Letzte „Überzeugungsversuche“ und ein Ameisenstaat

Heute ist Stichwahl und so gut wie alle Umfragen, die ich in letzter Zeit mitbekommen habe, sehen Mauricio Macri vor Daniel Scioli – trotz Angstkampagne. Daran hat offenbar auch die nationale Verbreitung der Panik-Parolen durch Scioli selbst während der Fernseh-„Debatte“* am letzten Sonntag mit mehr als 50% Einschaltquote nichts mehr ändern können. Macri geht als Favorit auf die Zielgerade.

Das mag erklären, warum eine Gewerkschaftsführerin am San Martín Krankenhaus in La Plata diese Woche ihren Mit-Delegierten direkt mit dem Rauswurf aus der Gewerkschaft drohte, falls sie am Sonntag nicht Scioli wählten. Man werde schon in Erfahrung bringen, wer die falsche Wahl getroffen habe. Wer Macri wähle, sei ein Gorilla (hier gebräuchlicher Begriff für Konservative und Rechte) und mit Gorillas habe man in der Gewerkschaft nichts am Hut. Da wolle man militante Peronisten, alle anderen könnten gehen.

Hier nachzuhören. (Ich hab eine dreiviertel Stunde versucht, die Sch…-Audiodatei hier einzubinden. Bei wp.com hochzuladen – wäre einfach, ist aber kostenpflichtig; sie irgendwo anders abzulegen und hier einzubinden – geht entweder nicht weil ‚Musik‘ nicht geteilt werden darf oder beispielsweise Google Drive so kryptische URLs erzeugt, dass der hiesige Audioplayer sie nicht als Audiodatei erkennt; oder die Soundcloud-Datei von anderen hier einzubinden – ohne Erfolg; wer mir verraten kann mit welchem Cloudspeicherdienst das problemlos geht, dem geb ich beim nächsten Besuch in Buenos Aires ein Bier aus).

Ähnlicher Druck wird offenbar auch andernorts (v.a. in Universitäten und Krankenhäusern) ausgeübt, nicht immer allerdings so „subtil“. 😉 Beispielsweise sollen sich ganze Universitäten als Institution für einen Kandidaten aussprechen. So zu hören in der Radiosendung Lanata Sin Filtro vom Donnerstag (ab ca. 1:59:30) bzw. nachzulesen in einem Schreiben der dort interviewten Dekanin der medizinischen Fakultät der Universität La Plata, die sich als einzige Fakultätsrepräsentantin weigerte, eine entsprechende Wahlempfehlung für Scioli zu unterzeichnen:

Arbeit für Ameisen

Genauso beschäftigt wie mit der Sicherung der Macht (an die sie aber wohl selbst schon nicht mehr so recht glauben) sind die Kirchner-Truppen im Übrigen mit Stellenbesetzungen auf die Schnelle. Da werden kurz vor Toresschluss noch Hunderte, wenn nicht Tausende von festen Stellen im öffentlichen Dienst besetzt, selbstverständlich nach Möglichkeit mit treuen Parteigängern auf wichtigen Posten wie Botschafter, gerne auch Verwandten von verdienten Ministern/Staatssekretären etc. „Nombramientos hormiga“, „Ameisenernennungen“ werden diese Blasen zum Ende nahezu jeder Präsidialamtszeit in Argentinien genannt.

Ein besonders dreister Fall solcher Ernennungen liegt schon drei Monate zurück. Damals erhielt die 26 Jahre alte Tochter von Verteidigungsminister Agustín Rossi einen Direktorenposten innerhalb der staatlichen Banco Nación (nicht zu verwechseln mit Banco Central, der Zentralbank), dotiert mit „mindestens 60.000 Pesos monatlich“ (ca. 5500 Euro). Hübsches Einstiegsgehalt. Die junge Dame hat ein Wirtschaftsstudium in Europa abgeschlossen, wo sie 13 ihrer 26 Jahre lebte, aber sie hat keinerlei Erfahrung in der Führung einer Bank. Sie war zuletzt als Beraterin eines Europaabgeordneten tätig.

Vermutlich würde man bei vielen der ernannten Ameisen ähnliche Defizite entdecken, wenn man alle Fälle ähnlich durchleuchten könnte wie diesen. Immerhin hat die junge Frau eine gesunde Einschätzung ihrer Lage. Sollte morgen Macri gewinnen „dürfte es schwierig werden„, dass sie ihren neuen Posten behalte.


 

* Ach ja, die Fernseh-„Debatte“. Die Kandidaten durften ihre Positionen zu vier verschiedenen Politikfeldern jeweils in zwei Minuten darlegen, und sich dann gegenseitig je eine Minute Fragen stellen, die wiederum eine Minute zu beantworten waren, eine Minute Rückfrage und wieder eine Minute Antwort. Furchtbar schematisch und genau so schlecht hat’s auch funktioniert. Scioli hat eigentlich zu allen Themenfeldern und auf alle Fragen immer wieder das Gleiche geantwortet („Mit Macri kommt die Abwertung, alles wird teurer und ihr verliert eure Jobs“), und auch Macri hat nicht auf eine Frage von Scioli eine wirkliche Antwort gegeben. Die moderierenden Journalisten beschränkten sich auf die Nennung der Themenfelder und die penible Einhaltung der Sprechzeiten der jeweiligen Kandidaten. Null Einmischung in die „Debatte“. Da lobe ich mir ein Format wie das von Sky News in Großbritannien, bei dem Moderator Jeremy Paxman die beiden Kontrahenten David Cameron und Ed Miliband gehörig in die Mangel genommen hat. Von mir aus hätte das ganze Format aus diesen Zwiegesprächen bestehen können, die Fragen aus dem Publikum waren für die beiden Politprofis dagegen eine leichte Übung des Wegbügelns.

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