Falsches Gezwitscher

In Deutschland gibt es seit einiger Zeit eine Debatte um die Frage, wie anonym man im Social Web noch sein darf. Teile der Bundesregierung fanden: gar nicht. Jeder müsse sich mit Klarnamen zu erkennen geben, wenn er etwas im Web von sich geben will.

Wie anders ist doch die Welt in Argentinien. Hier gab es bis Sonntag abend eine Kohorte von mehr als 400 Twitter-Nutzern,  die Propaganda für die Regierung gemacht und eifrig die Tweets von Königin Cristina und ihren Ministern weitergezwitschert haben. Beispiel:

Twitter-Profil von Juna-Cruz Geler, @GelerCruz

Twitter-Profil von Juna-Cruz Geler, @GelerCruz

Dann lief „Periodismo Para Todos“ (hab ich hier schon mal erwähnt) und deckte auf: ganz offensichtlich existieren diese Personen alle überhaupt nicht wirklich.

Die Vorgehensweise der Rechercheure war dabei relativ simpel. Über die Bildersuche von Google kann man seit einiger Zeit auch Bilder hochladen oder eine URL angeben, um ähnliche Bilder zu finden. Mit den Profilbildern von besonders aktiven K-Zwitscherern hat das Team von Lanata das gemacht, und herausgefunden, dass die Bilder eigentlich anderen, tatsächlich existierenden, Personen gehören, die aber z.B. in Spanien oder Italien leben, vollkommen anders heißen und davon gar nichts wussten.

Der junge Mann im obigen Profil ist angeblich bei BMW in Buenos Aires angestellt, studiert Politikwissenschaft und ist Tänzer (komische Kombination, wer auf sowas kommt?). Tatsächlich handelt es sich aber um das Bild von Mario Alvarez, einem jungen spanischen Sänger aus Huelva, der 2009 an einem Casting-Wettbewerb im spanischen Fernsehen teilgenommen hat, siehe dieser Eintrag im Blog mlatv.com, von wo auch das Bild geklaut wurde. Anderes Beispiel aus der Sendung: @DiegoPierelli, angeblich Anwalt aus Buenos Aires, dessen Bild aber eigentlich aus diesem Blog stammt und einen italienischen Ingenieur namens Roberto zeigt (Nachname hab ich vergessen), der auch in der Sendung per Skype interviewt wurde und aus allen Wolken fiel, weil er nicht mal einen Twitter-Account hat.

Nun kann man natürlich erstmal denken: ok, die Twitter-Brigade aus dem K-Bunker ist ein bißchen öffentlichkeitsscheu und will nicht ihr wahres Gesicht zeigen. Laut PPT aber – und das konnte ich nicht selbst online nachvollziehen, bin für Hinweise dankbar – hat ein Großteil der hochgeladenen Bilder der K-Blogger angeblich folgende Dateinamenstruktur:

###_Nachname_Vorname_####.jpg

Hierbei stehen die ersten drei Rauten für eine von eins bis über 200 durchnummerierte Liste und die letzten vier Rauten für das vermeintliche Geburtsjahr der Person. Das allein riecht schon sehr nach Manipulation. Gleichzeitig zwitscherten die Personen aber alle über Wochen nur Wochentags, am Wochenende hatten die Regierungs-Twitterer frei. Mit Ausnahme des Ostersamstags, an dem wegen des hier durchgezogenen Tornados (?) auf Bürgermeister Maurizio Macri rumgehackt wurde, weil der im Osterurlaub in Punta del Este weilte und dem Sonntag, an dem Periodismo Para Todos zum ersten Mal ausgestrahlt wurde. Duh.

Mit diesen 400 (und vielleicht noch mehr) höchstwahrscheinlich falschen Identitäten brachten es die Hofzwitscherer der Königin auf über 200 Tweets am Tag, 6000 im Monat, immer zu politischen Themen, nie privates. Bisweilen 6-10 pro Sekunde. Und vor allem dieses letzte Datum ist von besonderer Wichtigkeit, weil Twittertrends nicht in erster Linie nach Anzahl der Tweets zu einem Thema gemessen werden, sondern nach der Intensität – sprich: viele Tweets von vielen Leuten gleichzeitig oder mit kurzem zeitlichen Abstand zueinander (was in der Sendung etwas schlecht erklärt wurde – der Dailybloggr macht da einen besseren Job). Auf die Twitter-Trends stützen sich wiederum viele Medienberichte hier, wenn es darum geht, welche Themen bei den Menschen wichtig sind.

Noch während der Sendung (hier komplett nachzusehen) wurden angeblich etliche der aufgedeckten Profile gelöscht. Warum ausgerechnet die von @GelerCruz und @DiegoPierelli bestehen geblieben sein sollen, die in der Sendung am prominentesten vorkamen, erschließt sich mir zwar nicht, ich muss aber trotzdem meinen Hut ziehen vor dem relativ kleinen Team von Journalisten um Jorge Lanata. Jetzt, gut eine Stunde nach Ausstrahlung der Sendung, sind zumindest die argentinischen Twitter-Trends voll mit dem Thema. Das werden sie wohl einige Tage bleiben.

Und wer hat je behauptet, Argentinien wäre ein Entwicklungsland? Wir sind voll im Trend… Vielleicht setzt die Königin damit sogar einen (wobei de facto nicht feststeht, wer dahintersteckt; nur wer davon profitiert). Diese Art von virtuellen Jubelpersern hab ich im Zusammenhang mit Politikern jedenfalls bisher noch nicht gesehen. Die blasen in erster Linie ihre Follower-Schar durch nicht existierende User auf.

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7 Antworten zu Falsches Gezwitscher

  1. meinnestintanti schreibt:

    du bist aber richtig schnell!!! diesen teil von lanata habe ich auch gesehen und gedacht, ups, wer weiß wo mein foto (natürlich nicht nur meins) wohl herumschwirrt und mißbraucht wird…
    liebe grüße

  2. llamadojorge schreibt:

    Hallo Antje, das kannst du ja relativ schnell testen. Nimm ein Foto von dir, dass du überprüfen möchtest, geh zur Bildersuche von Google und klick auf den kleinen Kamera-Icon im Suchfeld.
    Eingabemaske der Google-Bildersuche
    Daraufhin geht ein kleines Fenster auf (Abbildung), in dem du entweder eine existierende Internetadresse deines Bildes angeben oder das Bild hochladen kannst. Google überprüft daraufhin seinen Bilderbestand mit diesem Bild und zeigt dir, auf welchen Webseiten das Bild eingebunden ist und auch ähnliche Bilder in punkto Farbe, Gestaltung etc.

  3. meinnestintanti schreibt:

    hi helge, danke, hab ich gemacht. ich bin nicht drin;)
    und nun hat google meine fotos?

    • llamadojorge schreibt:

      Normalerweise macht man sowas mit Fotos, die sowieso im Netz rumschwirren (also z.B. in deinem Blog), denn woher sollten die Profil-Diebe das sonst haben? Dann hat Google die Bilder aber sowieso. Wenn du andere Fotos hochgeladen hast, wüsste ich nicht was Google damit soll, denn sie können es ja keiner Webadresse zuordnen. Einzig deiner IP-Nummer. Aber wie ich die Datenkraken kenne, fällt ihnen sicher auch dazu noch irgendwas ein, weswegen sie das Bild unbedingt behalten müssen…

  4. Marcel Senn schreibt:

    Na ja bei all den unpopulären Massnahmen in letzter Zeit wie die nochmalige Einschränkung der USD-Käufe für Argentinier (vorher max 40% der Lohnes, neu nur noch 25%), Parma und Serranoschinken dürfen auch nicht mehr eingeführt werden usw usw usw täglich was neues – da muss die Königin halt mit ein paar Jubeltwittern dagegenhalten – sie kann ja mal Margot Honecker aus Chile einfliegen lassen, die hat sicher auch noch ein paar gute Propagandastrategien aus der guten alten DDR auf Lager

    • llamadojorge schreibt:

      Haha, ja Marcel, bei all dem kann man wirklich nur sagen: offenbar hat sie’s nötig. Ob die olle Margot als Propagandastrategin noch einen Kniff kennt, den die PR-Profis der Königin hier noch nicht anwenden, wage ich allerdings zu bezweifeln. Grüße ins freie Uruguay!

  5. Ruben schreibt:

    Na immerhin sind mir noch nicht so schlecht drann wie die Griechen mit denen hier http://www.perfil.com/export/sites/diarioperfil/img/2012/05/mundo/0508_amanecer_dorado_grecia_afp_g.jpg_687088226.jpg 😉

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