Die Atomaufsicht lügt

Der eine oder andere wird vielleicht mitbekommen haben, dass es in Belgien derzeit mindestens einen, möglicherweise zwei Reaktoren gibt, die Risse in ihren Reaktorgefäßen haben. Aufgefallen ist das während Wartungsarbeiten, bei denen offenbar nach über dreißig Jahren Betrieb erstmals nicht nur die Schweißnähte des Reaktorgefäßes, sondern auch der verschweißte Stahl selbst mit Ultraschall auf seine Konsistenz untersucht wurde. Ergebnis: bis zu 8000 kleine Risse. Die belgische Atomaufsicht hält das Problem für so gravierend, dass die Reaktoren komplett abgeschaltet bleiben dürften.

Die Reaktordruckgefäße stammen von der holländischen Firma Rotterdamsche Droogdok Maatschappij, die inzwischen nicht mehr existiert. Die RDM hat in den Siebzigerjahren aber mehr als die Reaktordruckgefäße von Doel-3 und Tihange-2 geliefert, angeblich 22 insgesamt. Neun an verschiedene europäische AKW, etliche in die USA – und eines nach Argentinien (Atucha I). So zumindest die Atomagentur der OECD. Die belgische Atomaufsicht hat ihre Kollegen in den anderen europäischen Ländern auf dieses Problem mit den Reaktordruckgefäßen von RDM hingewiesen. In den europäischen Ländern werden daraufhin jetzt all diese Reaktoren genauer unter die Lupe genommen.

Die argentinische Atombehörde Autoridad Regulatoria Nuclear Argentina (ARN) behauptete hingegen noch letzte Woche, das Reaktordruckgefäß von Atucha sei einerseits aus einem anderen Stahl und außerdem gar nicht von RDM, sondern von Siemens hergestellt worden. Kein Grund für irgendwelche Sonderuntersuchungen also.

Wirklich? Die Kollegen von Greenpeace haben ein bißchen in alten Archiven gewühlt und einen Artikel aus einer holländischen Zeitschrift aufgetan, der die ARN entweder Lügen straft oder zumindest als inkompetente Deppen dastehen lässt. In der Juli/August-Ausgabe von 1972 der Zeitschrift Atoomenergie findet sich ein Artikel über die holländische Reaktorbau-Industrie, darunter RDM. Unter dem Bild eines Reaktordruckgefäßes findet sich die Unterschrift: „Das Reaktordruckgefäß für Atucha (Argentinien) wurde bei RDM gefertigt.“ (s. Bild)

Ausschnitt aus der holländischen Zeitschrift Atoomenergie von Juli/August 1972

Ausschnitt aus der holländischen Zeitschrift Atoomenergie von Juli/August 1972

Das muss selbstverständlich nicht heißen, dass auch das Reaktordruckgefäß von Atucha Risse aufweist. Das müsste erstmal untersucht werden. Besorgniserregend finde ich aber die Haltung der hiesigen Atomaufsicht, das Problem schlichtweg zu negieren. Sie passt allerdings leider hervorragend in die derzeitige politische Landschaft. Da wird ja noch so allerlei anderes negiert, weggelogen und dementiert.

Bin gespannt, was die ARN als nächstes erklärt. Wenn sie sich dazu äußert. Denn das ist eine weitere Taktik: Schweigen.

 

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3 Antworten zu Die Atomaufsicht lügt

  1. Vallartina schreibt:

    In Deutschland nannte das mal Einer: Aussitzen!
    Wenn ich mir diesen Artikel der SZ anschaue, wird wir ziemlich klamm! Der nächste GAU ist wohl nur eine Frage der Zeit!
    Guckst Du: http://www.sueddeutsche.de/panorama/jenseits-von-japan-die-gefaehrlichsten-akw-standorte-spaltung-auf-spalten-1.1072018

    • llamadojorge schreibt:

      Oh, ganz offensichtlich. Ich glaube, die Herrschaften, die immer die Sicherheit der Atomtechnik beschwören und behaupten, ein GAU könne höchstens einmal in Zehntausend Jahren passieren, haben schlicht nicht bedacht, dass sich das Risiko mit der Zunahme der Reaktoren weltweit selbstverständlich vervielfacht. Bei den 436 Reaktoren macht das einen GAU alle 23 Jahre – rein statistisch. Und die AKW brauchen dafür noch nicht mal in Erdbebengebieten zu stehen oder von Terroristen hochgejagt zu werden. Halleluja!

  2. Marcel Senn schreibt:

    Habe mich bislang gefreut, dass es sowenig AKW’s in Lateinamerika hat – aber Atucha ist ja nur 75 km Luftlinie von Colonia entfernt, wie ich neulich gelesen haben….und dann noch veraltete Technik…na ja dann hoffen wir mal das beste…

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