüttelnd wieder wegzappe. Mal gucken ob sich das ändert, jetzt wo Verbitsky angekündigt hat, ein Sabattical zu nehmen und Bücher zu schreiben. Und ámbito wird’s wahrscheinlich in Kürze so gehen wie C5N. Das fänd ich wirklich schade.
    Was Macris Außenhandelsdefizit angeht: nachhaltig sieht anders aus, keine Frage. Offenbar handelt es sich bei dem Defizit aber hauptsächlich um Importe von Autos und Finanzprodukten (was das wohl ist?) aus Brasilien, wenn ich den Cronista da richtig interpretiere. Acht bis neun Milliarden Dollar Defizit allein mit Brasilien in 2017 werden erwartet. Quasi das ganze Defizit mit einem Außenhandelspartner. Ob sich das bessert, wenn die Mercosur-Länder nächste Woche tatsächlich mit der EU ihren Freihandels-Pakt schließen? Oder wird dann alles noch schlimmer, weil noch mehr Importware reinkommt? Kann ich wirklich nicht beurteilen und hängt wohl auch davon ab, wie viel Fleisch, Obst und andere landwirtschaftliche Erzeugnisse die Südländer ohne Zoll in die EU verfrachten dürfen. Und da ist das letzte Wort ja bis jetzt nicht gesprochen. Wenn sich Macri, Temer und Co. da nicht über den Tisch ziehen lassen und tatsächlich ein gutes Abkommen für den Mercosur rausspringt halte ich das allemal für besser als die Notenpresse der Königin, die jahrein, jahraus vor sich hin ratterte. Und das wäre vielleicht auch für die EU mal ein Anlass endlich ihre Agrarpolitik zu reformieren.

  3. Marcel schreibt:

    Gut zuzugeben die Berichte in C5N waren teilweise schon im Bereich Wirtschaftspropaganda anzusiedeln, auf der anderen Seite wird in den Systemmedien auch vieles weggeschwiegen.
    Den Ambito Financiero schaue ich auch des öfteren an, ja wäre schade wenn der auch verschwinden resp. regierungskonformer gemacht würde.
    Gut seit ich kaum mehr drüben bin, kümmere ich mich nicht mehr so stark um die arg. Angelegenheiten. Für Uruguay ist der überbewertete arg Peso ein Segen – schon 2016/17 hatte der Turismus eine Rekordsaison und dieses Jahr wird vermutlich in der Beziehung auch ein Volltreffer.
    Hier in Colonia wollen sie ein „World Trade Center“ bauen
    http://www.wtccolonia.com/
    Mal schauen ob das etwas bringt und ob sich noch mehr Argentinier hier ansiedeln werden. Colonia ist dazu ideal, man ist weit von der Hektik von BsAs weg und doch nur eine Stunde davon entfernt. Vor allem in Sachen Kriminalität (mal abgesehen von Montevideo) geht es hierzulande immer noch etwas beschaulicher zu und her. All die Brückenprojekte über den Rio sind glaub auch wieder eingeschlafen, habe nichts mehr gehört, ausser glaub bei Nuevo Palmira gibts glaub noch ein Projekt – würde dann die Fahr-km von BsAs nach Colonia von rund 470 km auf ca 270 reduzieren.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s