Rodrigazo 2.0?

Seit Anfang des Jahres ist der bestgehasste Mann des Landes, der Staatssekretär für den Binnenmarkt und heimliche Wirtschaftsminister Guillermo Moreno, abgeschoben auf einen Posten in der argentinischen Botschaft in Rom. Er soll sich dort um die Wirtschaftsbeziehungen zwischen beiden Ländern kümmern.

Moreno war der Mann, der für die Fälschung der Inflationszahlen verantwortlich war, für die immer weiter verschärften Importbeschränkungen, für Preiskontrollen bei zunächst 500, inzwischen nur noch 100 wichtigen Produkten des täglichen Bedarfs und vieles mehr. Jede seiner Maßnahmen verschlimmbesserte im Grunde etwas, das er selbst mit vorherigen Entscheidungen ausgelöst hatte – so dass er meist nur Wochen später mit einem weiteren Dekret neue Einschränkungen verfügte.

Auch der alte Wirtschaftsminister ist Ende des letzten Jahres aus dem Kabinett ausgeschieden. Den kannten aber sowieso alle nur als den „Ich-will-weg“-Minister, seit er vor einem Jahr einer griechischen Journalistin auf die offenbar unbequeme Frage nach der Inflation nur mit „Me quiero ir“ antwortete und das Interview abbrach.

Der neue Wirtschaftsminister ist der alte Vize, Axel Kicillof, und der hat offenbar noch einige Schwierigkeiten, eine Linie zu finden (oder ich hab noch Schwierigkeiten, sie zu erkennen). Denn man kann Moreno viel vorwerfen, aber seiner Linie ist er treu geblieben. Der neue hat in den letzten Tagen einige Entscheidungen rausgehauen, die mir nicht recht zusammenzupassen scheinen:

  • am Montag hieß es, für Einkäufe physischer Produkte (also nicht Apps, Musikdownloads, E-Books und dergleichen virtuelle Waren; ebenfalls ausgenommen sind Bücher für den Eigenbedarf, Medikamente mit Rezept sowie Kunstwerke) per Internet im Ausland müssten künftig ab einem Warenwert von 25 Dollar pro Jahr (!) eidesstattliche Erklärungen beim Finanzamt abgegeben sowie ein Einfuhrzoll von 50% abgeführt werden. Ohnehin sind für Privatleute nur noch zwei Einkäufe pro Kalenderjahr (!) gestattet, wer drüber liegt, muss sich als gewerblicher Importeur registrieren.
    Dies summiert sich zu den ohnehin bestehenden Sondersteuern auf den Einsatz von Kreditkarten im Ausland von derzeit 35%. Ein Produkt für 100 Dollar kostet den Käufer entsprechend 185. Hintergrund ist selbstverständlich der massive Devisenschwund der Zentralbank, die innerhalb von einem Jahr rund ein Drittel ihrer Bestände eingebüsst hat, weil die Argentinier angesichts des Wertverlusts der eigenen Währung immer neue Mittel und Wege finden – legal und illegal – ihr Geld in Sachwerten oder in ausländischer Währung anzulegen.
»Solange ich Präsidentin bin, müssen diejenigen, die auf Kosten von Abwertungen des Pesos Geschäfte machen wollen, auf eine andere Regierung warten.«
Die Königin am 6.5.2013
  • am Donnerstag wertete die Zentralbank (sicher in enger Abstimmung mit der Regierung) den argentinischen Peso massiv ab. Von einem offiziellen Umtauschkurs von 7,14 Pesos pro Dollar rutschte der Peso innerhalb eines Tages auf 8,00 (zeitweise sogar 8,30) gegenüber dem Dollar – eine Abwertung von 12% und innerhalb des Januar (bislang: -22,7%) die höchste seit der Wirtschaftskrise 2002. Auch dies sicher ein weiterer Versuch, Importe und den Einkauf im Ausland unattraktiv zu machen. Der Schwarzmarkt-Dollar „Dolar blue“ machte die Abwertung nicht ganz so stark mit, liegt aber mit 13,10 Pesos pro Dollar heute ohnehin schon 60% über dem offiziellen Umtauschkurs.
Monatliche Abwertung des Peso gegenüber dem Dollar innerhalb der letzten zwei Jahre

Monatliche Abwertung des Peso gegenüber dem Dollar innerhalb der letzten zwei Jahre (letzter Monat Januar 2014 bis zum 23.1.)

  • am Freitag verkündeten dann Kabinettschef Jorge Capitanich und der schon erwähnte Kicillof, man habe sich entschieden, den Kauf von Dollar für Privatpersonen auch für Sparzwecke wieder zuzulassen. Begründung: der Dollar habe gegenüber dem Peso einen Wert erreicht, der „akzeptabel“ sei, um die wirtschaftspolitischen Ziele der Regierung zu erreichen. Seit rund zwei Jahren bekamen nur Touristen bei Vorlage eines Reisetickets die Genehmigung für den Kauf einer begrenzten Menge Devisen zum offiziellen Umtauschkurs. Nach wie vor bleibt aber die Anmeldung und Genehmigung des Kaufs durch die Finanzbehörde AFIP erforderlich.

Hä? Um noch mal klarzustellen warum mich die letzte Entscheidung etwas irritiert: die Argentinier kaufen Devisen wie blöd. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft ich von Bekannten und Verwandten schon angehauen worden bin, ob ich als Ausländer nicht an Dollar oder Euro käme oder noch welche gebunkert hätte, die ich ihnen verkaufen könnte. Zum Preis des Dollar/Euro Blue, versteht sich, also dem Schwarzmarktkurs! Sie sind also bereit, sehr viel mehr Geld auszugeben, als die Devisen nach offizieller Lesart wert sind, entweder weil sie sonst gar nicht drankommen oder weil sie die wirtschaftliche Entwicklung hier derart schlecht einschätzen, dass der Aufschlag von über 60% (zeitweise auch noch deutlich mehr) gerechtfertigt sei.

Wie die Regierung jetzt darauf kommt, dass die Millionen Argentinier nicht sofort losrennen und Dollar für Sparzwecke zum offziellen Kurs von 8 Pesos kaufen, wenn sie sogar bereit sind, über 12 zu zahlen, erschließt sich mir nicht. Zumal man ja – wenn man denn tatsächlich dran kommt, was noch zu beweisen wäre – ein tolles, risikoloses Geschäft machen kann, indem man die Dollar sofort wieder auf dem Schwarzmarkt verkauft (auch wenn der dann flugs zusammenbrechen oder sich zumindest sehr an den offiziellen Wechselkurs annähern würde).

Während die Regierung also auf der einen Seite alles Undenkbare unternimmt, um den Abfluss von Devisen einzudämmen, leistet sie an dieser Stelle plötzlich Schützenhilfe? Glaub ich nicht. Denn der Flaschenhals Finanzbehörde besteht ja weiterhin. Bei der heutigen Ankündigung war nie die Rede davon, ab welchem deklarierten Einkommen denn der Kauf der Devisen gestattet ist. Alle, die in Zukunft also abschlägig beschieden werden, haben einfach nicht genug Einkommen deklariert. Die „Freigabe“ wird also für die meisten Leute wahrscheinlich eine Ankündigung bleiben. Meint übrigens auch der ehemalige Zentralbankpräsident Aldo Pignanelli: „Bei der derzeitigen Marktlage ist es unmöglich, dass die Zentralbank den Devisenverkauf an Privatleute freigibt, weil die Nachfrage ungleich größer ist als das Angebot und die Reserven ohnehin bereits zu klein.“

Was diese konfuse Ankündigungspolitik allerdings schon bewirkt hat: Der Schwarzmarkt auf der Straße mit Leuten in den Fußgängerzonen, die „cambio, cambio“ rufen und Touristen in „cuevas“ führen, „Umtauschhöhlen“ (meist winzige Büros in heruntergekommenen Bürogebäuden), ist de facto erstmal zusammengebrochen. Was Razzien und Kontrollen nicht erreicht haben: die Unsicherheit hat’s geschafft. Keiner weiß im Moment, zu welchem Preis der Dollar und der Euro in Zukunft verkauft werden.

Leider ist das nicht auf den Schwarzmarkt für Devisen beschränkt. Von gestern auf heute sind Geräte wie Klimaanlagen um 500 Pesos teurer geworden – und zwar selbst solche aus nationaler Produktion. Verkaufen will sie trotzdem niemand, weil die Händler nicht wissen, zu welchem Preis sie nachkaufen können. Reisen ins Ausland sind andererseits innerhalb eines Tages komplett unverkäuflich geworden. Auch die Reisebüros wissen nicht, mit welchen Preisen sie kalkulieren sollen und die Kunden scheuen das Risiko angesichts des stark schwindsüchtigen Peso. Etliche Geschäfte haben sogar komplett geschlossen, die Besitzer warten offenbar lieber ab, als zu einem zu günstigen Preis zu verkaufen. Andere schlagen vorsichtshalber 50 oder 100% auf die bisherigen Preise drauf. Man weiß ja nie.

Was die Regierung vermutlich auch erreichen wird ist, dass die Exporteure lieber noch ein bißchen mit der Ausfuhr warten, weil sie später ja mehr Pesos für ihre Dollar bekommen; andererseits werden sich die Importeure beeilen, möglichst schnell möglichst viel Ware ins Land zu bringen, weil sie morgen ja mehr kostet. Was zu einer weiteren Abwärtsspirale bei den Devisenreserven führt.

So ’ne ähnliche Politik hat vor vierzig Jahren schon mal ein peronistischer Wirtschaftsminister gefahren. Auch Celestino Rodrigo wollte 1975 durch eine heftige Abwertung bestehende Ungleichgewichte in der Wirtschaft beseitigen. Was er jedoch erreichte war eine dreistellige Inflationsrate, fehlende Produkte einerseits, fehlende Kaufkraft andererseits. Diese Episode ging als als „Rodrigazo“ in die Geschichte ein. Von einem „Kicillazo„, einem Rodrigazo auf Raten, ist in den Medien schon die Rede…

Rodrigo musste übrigens nach nur 49 Tagen im Amt aufgrund massiver Proteste gegen seine Politik zurücktreten. Vielleicht hat Kicillof ja vor, Rodrigo zu beerben. Ich glaube, noch liegt er im Zeitplan.

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3 Antworten zu Rodrigazo 2.0?

    • llamadojorge schreibt:

      Danke Volker, guter Artikel. Treffend vor allem der Satz über das Wirtschafts“modell“:

      Ihr als Gegenmodell zum „Neoliberalismus“ vermarkteter, detailversessener Kontrollwahn über die Wirtschaft überfordert den Staat – und lädt zum Missbrauch geradezu ein.

  1. llamadojorge schreibt:

    Auch interessant der die Artikel von Mitblogger Taos Turner für das Wall Street Journal (in deutscher Übersetzung!).
    Und das österreichische Wirtschaftsblatt erläutert schön, wie es zu dem argentinischen Dilemma kommen konnte.
    Und im manchmal unnötig aggressiven, aber herrlich sarkastischen Gemeinschafts-Blog bubblear.com kann man (auf englisch) nachlesen, wie das System mit dem Dollarkauf genau funktioniert und warum es kaum der Mühe wert ist.
    Im gleichen Blog übrigens auch eine aktuell selten zu lesende Meinung: Die Abwertung des Peso sei im Sinne der Volkswirtschaft eine strategische Meisterleistung, Kicillof daher möglicherweise schlauer als man gemeinhin denkt und der eigentliche Verlierer der große Handelspartner Brasilien. Ich muss zugeben, ich bin ungefähr nach der Hälfte des langen Artikels geistig ausgestiegen und hab ein tl;dr am Ende gesucht und habe in Ermangelung dessen dann von unten wieder angefangen, zu versuchen zu verstehen, was der Autor da erklärt. Geschafft hab ich’s nicht. Vielleicht kann’s mir jemand anderes mal in einfachen Worten auseinandersetzen? Ich hatte Volkswirtschaft nur im Grundstudium…

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