Chagas, die vergessene Krankheit

Im Deutschlandradio Kultur lief heute in der Weltzeit ein interessanter Beitrag über die vergessene Krankheit Chagas, mit der laut WHO in Lateinamerika immerhin 10 Millionen Menschen infiziert sind. Besonders viele sind es offenbar im Norden Argentiniens und in Paraguay.

Reinhören:

Quelle: Deutschlandradio Kultur, Weltzeit, 13.02.2013

Zwar kannte ich die Krankheit dem Namen nach und wusste auch um den Überträger, die Raubwanze (Spanisch: vinchuca). Schließlich ist mein Schwiegerpapa Arzt und warnt gern vor derlei Gefahren. Dass es aber so viele Infizierte gibt hat mich doch überrascht. Und angespornt ein bißchen mehr darüber zu lernen.

Okay, es sind nicht die Fallzahlen von Malaria (laut WHO irgendwo zwischen 150 und 290 Millionen pro Jahr), aber ich find auch 10 Millionen schon ganz schön viel. Aber Chagas ist halt eine Armutskrankheit, es winkt kein Geschäft für die Pharmafirmen, entsprechend gering ist die Bereitschaft zur Forschung. Die beiden zur Behandlung zur Verfügung stehenden Mittel sind in den 1960ern bzw. 1970ern entwickelt worden und waren lange wegen massiver Nebenwirkungen verpönt. Es sind aber eben bis heute die einzigen Mittel.

Was im Radiobeitrag nicht gut rüberkommt ist die Übertragung des Erregers. Dort heißt es, die Wanzen stächen den Menschen, dabei würde dieser infiziert. Tatsächlich befindet sich der Erreger im Kot der Wanze, den diese auf der Haut des Opfers hinterlässt. Da die Stichstelle juckt, wird der Kot mitsamt Erreger leicht in die Wunde gerieben.

Es gibt allerdings auch eine Übertragung durch den Magen. Offenbar sind insbesondere frisch gepresste Guaven- und Zuckerrohrsäfte bekannt dafür, dass bei der Zubereitung nicht nur die Früchte zerquetscht werden – sondern gelegentlich auch die eine oder andere Wanze. So gelangt der Erreger in den vermeintlich gesunden Saft.

Die Krankheitssymptome in der akuten Phase, die bis zu zwei Monate dauern kann, sind vergleichsweise harmlos: leichtes Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen, geschwollene Lymphdrüsen, Kurzatmigkeit. Seltener kommt es auch zu Hautausschlägen. Weit unangenehmer sind die langfristigen Folgen: da sich der Erreger nach der akuten Phase in den Herzmuskel oder den Verdauungstrakt seines Wirts zurückzieht, können Jahre oder Jahrzehnte nach der Infektion Herzprobleme oder Verdauungsstörungen auftreten, die bis zum Tod führen können.[Quelle]

Weit verbreitet ist die Krankheit offenbar unter der Urbevölkerung des Kontinents. Beispielsweise heißt es von 90% der über 30jährigen Qom-Indios, sie seien mit Chagas infiziert. Das hat auch soziale Konsequenzen: Wegen der durch Chagas ausgelösten Herzinsuffizienz können viele von ihnen keine Arbeit annehmen – sie gelten daher als faul. In den letzten Wochen und Monaten sind mehrfach Angehörige der Qom-Etnie bei Überfällen und merkwürdigen Unfällen mit Fahrerflucht ums Leben gekommen. Sie beklagen, dass die argentinische Justiz sich für ihre Opfer nicht zu interessieren scheint.

Dabei kann man die Krankheit im akuten Stadium mit den oben erwähnten Medikamenten offenbar zu nahezu 100% heilen. Es fehlt in diesem Stadium häufig die Diagnose. Und eine Schutzimpfung. Die existiert bislang nicht.

Merkwürdigerweise im Radiobeitrag gar nicht erwähnt wird eine Kooperation der WHO mit der Bayer AG. Bayer spendet nämlich schon zum zweiten Mal über einen Zeitraum von fünf Jahren (2012 bis 2017) 5 Millionen Pillen seines Chagas-Medikaments Nifurtinox. Die Gratis-Pillen gibt’s bei der WHO.

Wie weit man damit bei der Behandlung von 10 Millionen Infizierten kommt vermag ich nicht zu beurteilen. Immerhin garantiert Bayer die Lieferung so lange nötig. Das war schon mal anders. 1997 hatte der Konzern die Produktion von Nifurtinox eingestellt – mangels Nachfrage.

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