Hacks/Hackers Buenos Aires Mediaparty

Ich schimpfe viel über die Regierung in diesem Blog und mir ist sicher auch schon die eine oder andere eher abfällige Bemerkung über so manche Eigenarten der Menschen in Argentinien rausgerutscht. Es gibt aber auch ganz tolle Seiten an diesem Land. Eine davon ist eine Initiative namens Hacks/Hackers, die letzte Woche ihren ersten größeren Kongress in der Hauptstadt veranstaltet hat (na gut, sie nannten ihn MediaParty).

Hacks/Hackers Buenos Aires Logo

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Hacks/Hackers ist ein relativ loser Haufen von Interessierten an Journalismus und Computern, vielmehr, wie beide Welten einander befruchten können. Hacks steht dabei für Journalisten, Hackers für Programmierer. Gegründet wurde die Initiative 2009 in der Gegend um San Francisco, heute gibt es so genannte „Chapter“ in rund 40 Städten weltweit (Liste). Die meisten haben so um die 100-200 Mitglieder, es gibt nur einige wenige Ausreißer nach oben wie New York (aktuell ca. 2600), San Francisco (ca. 1600), London (ca. 1400) – und Buenos Aires, das seit dem Wochenende mit 1650 an zweiter Stelle weltweit steht!

Wie ich auf die Initiative hier in Buenos Aires aufmerksam wurde, weiß ich gar nicht mehr, das war irgendwann letztes Jahr. Inzwischen war ich bei drei Veranstaltungen sehr unterschiedlicher Art, darunter der eben schon erwähnte dreitägige Kongress. Es gab ’ne Menge interessanter Projekte, die vorgestellt wurden und einige Workshops, bei denen der Umgang mit schon vorhandenen technischen Hilfsmitteln für die journalistische Berichterstattung in Gruppenarbeit geübt wurde. Ein paar Beispiele:

  • Die „interactive“ Teams von Guardian und New York Times stellten einen Teil ihrer Arbeiten vor. Obwohl das offenbar für den Kongress die großen Zugpferde waren, muss ich selbst sagen, dass die für mich eher langweilig waren, weil die mit viel Aufwand/Kosten/Personal hergestellt und daher allein so gut wie gar nicht und selbst in den meisten Redaktionen mit mehreren Personen wahrscheinlich nicht ohne Weiteres nachgebaut werden können. Hübsch anzuschauen sind sie meist, das ist wahr (Beispiele im Data Blog vom Guardian) und können daher als Inspirationsquelle dienen
  • ProPublica, eine NGO aus New York, stellte einige ihrer Projekte vor, darunter „Dollars for Docs„, ein interessantes Stück Datenjournalismus, bei dem offenbar wird, welche (US) Ärzte von welchen Pharmafirmen geschmiert werden Honorare erhalten für die Teilnahme an Medikamenten-Studien. Da kann man seinen Arzt suchen und mal schauen, ob er einem das teure Medikament vielleicht nur verschrieben hat, weil er auf der Lohnliste des entsprechenden Unternehmens steht. Es sind nur zwölf Pharmakonzerne, die ihre Daten bislang öffentlich machen (z.T. aufgrund von Gerichtsurteilen) aber immerhin sind Schwergewichte wie AstraZeneca, GlaxoSmithKline, Merck, Novartis und Pfizer darunter.
  • Der brasilianische Journalist und Knight-Fellow Gustavo Faleiros präsentierte sein Projekt Infoamazonía, auf dem er Daten aus öffentlichen brasilianischen Quellen zu sehr informativen (und erschreckenden) Kartenansichten der Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes umstrickt.
  • Das gesamte Data-Team von La Nación, der einzigen Zeitung in Lateinamerika, die sich diesen Luxus leistet, nahm teil und präsentierte seine Arbeiten (teilweise auch zu sehen in ihrem Blog). Deren Arbeit hat z.B. in Chile schon hohe Wellen geschlagen, als eine Studentin und Mitarbeiterin des Data-Teams von der dortigen Regierung wissen wollte, welche Anwälte Chile vor dem internationalen Gerichtshof in La Hague in der Auseinandersetzung mit Peru um den Grenzverlauf im Meer vertreten und was die Regierung dafür bezahlt (komplette Darstellung auf Spanisch hier).
  • Rob Baker, ein Programmierer aus Washington stellte das Ushahidi-Projekt vor, eine clevere Verbindung von Kartographie und SMS-Nachrichten, die z.B. nach Naturkatastrophen den Helfern schnell zeigen kann, wo Hilfe gebraucht wird. Betroffene melden einfach den Bedarf per SMS, der Standort wird automatisch bestimmt und zusammen mit der Information auf einer Karte präsentiert. Die Software ist OpenSource und kann daher von jedermann auch für andere Zwecke genutzt werden (z.B. Wahlbeobachtung, als lokaler Info-Punkt für illegale Müllansammlungen etc). Ursprünglich entstanden ist sie als Informationsbasis für Gewaltausbrüche nach den Wahlen 2008 in Kenia.
  • Selbstverständlich durften auch einige Eigenentwicklungen des HHBA-Chapters nicht fehlen, darunter Mapa76 (hier ein Prototyp, mit dem wir rumgespielt haben), ein Tool zur halbautomatischen Extraktion von Daten aus Gerichtsakten zu den Fällen von Verschwundenen während der Diktatur oder die Karte zur Stimmauszählung während der letzten Wahlen. Mapa76 ist nach meiner Beobachtung noch sehr im Entwicklungsstadium, verwechselt häufig Orte mit Personen (Kunststück: fast jede Straße hier ist nach einer Person benannt, sowas unverwechselbares wie „Veilchenweg“ gibt’s nicht) und ist sehr auf diesen Verwendungszweck zugeschnitten. Angeblich lassen sich aber die zugrunde liegenden Wortlisten ersetzen und die Software auch für andere Zwecke einsetzen.
  • Ein ähnliches Tool hat der AP-Journalist Jonathan Stray entwickelt. Es heißt Overview und ist in der Lage, Tausende von Dokumenten (z.B. im PDF-Format) zu durchleuchten und anhand von häufig auftauchenden Begriffen zu gruppieren. Auf diese Weise bilden sich Cluster von Dokumenten, die man anschließend benennen kann (dafür muss man allerdings mal selber reingucken). Immerhin ist es so angeblich möglich, 100.000 geleakte Regierungsakten vorzusortieren und eine ungefähre Ahnung zu bekommen, was sich darin befindet.
  • Am beeindruckendsten fand ich allerdings den Bericht von Justin Arenstein, eines südafrikanischen Journalisten und weiteren Knight-Fellow, der im Rahmen der African Media Initiative Pilotprojekte in der Nutzung von elektronischen Medien durch afrikanische Journalisten initiiert und betreut. Ich fand spannend, zu erfahren, dass es beispielsweise in Kenia seit 2011 eine OpenData Initiative der Regierung gibt (etwas, das weder Deutschland noch Argentinien bislang zustande gebracht haben). Dort sind derzeit Daten des letzten Zensus, Gesundheitsversorgung, Schulqualität und öffentliche Budgets als Rohdaten abrufbar und es gibt offenbar in Kenia und anderen afrikanischen Staaten eine Menge Ideen, was man mit solchen Daten anstellen kann. Und das Datenportal soll ausgebaut werden. Kenia ist das erste Entwicklungsland, das einen solchen Schritt gewagt hat und nach Marokko angeblich das zweite auf dem afrikanischen Kontinent. Hut ab! Und: Hallo Bundesregierung, hallo argentinische Regierung: Aufwachen!

Auch die nachmittäglichen Workshops waren interessant, ließen Raum für das Kennenlernen der Teilnehmer untereinander und das Herumspielen mit einzelnen Tools, die schon existieren. Wobei ich die oben schon erwähnte Erfahrung mit Mapa76 gemacht und auch festgestellt habe, dass es neben Googles Fusion Tables und Tableau auch noch ganz tolle andere, kostenfreie Mapping-Lösungen für die Darstellung von geographischen Daten gibt (geocommons, MapBox, Mapresso). Wenn ich mich da ein bißchen reingefuchst hab, versuch ich mal, ein paar solcher Karten und Grafiken hier im Blog zu präsentieren. Wird aber ein bißchen dauern.

Ein großes Lob muss ich den Organisatoren aussprechen, die alle „nebenher“ einen eigenen Job als Journalist/in oder Programmier/in haben und trotzdem einen solchen Kongress mit täglich über 400 Teilnehmern (über 700 insgesamt) aus ganz Lateinamerika mit Gästen aus USA, Großbritannien und Südafrika auf die Beine gestellt haben – inklusive Simultanübersetzung Englisch-Spanisch, professioneller Einlasskontrolle und Registrierung der diversen elektronischen Apparate, die die Teilnehmer mitgebracht hatten (aus Sicherheitsgründen). Geholfen haben da sicherlich die Sponsoren (die ich hier nicht nochmal aufzählen will, ich krieg ja kein Geld dafür :-)). Immerhin blieb die Teilnahme des Ganzen so völlig kostenfrei, was sicherlich erheblich zum Erfolg beigetragen hat. Lediglich das Team vom Guardian hat einen mehrstündigen bezahlten Workshop angeboten, dessen 80 Plätze gut zwei Mal hätten verkauft werden können. Hab aber hinterher gehört, dass sich das nicht so gelohnt hat, denn da fehlte die Simultanübersetzung. Die Lehrer bekamen also nicht direkt mit, was ihre Schüler gerade in ihren Gruppen besprachen, konnten also auch wenig Unterstützung liefern. Bis auf eine Portugiesin im Team sprachen die nämlich alle außer Englisch nüscht. Wie im Übrigen die Mehrzahl der angereisten Nordamerikaner auch (in einer der Arbeitsgruppen musste ich als Hilfsdolmetscher herhalten, weil auch etliche der argentinischen Teilnehmer kein oder nur gebrochenes Englisch konnten). Immerhin wird es demnächst eine spanischsprachige Ausgabe des DataJournalism Handbook geben, in dem auch schon einige Beispiele aus Argentinien drinstehen. Das ist eines der greifbaren Ergebnisse des Kongresses.

Und auch wenn ich nix zum Kongress selbst beigetragen habe, bin ich ein bißchen stolz, einer der 1650 zu sein, die Hacks/Hackers Buenos Aires ausmachen. In Deutschland gibt es ein einziges Chapter in Berlin – mit gerade 150 Mitgliedern. Und gar nix an den großen Medienstandorten Hamburg, Köln, München! Schwaches Bild. Gibt’s vielleicht was anderes, ähnliches, das ich von hier nicht sehe?

PS: Überraschenderweise hat das ZDF in seinem Hyperland-Blog (Untertitel: Darüber spricht das Web) auch über die MediaParty hier in BA berichtet. Meine Vermutung ist allerdings, dass sie erst drauf aufmerksam wurden als #hhba Ende letzter Woche zum Trending Topic bei Twitter wurde. 🙂

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6 Antworten zu Hacks/Hackers Buenos Aires Mediaparty

  1. antje schreibt:

    also helge…bis jetzt verstehe ich überwiegend bahnhof. ich werde mich mal an die links machen und gucken, ob ich dann mehr verstehe.
    liebe grüße

    • llamadojorge schreibt:

      Moin Antje, tut mir leid, wenn ich das nicht ausreichend erklärt habe für Leute, die nicht täglich damit zu tun haben. Die Grundidee ist, dass Staaten, Provinzen/Länder und Kommunen die Daten, die Grundlagen ihrer Politik und Entscheidungen sind, öffentlich machen sollten, damit diese nachvollziehbarer werden (oder auch nicht). In den USA beispielsweise (aber auch etlichen anderen Ländern) erhält man über den Freedom of Information Act eine Menge an Rohdaten (Statistiken, Vertäge, Subventionsleistungen etc.), die man dann selbst auswerten und u.U. zu einer interessanten Geschichte kommen kann, die mit den Veröffentlichungen der Pressestelle der Regierung nicht immer in Einklang stehen muss. Die Tatsache, dass die Lufthansa einer der größten Empfänger von Agrarausfuhrsubventionen in Deutschland ist, sagt einem ja keiner (es gibt ja schließlich im grenzüberschreitenden Flugverkehr was zu essen, also Agrarausfuhr). Das kann man nur in den entsprechenden Subventionsübersichten nachlesen.
      Manchmal hat das aber auch gar nichts mit der Regierung an sich zu tun, sondern betrifft beispielsweise die Sicherheit von großtechnischen Anlagen, für deren Überwachung eine Regierungsstelle zuständig ist (Atomkraftwerke) oder die Lebensmittelüberwachung. Inzwischen gehen immer mehr Regierungen weltweit dazu über, häufig angefragte Daten direkt zum Download ins Internet zu stellen. In Dänemark beispielsweise kann man direkt im Internet nachsehen, welche Restaurants bei den letzten Hygieneinspektionen schlecht abgeschnitten haben. Auch im Restaurant selbst muss das mit einem Smiley in Rot, Gelb oder Grün angegeben werden (was die deutsche Regierung nach kurzer Debatte verworfen hat). Und wenn die Regierungen diese Daten schon im Auftrag der Bürger und mit deren Geld erheben, ist es nur recht und billig, diese dann auch zur Verfügung zu stellen. In Deutschland stand dem bis Ende August diesen Jahres häufig der „Datenschutz“ des „Geschäftsgeheimnisses“ von Unternehmen im Weg. Das so genannte Informationsfreiheitsgesetz sah großzügige Ausnahmeregelungen vor für Fälle, in denen Daten von Unternehmen betroffen waren. Bei einer Anfrage nach diesen Daten mussten die Unternehmen gefragt werden und einer Veröffentlichung zustimmen. Kannst dir vorstellen, wie häufig das passiert ist. Seit Anfang September gibt’s in D ein neues Verbraucherinformationsgesetz, dass dies zumindest für einige Bereiche wie die Lebensmittelüberwachung abschafft.
      In Argentinien gibt’s bislang nur eine Gesetzesvorlage, die schon seit Jahren im Kongress dahindümpelt. Allerdings hab ich gerade auf dem Kongress erfahren, dass aufgrund einer Verfassungsklausel die staatlichen Behörden trotzdem eigentlich alles an Informationen rausrücken müssen, was man anfordert. Leider meist in Papierform. Anleitungen auf Spanisch, wie das funktioniert gibt’s hier und hier.

  2. cw schreibt:

    Komme gerade vom Bahnhof. Puuh. Dass ich nicht alles verstehe, liegt mutmaßlich an mir. Du hast das gut dargestellt.

    Dennoch: Ich bin ziemlich sicher, dass Transparenz eines der Themen des – um mal das ganz große Besteck rauszuholen – 21. Jahrhunderts wird. Die Möglichkeiten sind ja da. Nie war es technisch einfacher, Informationen zu sammeln und aufzubreiten. Und dass der Mensch diese Möglichkeiten nutzen will und wird – wozu hätte er sie sonst erfunden? -, ist wohl auch klar. Passt natürlich nicht jedem – übrigens keineswegs nur Regierungen. Es gibt die Journalisten, die ihre Dokumente ins Netz stellen, damit sich derLeser eine eigene Meinung bilden kann. Und es gibt die anderen, die dem Leser nicht zutrauen, dass der sich eine Meinung bildet. Welcher der beiden Gruppen die Zukunft gehört, dürfte unschwer zu erraten sein.

  3. llamadojorge schreibt:

    Nachtrag: gerade hat La Nación eine „Karte der Informationsfreiheit“ für Argentinien insgesamt, einzelne Provinzen, Städte und die Hauptstadt veröffentlicht. Neben der Karte findet man jeweils einen Link zu den eingescannten Original-Beschlüssen, auf deren Grundlage man Zugriff auf die Informationen der jeweiligen Verwaltungseinheit bekommen kann. Mein Heimatort Lomas de Zamora hat beispielsweise schon im Jahr 2000 (!) ein entsprechendes Dekret verabschiedet, ich war ziemlich platt. Jetzt muss ich mir nur noch ausdenken, wofür ich das mal nutze.

  4. antje schreibt:

    hallo helge, ganz herzlichen dank für die lange erklärung! nächste woche muß ich mal öfter auf deine seite, wir haben gerade besuch aus de 🙂 aber es ist mir schon jetzt klar geworden, worum es geht.
    ein extra-besito und liebe grüße

  5. llamadojorge schreibt:

    Ich hab leider festgestellt, dass ich hier im wordpress.com Umfeld keine der Darstellungen einbinden kann, die ich mir so vorstelle. Die beinhalten alle ausnahmslos einen kleinen Schnipsel Javascript, und das wird bei wordpress.com rausgefiltert. Dazu müsste ich den Blog auf eine eigene Hosting-Lösung umziehen und dazu kann ich mich noch nicht durchringen. Mal sehen, ob ich noch ’ne andere Lösung finde.

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