Fromme Wünsche

Innerer Friede dürfte zu den frommen Wünschen der argentinischen Regierung gehören, die in letzter Zeit einige Probleme mit so genannten „saqueos“ hatte, Plünderungen auf Supermärkte. Antje hat darüber schon aus erster Hand berichtet. Beamte dürfen hier wie in Deutschland auch nicht streiken. Um dennoch höhere Löhne duchzusetzen, haben die Polizisten in Córdoba einfach aufgehört, Streife zu fahren und offenbar auch auf Hilferufe nicht mehr reagiert – eine Einladung für Ladendiebe.

Nachdem die Polizisten in Córdoba auf diese Weise eine erhebliche Erhöhung ihrer Gehälter erstritten hatten, griff das allerdings um sich, und im ganzen Land blieben plötzlich die Polizisten auf ihrer Wache und überließen die Inhaber von Läden und Märkten ihrem Schicksal. Anwohner, die diesen zu Hilfe kommen wollten, wurden teilweise von den gut organisierten Diebesbanden mit Schusswaffen eingeschüchtert. Ein paar Tote hat’s in dem Zusammenhang auch gegeben. Der Inhaber des chinesischen Supermarkts hier in der Straße hat seitdem seine Söhne dazu verdonnert, am Eingang des Marktes Wache zu schieben, um möglichst schnell schließen zu können, wenn der Mob sich nähert. Weise Entscheidung, aber ob’s hilft…

Ein anderer Klassiker für fromme Wünsche ist natürlich Gesundheit, ohne die bekanntlich alles andere Nichts ist. Die wünsche ich von dieser Stelle mal insbesondere Antje und Raúl, die es dieses Jahr ziemlich gebeutelt hat. Und meinen Nichten und Neffen, die gerade die Windpocken und Magen-Darm-Grippe gleichzeitig haben. Haltet durch, das blöde Jahr mit der 13 im Namen ist bald vorbei!

Dem Volk hier in und um Buenos Aires drückt noch an ganz anderer Stelle der Schuh: hier ist es seit gut zwei Wochen richtig heiß, was zu hohen Stromverbräuchen (->Klimaanlagen!) führt. Und das wiederum führt dazu, dass an allen Ecken und Enden die Jahrzehnte alten Kabel und Trafos durchbrennen, die hier den Strom überirdisch verteilen. Zusätzlich zu den den ohnehin nur teilweise und provisorisch behobenen Schäden durch den Tornado vor drei Wochen.

Etliche Menschen haben so seit Tagen keinen Strom, weil es die Elektrizitätsgesellschaften auch nicht schaffen, kontrollierte Stromabschaltungen vorzunehmen (z.B. Viertelweise ein paar Stunden am Tag), was wahrscheinlich schon helfen würde. Stattdessen gibt’s ein paar Glückliche (wie uns), die fast ohne Unterbrechung Strom haben (ein paar Mal ein paar Stunden waren bisher alles), und andere, die – sofern sie nicht einen kleinen Generator für die wichtigsten Sachen besitzen – seit Tagen im Dunkeln und vor allem Heißen sitzen. Denn Schlafen ist bei Tiefsttemperaturen um 25° ohne wenigstens einen Ventilator ziemlich schwer, wenn sich das Haus den ganzen Tag über bei 35° und mehr aufgeheizt hat. Ok, Schlafen mit Generatorlärm vor dem Fenster ist auch nicht einfach.

Mein frommer Wunsch ist daher, dass uns der Strom nicht wegbleibt – und er bei den Nachbarn, die keinen haben, möglichst schnell wiederkommt. Frohe Weihnachten allen da draußen!

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8 Antworten zu Fromme Wünsche

  1. Volker schreibt:

    Wie muss man sich das vorstellen mit den Stromabschaltungen? Sind da nur Privathaushalte betroffen? Ansonsten stelle ich mir das schon sehr problematisch vor, wenn Restaurants ihre Lebensmittel (Frischfleisch) nicht mehr kühlen können oder die TK-Truhen und die elektronischen Kassensysteme in Supermärkten aus sind, um nur mal zwei Beispiele zu nennen.

    • llamadojorge schreibt:

      Hallo Volker, nein, das betrifft alle und jeden. Supermärkte, Industrie, Kleingewerbe, Haushalte, Restaurants… In der Tat ist es problematisch, unmittelbar nach einem Stromausfall einkaufen oder essen zu gehen, weil man nicht sicher sein kann, dass die Kühlkette nicht unterbrochen wurde. Am besten isst man an den ersten Tagen Obst, das muss man nur waschen und man sieht ihm sofort an, wenn es verdorben ist. Leider sind die Stromausfälle republikweit gerade derart häufig, dass man kaum vermeiden kann, irgendwann auch verdorbene Ware angedreht zu bekommen.
      Meinen Wunsch übrigens hat der Weihnachtsmann nicht erfüllt. Pünktlich am Heiligabend um ca. 18:00 ging der Strom aus und blieb aus bis vor ca. 2 Stunden (26.12., 17:00, also rund 47 Stunden). Kühlschrank und Gefrierschrank sind natürlich abgetaut, einige der Inhalte bei den Schwiegereltern untergebracht (die zum Glück Strom hatten), viel weggeschmissen. Schlimm waren die letzten beiden Nächte: um 3 Uhr morgens noch 32 Grad und kein Lufthauch nirgends. An erholsamen Schlaf ist da kaum zu denken.
      Mein Eindruck ist, dass zwar der rotgewandete Geschenkelieferant meinen Wunschzettel nicht gelesen hat, offenbar aber die Leute von unserem Versorger Edesur. Mein Hinweis auf unsere Insel der (relativ) Glücklichen mit nur wenig Stromausfällen wurde von ihnen gleich zum Anlass genommen, die Insel zu versenken. Volltreffer, Gratulation.
      Ich habe das wiederum zum Anlass genommen, uns zunächst mal einen eigenen Stromgenerator zu beschaffen (einen der letzten in der Umgebung zu einem Mondpreis). Kurz bevor ich den aber in Betrieb nehmen konnte, war der Strom wieder da. Für den nächsten Ausfall immerhin bin ich gerüstet(er).
      Mittelfristig will ich mich mal schlau machen, ob man nicht mit Photovoltaik-Panelen und Auto-Batterien eine umweltfreundlichere Ausfallsicherung zaubern kann. Bei der Sonneneinstrahlung in den letzten Tagen und etlichen Quadratmetern ungenutzter Dachfläche müsste es eigentlich mit dem Teufel zugehen, wenn das nicht zu machen wäre. Allerdings hab ich keine Ahnung von den ganzen Berechnungen, die man anstellen muss, damit auch die Leistungsreserven erreicht werden, die zum Betrieb von Kühl- und Gefrierschrank, Beleuchtung und vielleicht einem oder zwei Ventilatoren nötig sind. Wenn sich da jemand auskennt: Bitte melden!

  2. llamadojorge schreibt:

    Hab gerade in den Nachrichten gesehen, dass es natürlich noch Menschen gibt, denen es weit schlechter geht als uns: In der Innenstadt gibt es Bezirke, in denen die Menschen seit 10 Tagen keinen Strom haben. Großartig, wenn man im 8. Stockwerk Nordseite wohnt (hier kommt die Sonne von der anderen Seite): keine Klimaanlage, kein Aufzug, kein Wasser (muss schließlich in den Tank auf dem Dach hochgepumpt werden). So schlimm wie dieses Jahr war es noch nie, seit ich in Argentinien bin…

  3. Volker schreibt:

    Hallo Helge, vielen Dank für die ausführliche Antwort. Ich verfolge das mit der Rekord-Hitzewelle (und andere Dinge) durch einen täglichen Besuch auf Clarin.com. Die deutsche Presse interessiert sich dafür nicht, obwohl vor einer Woche tatsächlich mal ein kurzer Bericht in der „WELT“ über die Plünderungen und den Polizeistreik in Argentinien erschien.

    Ich kann halbwegs nachempfinden, wie Ihr unter der Hitze leidet. Wohne selber in einem Haus, das sich in der Sommerhitze binnen kurzer Zeit aufheizt und wo es nachts dann nach ein paar Tagen auch nicht mehr unter 27 Grad abkühlt. Die Mauern und das Dach speichern die Tageshitze wie ein Backofen. Ohne Ventilator am Bett geht da nichts mehr, und trotzdem leidet man natürlich. Aber ohne Strom, Licht und kühle Getränke mag ich mir das gar nicht vorstellen.

    Als Deutscher fragt man sich natürlich, warum Argentinien nicht die notwendigen „Reformen“ vornimmt, um die offenbar absehbaren Probleme zu beseitigen. Zumindest mal für die Hauptstadt. Aber die finanzielle Lage – so stand es in dem Artikel der WELT – soll ja so katastrophal sein, dass Experten sogar mit einem großen Finanzcrash im nächsten Jahr rechnen.

    Ich hoffe, Argentinien kriegt doch noch irgendwie die Kurve, auch wenn es momentan nicht gut aussieht.

    • llamadojorge schreibt:

      Alle 12-13 Jahre eine Krise: 1976 (Militärjunta), 1989 (Hyperinflation), 2001 (Zahlungsunfähigkeit). Und 2014 ?
      Was die Reformen angeht: Je nachdem, wen man fragt, kriegt man unterschiedliche Antworten auf die Frage, wer schuld ist am derzeitigen Dilemma: Die Regierung sagt, die Stromversorger, weil die nicht in die Netzinfrastruktur investieren; die Stromversorger sagen, von den gegenwärtig lächerlich geringen Strompreisen können sie keine Investitionen vornehmen, die reichen gerade zum Überleben des Anbieters. Ein ehemaliger Staatssekretär für Energiefragen sagt, die Stromanbieter hätten in den ersten Kirchner-Jahren das Geld der Kunden schubkarrenweise ins Ausland geschafft, das fehle jetzt für den geordneten Betrieb der Stromnetze. Meines Erachtens haben auch die Stadtplaner und Architekten eine nicht unerhebliche Schuld, weil immer neue Gebiete für Hochhausbau (und entsprechende Siedlungsverdichtung) ausgewiesen werden und neue Wohngebäude bisweilen ausschließlich auf Strom ausgerichtet werden: zum Heizen und Kühlen, zum Kochen, für Warmwasser. Das Verlegen von ein paar Stromkabeln geht eben einfacher und schneller als der Aufbau eines Gasnetzes innerhalb eines Gebäudes. Passive Techniken zur Verbrauchsminderung sind hier unbekannt. Das Wachstum des Verbrauchs ist dadurch erheblich, die Angebotsseite kann nicht Schritt halten: Sicherungen fliegen raus, Kabel schmoren durch, Transformatoren explodieren.
      Solange alle mit dem Finger auf die jeweils anderen zeigen, die angeblich was tun müssten, wird sich daran wohl auch so schnell nichts ändern.

  4. antje schreibt:

    da gibt´s ja auch politiker, die sagen, wir verbraucher sind schuld. 1. weil wir wegen der hitze mehr strom verbrauchen und 2. weil wir den elektrizitätswerken nicht melden, daß wir mehr e-geräte gekauft haben.
    danke auch für das/den pingback! und ja, 2014 wird hoffentlich besser, zumindest was die gesundheit angeht.
    liebe grüße

    • llamadojorge schreibt:

      Stimmt, dämliche Verbraucher gibt’s auch, die trotz Energiekrise ihre Weihnachtsbeleuchtung an- und aus- und wieder angehen lassen. Oder ihre Klimaanlage Tag und Nacht laufen lassen, obwohl sie nicht zuhause sind, damit’s schön kühl ist, wenn sie zur Tür reinkommen (hab so jemanden tatsächlich in der Bekanntschaft und ich fürchte, sie ist nicht die Einzige). Von tausenden Stand-By-Geräten will ich gar nicht anfangen…

  5. Pingback: heiss und kein eis | mein nest in tanti

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