Die argentinische Lügenpresse

„Lügenpresse“ als Unwort des Jahres in Deutschland. Angesichts der Geschichte des Wortes und der Repopularisierung im Zuge der dämlichen Pegida-Demonstrationen eine gerechtfertigte Wahl. Auch wenn sich die deutschen „Qualitätsmedien“ durchaus fragen lassen müssen, ob sie nicht in Fällen wie dem Ukraine-Konflikt (und wahrscheinlich nicht nur da) zu einseitig berichtet und sich so das Prädikat zumindest in Teilen verdient haben.

In Argentinien gibt’s seit Jahren auch eine „Lügenpresse“. Genauer: seit 2009. Während des Konflikts um höhere Ausfuhrsteuern für Sojaprodukte schwenkte im Jahr 2008 der Clarín-Konzern (vergleichbar mit dem Axel Springer Verlag, eine etwas ältere Übersicht findet sich hier) von der Unterstützung für die Kirchner-Regierung zum gegnerischen Lager. Ein Jahr später verloren die Kirchners die Zwischenwahlen zum Kongress und ihre dortige Mehrheit. Allerdings hatten sie noch Zeit, kurz vor dem Wechsel der Abgeordneten und Senatoren ein neues Mediengesetz durch den Gesetzgebungsprozess zu bringen, das insbesondere die Entflechtung der großen traditionellen Medienkonzerne (lies: Clarín) vorsah.

Schriftzug Clarin MienteWeil Clarín sich über Jahre gerichtlich gegen den Vollzug dieses Gesetzes wehrte und währenddessen mit seiner gleichnamigen Zeitung und diversen Fernseh- und Radiosendern die Opposition zur Regierung nur noch verstärkte, verfielen die findigen Propagandisten der Königin darauf, dessen Medien als Lügenpresse zu diffamieren. „Clarín miente“ stand plötzlich überall als Grafitti, Aufkleber oder riesige Plakate bei Fußballspielen, als Aufdruck auf T-Shirts, Mützen und Socken, die an Bedürftige verteilt wurden, selbst Wirtschaftsdelegationen auf Auslandsreise hatten die Botschaft im Gepäck. Im Staatsfernsehen läuft seit 2009 sogar mit „6,7,8“ eine ganze Sendung, die sich einzig damit beschäftigt, den Massenmedien – insbesondere Clarín – Lügen und Tatsachenverdrehungen nachzuweisen respektive anzuhängen. Gelogen und diffamiert wird dabei, dass es dem Herrn Joseph G. eine Freude gewesen wäre.

Riesiges "Clarin Miente"-Plakat bei einem Fußballspiel

Riesiges „Clarin Miente“-Plakat bei einem Fußballspiel (geklaut bei 442/Perfil)

Der Unterschied zu Deutschland ist offensichtlich: während es dort eine sehr diffuse Gruppe von Menschen ist, die sich im politischen System nicht repräsentiert sehen und ihre – teils recht krude – Weltsicht gerne in den Medien widergespiegelt sähen, ist es hier die Regierung mit ihrem gesamten Propagandaapparat, die die Medien der Lüge bezichtigt. Und das ist nicht irgendein Apparat, die Regierung gibt nach eigenen Angaben (!) immerhin täglich (!) knapp fünf Millionen Pesos (ca. 450.000 Euro) für politische Werbung aus, 1.763 Millionen im gesamten letzten Jahr. Und damit laut Medienberichten 3800% mehr als 2003, zu Beginn der Kirchner-Ära.

Und darin sind etliche Posten noch gar nicht eingerechnet, denn die Staatsmedien erhalten ihr Geld aus anderen Töpfen, ebenso die rein zu Propagandazwecken genutzten „Futbol para todos“ (Kostenpunkt: 1440 Mio. Pesos in 2015) und „Dakar para todos“ (Kostenpunkt: 244 Mio. Pesos für die laufende Saison).

Hinzu kommt, dass regierungsnahe Unternehmer in den letzten Monaten verstärkt Radios aufgekauft haben, insbesondere solche mit kritischen Inhalten. Etliche der dort beschäftigten Journalisten sind inzwischen abgewandert. Mein ehemaliger Lieblingssender Radio El Mundo (Slogan: „Ni opposición, ni oficialismo – periodismo“) beispielsweise wurde gekauft von Juan José Levy, einem Unternehmer aus der Kosmetikbranche, möglicherweise als Strohmann eines Sohns von Planungsminister De Vido (was dieser vehement abstreitet). Etliche der Programme wurden in der Folge gestrichen. Noch gibt es dort einige kritische Stimmen – mal sehen, wie lange. Über die Finanzierung werden sie sich kaum Gedanken machen müssen. An willfährige Medien schüttet die Regierung gerne aus ihrem großen Füllhorn der Propaganda aus.

Der große Feind Clarín ist übrigens inzwischen niedergerungen: Nachdem der oberste Gerichtshof das neue Mediengesetz im Oktober 2013 als verfassungsgemäß eingestuft hatte, musste der Konzern letztes Jahr einen Plan vorlegen, wie er gedenkt, die Auflagen zur Entflechtung zu erfüllen. Clarín wollte sich in sechs Teile aufgliedern, was von der Aufsichtsbehörde aber aufgrund von „Anomalien“ zurückgewiesen wurde. Dass der Konzern aufgespalten wird steht also inzwischen fest, nur das Wie ist noch unklar.

Gelogen wird in argentinischen Medien allerdings immer noch – nur inzwischen zunehmend im Regierungsauftrag.

Warnhinweis: Einen Großteil der hier zusammengetragenen Informationen habe ich aus der Lügenpresse. Darf man also nix von glauben.

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8 Antworten zu Die argentinische Lügenpresse

  1. antje schreibt:

    ach wie schön, deinen artikel gebe ich doch gleich weiter. meine leute in DE sind sowas von schlecht informiert, das wird ihnen sicherlich helfen. DANKE! und viele grüße ins offizielle lager 😉

    • llamadojorge schreibt:

      Liebe Antje, bitte, gern geschehen. Etwas irritiert bin ich allerdings über deinen letzten Satz. Ist das hier in der Nähe? 😕

      • antje schreibt:

        leider kann ich noch nichts weitergeben, die cooperativa von tanti ist pleite und ich ohne tel fijo y internet, und es kann dauern, bis es repariert wird/ werden kann.
        der letzte satz bezieht sich auf ck, das ist doch bei dir – oder etwa nicht?! 🙂

      • llamadojorge schreibt:

        Habt ihr eure Beiträge/Rechnungen nicht bezahlt oder haben die von der Kooperative schlecht gewirtschaftet? 😉 Ich steh allerdings schon wieder auf dem Schlauch und versteh dich nur halb: Wenn du hier Kommentare hinterlassen kannst, dann hast du ja offenbar irgendwo Internet, oder? 😕
        PS: Frau Königin hat sich doch den Knöchel verstaucht und ist derzeit zur Erholung, also nicht hier in der Nähe.

  2. Ruben schreibt:

    Jo, ich glaub deinen Artikel geb ich auch gleich per facebook weiter. Zum Glück verstehen viele meiner Argentinischen Kontakte kein Deutsch, sonst würde mal wieder eine Heisse debate in den Kommentaren folgen…meistens kriegt man davon Kopfweh 😉

    Grüße aus San Martin de los Andes!

    • llamadojorge schreibt:

      Aloha Ruben, freut mich, wenn’s in der einen oder anderen Weise gefällt. Ich halte den Blog bewusst auf Deutsch um genau die Debatten nicht zu bekommen, die du erwähnst. Kopfschmerzen hab ich schon so genug. Grüße zurück. Bist du in SMdlA im Urlaub oder inzwischen aus Córdoba umgesiedelt? Für beides kein schlechter Ort, nach allem, was ich erinnere (ist allerdings über 20 Jahre her, dass ich da war)…

      • Ruben schreibt:

        Bin erst umgezogen, mein Eltern haben hier eine Hosteria (www.barenhaus.com.ar) und ich arbeite für die nächsten sechs Monate im Rathaus. Ja finde ich toll das dein Blog weiterhin existiert! Grüße nach Buenos Aires!!

  3. antje schreibt:

    hallo helge, noch kein telefon aber internet… ja, die cooperativa hat schlecht gewirtschaftet, aber gut in die eigenen taschen. jetzt gibt es eine neue komission, die mit den schulden und dem schaden kämpft. es gibt ja auch andere internetanbieter, ja sogar bei uns auf dem dorf. internetcafes gibt es auch, dorthin kann ich dann ausweichen. bei den anderen internetanbietern bin ich unsicher, ob es mir da besser gehen würde…
    nun muß ich erstmal suchen, was im netz über das attentat und amia steht… und über den selbstmord, der (k)einer war ?!
    liebe grüße

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