Schuldig bis zum Beweis des Gegenteils

Ich bin schuldig. Hat die argentinische Regierung gestern im hiesigen Bundesanzeiger, dem Boletín Oficial verkündet. Ohne Anhörung, ohne Verhandlung, einfach per Resolution. Und mit mir Hunderttausende andere Argentinier.

Wer hier über 500.000 Pesos im Jahr verdient und/oder ein Vermögen von mehr als 305.000 Pesos hat (das Limit für die Zahlung von Vermögenssteuer), der hat, so die argentinische Regierung in ihrem weisen Ratschluss, auch Hausangestellte. Insbesondere das zweite Limit erreicht hier schnell, wer ein Haus oder eine Wohnung und womöglich noch ein Auto sein eigen nennt (selbst eine 1-Zimmer-Wohnung in Buenos Aires unter 300.000 Pesos ist aktuell nahezu ein Ding der Unmöglichkeit, Kleinwagen vom Stil Fiat Uno kosten von 60.000 Pesos aufwärts, so was vergleichsweise Normales wie ein Golf GTI kostet hier um die 250.000).

Für die Hausangestellten sind selbstverständlich auch Kranken- und Rentenversicherungsbeiträge zu zahlen (und da kommen wir zum eigentlichen Anlass der Resolution Nr. 3492). Kostenpunkt ab Mai 2013: 135 Pesos pro Monat. 35 für die Rente, 100 für die Krankenversicherung. Und wenn ich diesen Blog-Eintrag des Steuerberaters LoCane richtig verstehe, wird die AFIP (das hiesige Finanzamt) meine Schulden bei Kranken- und Rentenversicherung schätzen, wenn ich nicht bis Anfang Juni meine Hausangestellten angebe.

Falls ich der Ansicht sein sollte, dass sich bei mir im Haus gar keine Hausangestellten befinden, muss ich das beweisen. Keine Ahnung, wie man etwas beweist, das nicht da ist, aber die Beweislast liegt zweifelsohne bei mir, nicht etwa bei der argentinischen Regierung. Die weiß ja schon, dass ich Hausangestellte habe, steht ja im Boletín Oficial.

Clever ist, dass Königin Cristina gerade mit ihrer Justizreform auch gerichtliche Verfügungen gegen staatliche Anordnungen de facto abgeschafft hat. Ich könnte also vor Gericht ziehen und mit ein bißchen Glück eine einstweilige Verfügung erwirken, nach der ich nicht gezwungen wäre, die 135 Pesos im Monat für eine nicht existente Hausangestellte zu zahlen. Der Staat würde aber Einspruch erheben und damit wäre die Verfügung sofort wieder wirkungslos. Ist das nicht schön ausgedacht?

Offenbar ist den Regierenden aber auch schon aufgefallen, dass nach der derzeitigen Lesart der Resolution jeder zweite argentinische Haushalt unter diese Anordnung fallen würde. Deshalb gibt es inzwischen ein Erratum zum Anzeiger mit einer klitzekleinen Änderung. Danach sind nur noch diejenigen betroffen, die mehr als 500.000 Pesos im Jahr verdienen und Vermögenssteuer zahlen. Leider haben sie im folgenden Halbsatz ein zweites „oder“ übersehen. Danach sind immer noch diejenigen erfasst, deren Vermögen – egal ob für die Vermögenssteuer relevant oder nicht – den entsprechenden Schwellenwert überschreitet. Ob wir morgen ein Erratum des Erratums kriegen?

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8 Antworten zu Schuldig bis zum Beweis des Gegenteils

  1. Die einzige Lösung, die ich sehe: Schaff Dir eine Hausangestellte an. *duck und weg

  2. llamadojorge schreibt:

    Das wäre in der Tat eine Möglichkeit. Da müsste ich aber einen Sponsor für finden. Nach dem Motto: „Ihre Putzhilfe, mit freundlicher Unterstützung von „. Angebote?

  3. Wieso? Wird doch nicht so teuer, wenn Du sie schwarz arbei … äh, achso. Das ist doch alles nur, weil wir nicht so ehrlich sind wie unsere Regierung. Da muss sie halt nachhelfen. Ist allein unsere Schuld. Ich sag mal: „Nadie va a robar nada, Jorge, quedate tranquilo, querido“.

    Me quiero ir.

  4. Pingback: Haste ma’ ‘nen Messi? « ARGENTINISCHES TAGEBUCH

  5. antje schreibt:

    o je o je! was verpasse ich da gerade? komm ich noch wieder rein ins königinnenreich?
    liebe grüße aus deiner heimat

  6. llamadojorge schreibt:

    Klar, rein geht’s immer. Hier kannst du ja keine Devisen ausgeben (theoretisch). Falls du in D eine argentinische Kreditkarte für irgendwas einsetzt (v.a. um am Automaten Geld zu ziehen), heb Quittungen von allem auf, was du damit kaufst. Die Zentralbank will die hinterher sehen und du kannst dich schlecht drauf rausreden, dass die im Freudenhaus oder auf dem Straßenstrich leider keine Rechnung ausstellen…

  7. Marcel schreibt:

    Gehört das zum Wahlprogramm für den Frühling – vermutlich wird es mehr Dienstmädchen als Gutverdiener über 500’000 A$ geben und Geld bringts auch noch in die Kasse (die Löcher der ANSES ein bisschen auffüllen) – ja die sind mittlerweile richtig dreist und durchtrieben – Echegaray ist ja einer der treuesten und kreativsten Vasallen der Königin – und da sie mit den Stimmen der Gutverdienenden eh nicht rechnen gibts jetzt vermutlich Umverteilungsaktionen bis zu den Wahlen Ende Jahr…die Villas müssen bei Laune gehalten werden 🙂

    • llamadojorge schreibt:

      Ist ja nicht so, dass das mit der Umverteilung neu wäre… Allerdings, glaube ich inzwischen, geht der Großteil der umverteilten Gelder in die Taschen der Großkopferten. Keine Ahnung ob du auf der anderen Seite vom Fluss „El Trece“ empfangen kannst. Falls nicht, die letzten vier Sendungen von Lanatas „Periodismo Para Todos“ gibt’s auch online und die treiben einem wahrhaftig die Tränen in die Augen. Was Königin Cristina, ihr Mann und ihre Kumpels schon alles zusammengerafft haben ist wirklich unfassbar… Und wie bei Evita: die „Hemdlosen“ lieben sie… Schuld ist daran in meinen Augen vor allem der Mangel an Alternativen. Wenn mir als Slum-Bewohner nur die Präsidentin ein Angebot macht und das Programm der anderen Parteien sich darin erschöpft, dagegen zu sein, weiß ich natürlich, wem ich meine Stimme gebe.

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