Die Königin gibt ein Interview!

Tatsächlich: die Königin stand (saß) einem Journalisten Rede und Antwort. Allein das ist in Argentinien schon eine Nachricht, weil das so gut wie nie passiert. Meist hält sie stundenlange Monologe vor ihren Parteigängern, Nachfragen unerwünscht. Und es käme wohl auch keiner von den Clacqueuren auf die Idee mal eine kritische Frage zu stellen.

Leider kam das dem Journalisten des Staatsfernsehens, der die Chance gehabt hätte, offenbar auch nicht in den Sinn. Der Mann, der gut als der jüngere Bruder von Otti Fischer durchgehen könnte (was den Körperbau und die fehlende Mimik angeht), war schon im Einspieler des seltenen Ereignisses zu sehen mit der Aussage, dass er der Präsidentin näher gekommen sei und wenn das Interview noch eine halbe Stunde länger gedauert hätte, wären sie als alte Freunde auseinandergegangen.

Screenshot aus dem Interview mit Königin Cristina

Screenshot aus dem Interview mit Königin Cristina

Abgesehen davon war der Herr sichtlich nervös und vernuschelte die ersten Fragen derart, dass ich bei Youtube ein paar mal zurückspulen musste, um zu verstehen, was er eigentlich sagt. Mal ein paar seiner Fragen zur Auswahl:

  • Die mächtigen Länder versuchen Argentinien wegen seiner Schuldenzahlungen zu disziplinieren. Was hat das für die Diskussionen beim G20-Treffen zur Folge? Wenn Sie den anderen Präsidenten die Situation Argentiniens darlegen mit den unvorteilhaften Welthandelsregeln – was sagen die dann?
  • Argentinien hat über 170 Mrd. Dollar an Schulden zurückgezahlt, ziemlich genau die Summe, die es schuldete. Wie ist da das Argument aufrecht zu erhalten, Argentinien wolle nicht zahlen?
  • (Auf eine längliche Ausführung der Königin, warum die Regierungschefin eigentlich nicht die mächtigste Frau im Staate sei, weil sich die Macht gar nicht an der Stelle der Regierung konzentriere sondern bei Interessengruppen, Medienmonopolen etc.) Ich stelle mir vor, dass die Politik von diesen Interessengruppen auch unter Druck gesetzt wird. Wenn ein Unternehmer droht, 1500 Leute auf die Straße zu setzen, ist das nicht eine Form von Erpressung?
  • Ich möchte ihnen eine metaphysische Frage stellen. Viele von uns halten den Kirchnerismus für etwas Reales, etwas Existentes und wir wüssten gern: Was ist der Kirchnerismus? Wie steht er zum traditionellen Peronismus? Zum Progressismus? Zum PJismus (von Partido Justicialista)?

Und so weiter und so fort. Ein Stichwortgeber für die Monologe der Präsidentin. Erst am Ende der ersten halben Stunde des insgesamt einstündigen Interviews (nächsten Samstag gibt’s Teil zwei) blitzt etwas wie eine Nachfrage auf, wenn auch vollkommen harmlos. Nachdem die Königin zuvor lang und breit ihre absolute Loyalität zu Perón beschworen hatte und in diesem Zusammenhang auch ihre Anwesenheit bei der Schießerei zwischen rechts- und linksgerichteten Peronisten anlässlich dessen Rückkehr aus dem Exil 1973 erwähnte, fragt er: Was würde die 20jährige von damals Ihnen heute sagen? Ohne Antwort und mit diesem Cliffhanger endete der erste Teil.

Warum sich das Anschauen trotzdem lohnt

Ich fand es trotz allem ganz interessant einen Einblick in das Weltbild der Königin zu bekommen. Die Dame rückt sich immer wieder in die Opferrolle: als 20jährige, die vor der Schießerei in den Wald flieht, als Abgeordnete der Regierungspartei in den 1990ern sieht sie sich in der Opposition, selbst als Regierungschefin hat sie eigentlich weniger Macht als Interessengruppen, die sie unter Druck setzen.

Ganz schön hart, so ein Leben als Königin. Und trotzdem nimmt sie all das auf sich, damit es den Argentiniern besser geht. Danke, Cristina.

Zum Abschluss auch von mir noch eine Frage ohne Antwort: Wird der Stichwortgeber im zweiten Teil noch eine Frage nach Ihm stellen?

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5 Antworten zu Die Königin gibt ein Interview!

  1. geoben2013 schreibt:

    Ich hätte mir auch viel lieber ein Kritisches Interview gewünscht. Das war mal wieder einer ihrer Monologe nur durch einer zweiten Person „koordiniert“.

  2. Marcel schreibt:

    Jetzt gibt es erst mal 30 Tage Prinz Boudou – ihr Aermsten!
    Und die Beziehungen zu uns Urus scheinen ja wieder mal auf einem Tiefpunkt anzugelangen – die Piquteros schon wieder auf der Brücke – was meinst eigentlich Du als Umweltspezialist zu den Streitereien?
    Dafür ist jetzt Gardel doch aus Tacuerambo – so steht es in seiner ersten argentinischen DNI zumal – dafür will ja die Königin uns Artigas abspengstig machen – der komme aus Grossargentinien …. haha
    Am 15.10. gehe ich den Superclassico im Estadio Centenario in Montevideo gucken: Uruguay – Argentinien …wird sicher sehr emotional

    • llamadojorge schreibt:

      Hallo Marcel, ich bin noch nicht völlig überzeugt, dass die Königin wirklich nicht amtsfähig ist. Der Dame traue ich auch zu, dass sie wegen eines Sympathiebonuses vor den Wahlen ihren schlechten Gesundheitszustand spielt. Dann würde Prinz Amado zwar nach außen den Herrscher geben, aber im Palast regierte weiterhin die Königin. Kann natürlich alles ganz anders sein und ihr geht’s wirklich schlecht. Dann will ich nix gesagt haben und wünsch von hier mal gute Besserung.
      Was den Streit um Botnia (bzw. UPM Fray Bentos) angeht, wollte ich sowieso mal wieder was schreiben. Bietet sich angesichts der derzeitigen Situation ja auch an. Hab aber gerade keine Zeit mich hinzusetzen und das auch zu machen, zu viel anderes um die Ohren. Kommt aber! Grüße über’n Fluss.

  3. Marcel schreibt:

    Hallo Helge – dann sind wir ja alle gespannt was sie morgen der Königin aus dem Kopf operieren – vielleicht ist in dem Hirnteil ja ausgerechnet das vollständige „Modell K“ drin – und schwuppsdiwupps – habt ihr eine völlig veränderte Königin 🙂 Fast wie im Märchen…
    Aber ich glaube nach so einer Operation wird sie sich schon schonen müssen – nichts mehr mit rumschreien und so.
    Jetzt also doch – der Commander in Chief – Prinz Amado der I.
    .
    Ob sie, resp. ihre Partei wohl am 27.10. jetzt noch Mitleidsstimmen bekommen wird – alles sehr offen
    Grüsse auch über den Fluss

    PS Ich hoffe, dass unser Pepe am Freitag den Friedensnobelpreis bekommt – aber laut den Wettbüros scheint er Aussenseiter zu sein – bekommt nicht mal eine Wettquote gestellt.
    Kusturica macht ja jetzt einen Film über ihn – darum hat er vor der UNO auch geschlagene 45 Minuten lang seine politphilosophische Poesie vorgetragen – Denkanstösse hat er genug für diesen Planeten – vom Konsumverhalten über den Highendfinanzkapitalismus, Oekologie bis hin zur Frage um was geht es denn wirklich in diesem Leben – Hast die Rede gehört? Eigentlich schon nobelpreiswürdig – vom Tupamaro über die Foltergefängisse bis zum Präsidenten – und dabei noch hassfrei und selbstkritisch bleiben – das ist schon eine bemerkenswerte Leistung!

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