Neulich, um 5:40 Uhr

Ein Rumpeln, ein Rumms, das Geräusch von zersplitterndem Glas. Hört man gerne zum Wachwerden am Sonntagmorgen. Wie ihr nicht? Dann ist Argentinien wahrscheinlich nix für euch.

Zumindest dann nicht, wenn ihr wie wir an einer Avenida wohnt, durch die um diese Uhrzeit viele – vor allem junge – Leute von privaten Feiern oder der Nacht in der Diskothek nach Hause fahren oder (gerne laut singend) laufen. Und da z.B. Hochzeitsfeiern hier gerne erst gegen 22 Uhr überhaupt anfangen, vor 1 Uhr morgens nicht mit dem Dessert gerechnet werden darf und dann erstmal noch mehrere Stunden abgezappelt werden muss, ist man gegen 5:40 einigermaßen übermüdet und vielfach auch alkoholisiert, wenn man sich auf dem Heimweg befindet. Ähnlich im übrigen die Diskotheken: die machen vor 1 Uhr zum großen Teil gar nicht auf. Dort gibt’s alkoholische Drinks zwar offiziell nur gegen Vorzeigen des Ausweises, der einen als mindestens volljährig bezeugen muss, aber dieses Problem lösen die Jugendlichen mit Vorglühevents im privaten Kreis. Mit anderen Worten: Die sind schon hagelvoll, wenn sie in der Hottehütte ankommen.

In übermüdetem und alkoholisiertem Zustand befand sich auch der junge Mann, der um 20 vor sechs mit seinem Fahrzeug auf unserer Straße unterwegs war und dabei wahrscheinlich weggedöst ist. Er verzog jedenfalls das Steuer und geriet mit den rechten Reifen auf den Bordstein. Da er offenbar nicht so ganz langsam unterwegs war, hob das Fahrzeug ab und parkte dann abrupt direkt hinter einem auf dem Gehweg abgestellten anderen Auto, wobei es allerdings versuchte, den gleichen Raum einzunehmen wie der Kofferraum des besagten geparkten Wagens. Was natürlich eine physikalische Unmöglichkeit ist, deswegen Rumms und Klirr. Da die Trägheit des bewegten Autos noch erheblich war, reichte diese außerdem, um den abgestellten Wagen mit der Vorderseite in den nächsten Strommast zu drücken und so ein merkwürdiges Sandwich zu formen.

Immerhin weckte dieser Vorgang nicht nur die gesamte Anwohnerschaft sondern auch den Fahrzeugführer, der torkelnd und bis auf eine Schnittwunde am Kopf scheinbar unverletzt aus seinem Auto stieg, einmal drum herum lief, um sich dann erstmal wiederholt auf den Gehsteig zu erbrechen. Kurze Zeit später tauchte der erste von insgesamt fünf Streifenwagen auf, deren Besatzungen zum größten Teil rumstanden und gelegentlich andere Fahrzeuge vorbeiwinkten. Mit der geballten Staatsmacht vor Ort traute sich nun auch die Fahrzeughalterin des geparkten Wagens (von uns in Unkenntnis ihres richtigen Namens ob ihres leichten Hangs zum Exhibitionismus nur „divina Gloria“, „göttliche Gloria“ genannt) im Negligée aus dem Haus, um den Verursacher des Unfalls in hysterischem Tonfall mit diversen nicht jugendfreien Verbalinjurien zu belegen.

Ich kann sie verstehen. Denn das Schlimme ist: Wenn sie Pech haben, kriegt keiner von beiden Geld von der Versicherung. Die Dame nicht, weil das Parken auf dem Gehweg auf unserer Straße offiziell verboten ist. Und der Herr nicht, weil er sich in nicht fahrtüchtigem Zustand hinters Steuer geklemmt hat. Letzteres kann offenbar unserer Nachbarin auch schon zum Verhängnis werden, denn hiesige Versicherungen zahlen bisweilen nicht an Geschädigte, wenn der Verursacher des Schadens narkotisiert war – durch welche Droge auch immer. Dies jedenfalls entnehme ich der Erfahrung meiner Schwägerin, der im letzten Jahr in ähnlicher Weise am Sonntag Vormittag ein alkoholisierter Autofahrer ungebremst an einer Ampel aufgefahren ist. Die damals anwesende Polizei beriet sie dahingehend, den Alkohol im Bericht besser nicht zu erwähnen, weil sich sonst die Versicherung des Herrn weigern würde, für den Schaden aufzukommen. Dann bliebe nur noch ein Arrangement mit dem Fahrzeughalter oder eine Privatklage auf Zahlung. Und damit viel Glück. Die hiesige Justiz hat seeehr langsame Mühlen und Recht gesprochen wird da meist für den, der jemand kennt…

Zurück zum Sonntagmorgen: Die freundlichen Helfer von der Polizei riefen eine Ambulanz, die Herrn Rummsundklirr – wahrscheinlich wegen des Schocks – zunächst mal abtransportierte. Ein Abschleppwagen kümmerte sich um seinen Wagen und der Wagen unserer Nachbarin stand noch einige Tage völlig verbeult am Straßenrand. Wirtschaftlich war das sicher für beide ein Totalschaden, eine Reparatur dürfte sich kaum lohnen. Als ich um 8:30 Uhr zum zweiten Mal aufstand, hatte sich divina Gloria trotzdem offenbar wieder beruhigt und fegte nur noch die Scherben zusammen. Aber ich wette, in dem kleinen Kiosk in ihrer ehemaligen Garage (!) zerreißt sie sich seitdem das Maul über diesen mongoloiden Hurensohn, der ihr Auto zu Schrott gefahren hat.

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Eine Antwort zu Neulich, um 5:40 Uhr

  1. Cecilia Gabbi schreibt:

    Uff! De lo que te acordás! Esto pasó hace varios meses y todavía dando vueltas en tu cabecita? Let go!!! 😉

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