Mangelwirtschaft

Vor wenigen Wochen noch wurde Argentinien in Europa herumgereicht als das Musterbeispiel eines nach Insolvenz gesundeten Landes. Nicht wenige Kommentatoren in Wirtschaftszeitungen in Deutschland oder der Schweiz empfahlen auch für Griechenland eine ähnliche Lösung: Ausstieg aus dem Euro, Abwertung der eigenen Währung und dadurch höhere Attraktivität für Ausländer als Urlaubsziel oder für Investitionen (Wirtschaftswoche, Handelsblatt, Deutsche Welle, Handelszeitung; sehr lesenswert das Interview mit dem Ex-Wirtschaftsminister Roberto Lavagna in Brand eins)

Was viele dabei offenbar übersehen haben ist, dass das argentinische „Modell“, von dem Königin Cristina und die restliche K-Clique immer noch schwadronieren, inzwischen erhebliche Schwierigkeiten hat, seine Mängel zu verbergen. Begonnen hat es bereits kurz nach der Wahl im letzten Jahr mit der Ankündigung, die für alle denkbaren Grundbedürfnisse vor Jahren eingeführten und über die Zeit immer weiter erhöhten Subventionen (insb. Strom, Gas, Wasser, Transport) würden binnen Kurzem abgeschafft. Im Normalfall wäre das mit einer Erhöhung der Kosten für die Nutzer von 200-300 Prozent verbunden (die Subventionen werden schon seit geraumer Zeit extra auf den Rechnungen ausgewiesen, man weiß also, was einen erwartet).

Es wurde sogar eine eigene Website geschaltet, auf der die besonders solventen Anhänger der Regierung ab sofort freiwillig auf weitere staatliche Hilfen für diese „Servicios“ verzichten konnten. Erster Eintrag von Königin Cristina selbst, gefolgt vom ganzen Kabinett. Irgendwie hat das aber nicht so richtig geklappt mit der Vorbildwirkung: In der ersten Woche trugen sich zwar rund 10.000 Menschen ein, inzwischen – mehrere Monate nach dem Start – steht der Zähler aber bei nur 28.431.

Dass die Maßnahme nicht sonderlich populär ist, dass vor allem aber die Menschen an anderer Stelle sparen und damit der Wirtschaft schaden hat die Regierung inzwischen auch gemerkt und beschlossen, die Abschaffung der Subventionen erstmal wieder auf Eis zu legen. Es sei denn, man hat „freiwillig“ drauf verzichtet oder wohnt in einem von der Regierung bestimmten gehobenen Wohnviertel in der Innenstadt von Buenos Aires oder den nördlichen Vororten. Dann zahlt man bereits seit einiger Zeit den höheren Preis. Gerecht geht anders.

Da für die Produktion von Energie im Land aber zunehmend auch Energieträger aus dem Ausland importiert werden müssen (Gas und Öl) und die Menge dieser zu Weltmarktpreisen und in Dollar zu zahlenden Produkte dank der wenig vorausschauenden Energiepolitik eher zu- als abnehmen wird, versucht die Regierung jetzt an anderer Stelle, Devisen einzusparen. Bereits im letzten Jahr waren ausländische Konzerne dazu verdonnert worden, für jede importierte Ware wieder argentinische Produkte im gleichen Wert auszuführen. Inzwischen geht das jedoch erheblich weiter.

Seit Anfang des Jahres muss für jeden Import im Vorfeld per Formular eine entsprechende Genehmigung eingeholt werden, die offenbar nach Tageslaune des Handelsstaatssekretärs Guillermo Moreno entschieden wird (schriftliche Anweisungen gibt es nicht, weil die Handelspartner Argentinien sofort vor ein WTO-Schiedsgericht zerren würden). Dessen Laune scheint in letzter Zeit nicht besonders gut zu sein. Denn zunehmend fehlen an allen Ecken und Enden Dinge, die bisher importiert wurden: Ersatzteile für Maschinen (merkt man z.B. im Eisenwarenladen), fremdsprachige Bücher oder sogar Medikamente. Strategie der Regierung: nichts importieren, was hier produziert wird oder werden könnte. Mit dieser Art „Kriegswirtschaft“ (Originalton Moreno) will sie einen Handelsbilanzüberschuss von 10 bis 12 Mrd. Dollar erwirtschaften.

Der ist für die Regierung nicht unwichtig, denn er ist für das vom internationalen Kreditmarkt weitgehend abgeschnittene Argentinien die einzige Refinanzierungsquelle. Durch eine Änderung der Statuten der Zentralbank, die bisher die inländische Geldmenge mit einer gleichen Menge Dollarreserven garantieren musste, kann die Regierung jetzt außerdem nicht nur im Inland massiv die Geldmenge erhöhen (und damit die ohnehin schon hohe Inflation befeuern) sondern auch noch über einen Großteil der Dollarreserven verfügen, um internationale Schulden zu tilgen. „Eine Rückkehr zu den unheilvollen Fehlern der 60er, 70er und 80er“ wie es Ex-Zentralbankpräsident Aldo Pignanelli in einem Interview mit Ambito Financiero formulierte. Er prognostiziert eine weiter hohe Inflation von 25% pro Jahr und einen gegenüber dem Dollar um mindestens 10% abrutschenden Peso. Andere sind da deutlicher: Die Änderungen seien überhaupt nur nötig geworden, weil der Regierung schlicht die Gelder, die sie sich bisher bei der Rentenversicherung ANSES und der Zentralbank geborgt hat, für ihre massiv steigenden Ausgaben nicht mehr ausreichen meint das Beratungsunternehmen Economía & Regiones.

Tatsächlich muss die Regierung im laufenden Jahr etliche hohe Schuldentitel begleichen und konnte das bisher nur mit Dollarüberschüssen der Zentralbank tun. Diese gehen aber aufgrund der gestiegenen Geldmenge (die ja bislang durch Dollars gedeckt sein musste) und den Abzug von Devisen ins Ausland im vergangenen Jahr gegen Null oder liegen schon im Minus. Alle Maßnahmen, die Geldflucht in den Dollar zu erschweren, haben diese bislang nicht stoppen können. Wären die Wirtschafts“fachleute“ der Regierung daher nicht auf den Trick mit den Reserven der Zentralbank verfallen, hätte Argentinien wohl 10 Jahre nach der ersten gleich die nächste Insolvenz anmelden müssen. Mittelfristig ist sie so erst mal aus dem Schneider. Bis zur nächsten Wahl wird’s wohl reichen. Ob der eingeschlagene Weg auch langfristig zielführend ist, darf man aber sicher bezweifeln. Sehen so Vorbilder aus?

 

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8 Antworten zu Mangelwirtschaft

  1. Vallartina schreibt:

    Geht es nicht bei allen Regierungen dieser Welt darum, kurz- bis maximal mittelfristig (und die Auslegung von ‚mittelfristig‘ ist heutzutage wesentlich kürzer als früher) über die Runden zu kommen?
    Und der Pump von Geldern bei der Rentenversicherung….na das hatten wir doch schon in good old Germany zu Kohls/Blüms Zeiten, oder täusche ich mich?
    Irgendwie geht es immer weiter, selbst in Griechenland.
    Trotzdem, schönes Wochenende!

    • llamadojorge schreibt:

      Moin Vallartina, es stimmt, in die Kasse anderer greifen Politiker aller Länder gerne, wenn es darum geht Annehmlichkeiten zu verteilen. Und sie beweisen erstaunliche Kreativität, wenn ihre Einnahmequellen plötzlich zu versiegen drohen.
      Über Kohl- und Blümsche Politik sind wir hier bei aller persönlichen Antipathie gegen die Herren aber schon ein ganzes Stück hinaus. Die Königin hat ja erst vor zwei oder drei Jahren die zu Menems Zeiten eingeführten privaten Rentenversicherungen verstaatlicht, um auch an deren Töpfe zu kommen. Es heißt, besonders interessant seien die Aktienpakete der Versicherungen bei inländischen AGs gewesen, die jetzt die Regierung hält und damit fröhlich in die Firmen hineinregiert.
      Aber dabei bleibt’s ja nicht. Außer zum Gemüsehändler kann man im Moment in keinen Laden mehr gehen, ohne Schauergeschichten zu hören, was alles zur Zeit nicht verfügbar ist, weil’s nicht importiert werden darf. Ich hatte z.B. diese Woche die Plastikkarte meiner Krankenversicherung verlegt/verloren und wollte gerne eine neue haben. Die hatten sie aber nur aus Papier für mich, weil keine Plastikkarten da seien, denn offenbar werden die normalerweise importiert. Ersatzteile für den Rasenmäher: Fehlanzeige. Ein Medikament, dass ich dauerhaft einnehmen muss? „Está en falta“, es fehlt, heißt es in allen möglichen Apotheken, angeblich weil ein Zusatzstoff zur kontrollierten Freisetzung des eigentlichen Wirkstoffs nur aus dem Ausland geliefert wird und Herr Moreno an dem Tag mal wieder schlechte Laune hatte. Selbst Leute, die sich den SPIEGEL wöchentlich aus Deutschland zuschicken lassen, dürfen demnächst zu einem speziellen Abfertigungsschalter für Privatimporte am Flughafen Ezeiza fahren, um sich – wahrscheinlich nach entsprechender Wartezeit – ihre Zeitschrift abzuholen. Wer nicht in der Nähe von BsAs wohnt, hat da wohl Pech.
      ‚tschuldigung für die „mala onda“, aber der Quatsch geht mir echt langsam auf den Sack. Das einzig Positive ist, dass inzwischen eine ganze Menge Leute in Cristi-Landia aufwachen und merken, dass es nicht so toll ist, wie sie sich das vor den Wahlen vorgestellt haben. Ist nur leider zu spät, die nächsten Jahre müssen wir da wohl durch.

  2. Vallartina schreibt:

    Kein Grund, sich für irgendetwas zu entschuldigen, Helge. Im Prinzip kenne ich diese Geschichten, allen voran aber die Entwicklung bis zum Siedepunkt der Kacke. Allerdings aus Afrika. Aber warum soll es in Afrika nicht genauso am dampfen gewesen sein (und mittlerweile dampf- und überkochen!!! ist) wie in las Americas! Erinnere mich an einen kurzen Kommentar-Diskurs bei Antje, Mitte d.M., selbes Thema, selbes Land.
    Helge, ich persönlich bin der festen Überzeugung, dass jedes Land ein „Verfallsdatum“ hat – aus meiner Sicht, der Sicht einer „Vorruheständlerin“ die nichts will, ausser einem Fleckchen Erde, einem Platz an dem man anständig, gediegen, unaufgeregt aber mit einigermassen verkraftbaren Preiserhöhungen seine Tage verbringen kann. Ja nu: nenne mir den Platz und ich ziehe nochmals um!
    Und bitte nimm’s icht so wörtlich.
    GLG

  3. meinnestintanti schreibt:

    eure kommentare sind so erfrischend, daß ich ganz herzlich lachen kann! ich danke euch, vallartina und helge! ich persönlich wundere mich dieser tage nur darüber, daß sie tomaten und eier zur zeit wieder BILLIGER geworden sind! da stimmt was nicht?! ok, was stimmt hier eigentlich?
    liebe grüße aus den sierras

    • Vallartina schreibt:

      Bei Euch wird was BILLIGER??
      Jedesmal wenn ich einkaufen gehe, schaue ich mir seit Wochen ganz bewusst die Hackfleisch-Preise an: vor 3 Jahren kostet Rinderhack, normale Qualität, 35 MXp/kg. Während der letzten Monate stieg der Preis auf fantastische 125 Mxp (7,30 Euro) – nur jetzt bezeichnen sie das Hack als „Sirloin“. Jedesmal stehe ich vor dem Hackfleischregal und beschwere mich laut per Selbstgespräch über diese Unverschämtheit. Und beinahe jedesmal kommen andere Kundinnen und meckern ebenfalls kräftig obwohl sie gar keines kaufen wollten. Nur Vorgestern geriet eine ältere Frau derart in Rage, dass sie den Regalbestücker als hijo de puta, und eine Jüngere ihn als pinche chingón titulierte und wild mit den Armen ruderte. Worauf hin sich der Fischverkäufer, der gerade eine Auslage mit Eis vollpackte schnurstracks verzog.
      Half es was? Nö, eher muss ich irgendwann mit Lokalverbot rechnen.
      Guckt mal hier: (L.m.a.A….)

      Schönes Wochenende!

  4. meinnestintanti schreibt:

    …und? wie geht es weiter, vallartina? super video!
    erkälte nicht deine cola 😉

  5. llamadojorge schreibt:

    Mit ein paar anderen Aspekten (v.a. der Korruptionsaffäre um den Vize-Präsidenten) steht’s jetzt auch in der FAZ: Argentinien unter Cristina Kirchner: Auf dem falschen Gleis.

  6. meinnestintanti schreibt:

    starker tobak, der faz-artikel! leider wohl wahr.
    danke 🙂

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