Auswirkungen der angekündigten Staatspleite

Argentinien ist mal wieder in allen Medien, wie sonst nur zu Wahlzeiten, während der Fußball-WM oder wegen irgendwelcher Katastrophen. Diesmal ist es die angekündigte Staatspleite, die Medien rund um die Welt nach Buenos Aires blicken lässt. Dabei spielt sich das Drama eigentlich im Big Apple ab: New Yorker Hedgefonds haben vor einem dortigen Gericht erfochten, dass Argentinien fällige Zinsen auf umgeschuldete Anleihen, die über New York laufen, nicht auszahlen darf, solange nicht die Schuldtitel der Hedgefonds zu 100% plus Zinsen abgegolten sind. Kostenpunkt: Etwa 1,5 Milliarden Dollar.

Die „Geier-Fonds“, wie sie von der hiesigen Regierung gerne genannt werden, haben diese Schuldtitel nach der letzten Staatspleite zu Ramschkursen gekauft, als niemand damit rechnete, dass Argentinien sich nach dem Schuldenschnitt relativ rasch erholen würde. Wie viel genau sie damals pro Dollar Anleihewert auf den Tisch gelegt haben, wissen sie wahrscheinlich nur selbst. Aber es geistern Zahlen durch den Blätterwald, die nahelegen, dass es weniger als 10 Cent waren, sogar von weniger als 5 Cent ist bisweilen die Rede. Jetzt, nach rund 10 Jahren den vollen Preis plus Zinsen zugesprochen zu bekommen, garantiert ihnen eine hübsche Rendite von über Tausend Prozent Gewinn. Abzüglich der Kosten für langjährige Gerichtsverfahren und teure Anwälte.

Wir zahlen alles/nichts/oder?

Wenn sie denn kassieren können. Königin Cristina und Schatzmeister Kiciloff sträuben sich nämlich. Während sie einerseits beteuern, dass Argentinien all seinen Verpflichtungen nachkomme und weiter nachkommen werde, heißt es andererseits: die Geier kriegen nix. Zum Teil aus grundsätzlichen Erwägungen: So eine Rendite ist schlicht sittenwidrig. Andererseits aber auch, weil nach erfolgter Zahlung an diese „Holdouts“ – so heißen die Gläubiger, die 2005 und 2010 die beiden Umschuldungen zu 30% vom Nennwert nicht mitgemacht haben – auch die restlichen ihr Geld werden haben wollen. Aus den 1,5 Milliarden könnten so sehr schnell 15 Milliarden Dollar werden. Ein Präzedenzfall ist ja schon geschaffen und an diesen orientiert sich das Rechtssystem der USA sehr stark. Weitere Urteile könnten sehr schnell fallen.

Außerdem steht aber in den Umschuldungsbedingungen von 2005 und 2010, dass dies das beste Angebot ist, das Argentinien den Gläubigern machen wird. Sollte es zu einem späteren Zeitpunkt jemals ein besseres geben, hätten alle, die an der Umschuldung teilgenommen haben, ein Recht auf die Auszahlung der höheren Summe. Diese RUFO-Klausel („Right Upon Future Offers“) birgt daher das Risiko, dass Argentinien sofort wieder zahlungsunfähig wäre, denn dann würden plötzlich die Schulden von 2005 wieder in voller Höhe fällig. So offiziell die Befürchtung der Regierung.

Einen Automatismus dafür gibt es meines Wissens jedoch nicht, auch dafür müssten also erst mal Gerichte bemüht werden, was ja bekanntlich dauern kann. Außerdem hat die RUFO-Klausel aber ein Verfallsdatum: 31.12.2014. Vermutlich wird sich die Regierung daher Anfang nächsten Jahres mit den Geier-Fonds einigen, wenn keine Gefahr mehr besteht, dass alle anderen ehemaligen Gläubiger auch 100% plus Zinsen haben wollen. Ein halbes Jahr muss sie aber mit dem Ruf leben, säumiger Schuldner zu sein (auch wenn das nicht ganz stimmt: Argentinien hat schließlich die gerade fälligen 500 Millionen Dollar auf ein New Yorker Konto überwiesen, von dem es an die Gläubiger verteilt werden sollte; es bleibt dort nur so lange eingefroren, wie die Geier keine Beute kriegen – und weil die Gläubiger deshalb auch kein Geld sehen, gilt das technisch als Zahlungsausfall).

Pleite? Wieso Pleite?

Da Argentiniens Ruf aber ohnehin schon ruiniert ist, lebt sich’s als Pleitier ziemlich ungeniert. Im Volk wird die Regierung dafür gefeiert, den Geiern die Stirn geboten zu haben. Für deren Geschäftsmodell hat hier niemand Verständnis. Und die Königin ihrerseits hat schon angekündigt, fröhlich weiter das Geld rauszuhauen: das Budget für dieses Jahr wurde gerade durch einen Nachtragshaushalt um knapp 200 Mrd. Pesos aufgeblasen und übersteigt damit erstmals die Billionengrenze. Vorgesehen ist das zusätzliche Geld hauptsächlich für die Sicherstellung der Zuschüsse für Eisenbahn, Busse und Flugverkehr sowie für den Energiesektor. Klar: Nächstes Jahr wird gewählt, da muss man die Leute durch billiges Gas, Strom und Transport bei Laune halten.

Woher das viele neue Geld kommen soll ist allerdings nicht wirklich klar. Die Regierung plant mit 155 Mrd. Pesos zusätzlichen Schulden. Aber so lange Argentinien als zahlungsunfähig oder -willig gilt, wird im Ausland niemand dem Land Kredit gewähren. Bleiben inländische Geldquellen – in erster Linie Rentenkasse und Notenpresse. Bei der Regierung scheint jedenfalls noch nicht angekommen zu sein, dass das Land im Ausland wieder als Pleitekandidat gilt. Schließlich hat man ja bezahlt.

Auswirkungen im Alltag

Merkt denn der Mann oder die Frau auf der argentinischen Straße was davon? Ja und nein. Tatsächlich gibt es bereits seit geraumer Zeit Auswirkungen, auch wenn die Wenigsten das bislang in Zusammenhang bringen. Die Kapitalverkehrskontrollen, die hier vor über zwei Jahren verschärft wurden und den Kauf von Devisen und auch den Außenhandel immer schwieriger gemacht haben, sind Ausdruck davon, dass die Regierung alles versucht, die Dollarreserven der Zentralbank nicht noch weiter schrumpfen zu lassen. Die werden schließlich für die Bedienung von Schulden noch gebraucht.

Wer irgendwelche Güter ins Ausland schafft und dafür Euro oder Dollar erhält, meldet das bitte der Zentralbank sofort. Die tauscht die zu einem von der Regierung festgelegten Kurs um (der Dollarkurs, den die Sojaexporteure kriegen, liegt z.B. aktuell bei 5,356 Pesos, während der offizielle bei 8,20 Pesos und der Kreditkartendollar bei 11,138 Pesos liegen). Der Exporteur erhält also Pesos, die Devisen bleiben bei der Zentralbank. Wer importieren will und folglich Devisen benötigt, muss dies im Vorfeld anmelden und genehmigen lassen – was immer seltener geschieht.

So kommt es, dass sich bei mir allerhand unbrauchbares Zeug sammelt:

  • ein Computermonitor, der alle paar Minuten zu flackern anfängt, wäre reparabel – wenn denn ein Ersatzchip beschafft werden könnte
  • ein Drucker, der prima gedruckt hat, bis das Netzteil seinen Geist aufgab, wäre sicher ebenfalls wieder in die Gänge zu bringen, wenn das Netzteil denn aufzutreiben wäre
  • ein Toaster, bei dem ein Widerstand durchgebrannt ist, kann nicht repariert werden, weil angeblich keine Widerstände zu bekommen sind (ein Elektronik-Standard-Bauteil, gibt’s bei Conrad wahrscheinlich für ein paar Cent)
  • ein vier Jahre altes Handy, das ansonsten prima funktioniert, hat nur noch eine Batteriekapazität für ein halbes Telefongespräch. Ein neuer Akku für genau dieses Gerät ist aber, leider, leider, gerade nicht vorrätig und kommt auch nicht wieder rein
  • es ist aber nicht nur Elektronik: Diese Woche wollte ich den defekten Reißverschluss einer Regenjacke, die dank des Schiet-Wetters dieses Jahr im Dauereinsatz war, ersetzen lassen. Aber selbst Reißverschlüsse sind bereits Mangelware
  • und auch Medikamente aus dem Ausland oder mit importierten Bestandteilen werden schon wieder knapp (hatten wir schon mal zu Anfang der Importbeschränkungen vor zwei Jahren)

Wer demnächst nach Argentinien reist und noch ein bißchen Luft im Koffer hat, kann sich ja mal melden. Ich hab bestimmt Ideen für Mitbringsel, die ich gebrauchen könnte.

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7 Antworten zu Auswirkungen der angekündigten Staatspleite

  1. antje schreibt:

    hi helge, danke für den umfangreichen informativen artikel. ich erlaube mir, (erlaubst du mir? ) deinen artikel auf meinem blog zu verlinken, so gut kann ich nicht schreiben, und hier steht alles drin, was der interessierte wissen sollte, aber vielleicht gar nicht möchte 😉 liebe grüße und behalte bitte das schietwetter, hier ist es soooo schön (zur zeit).

    • llamadojorge schreibt:

      Liebe Antje, klar ist verlinken erlaubt. Und ok, Schietwetter bleibt hier (grummel)… 🙂 Dabei müsstest du als Inselpflanze von der Nordsee doch eigentlich wasserdicht sein. Ich komm ursprünglich aus Südhessen, da gab’s immer viel mehr Sonne als im (klimamäßig) doofen Hamburg… Ich hab von Haus aus daher keine Schwimmflossen. 🙂

      • antje schreibt:

        als inselpflanze liebe ich das inselwetter: wind, regen, sonne, von allem viel und schön im wechsel. norddeutsches schietwetter mag ich genausogern und wenig wie du;) ich schick dir ein paar sonnenstrahlen aus den sierras!

      • llamadojorge schreibt:

        Danke, sind angekommen!

  2. Pingback: helge schreibt… | mein nest in tanti

  3. Tobias schreibt:

    Hallo Helge, ich habe deinen informativen Blog mit viel Interesse gelesen. Ich werde am 15.10. in EZE landen, bevor ich mich auf dem Landweg nach Cordoba aufmache. Du hattest erwähnt, dass du event. das ein oder andere Conradprodukt benötigst… Kannst dich gern bei mir melden. Viele Grüße aus Leipzig. Tobias

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