Gib Gas!

Hab vor einigen Tagen bei Spiegel Online einen Artikel über Erdgasautos in Deutschland gelesen, in dem es heißt, dass die dort keiner haben will. Von 42 Millionen Fahrzeugen in D sind keine 100.000 Erdgasvehikel. Was umso erstaunlicher ist, als die meisten dieser Fahrzeuge vom Werk aus bivalent sind, also sowohl mit Erdgas als auch mit Benzin betrieben werden können. Bei voller Betankung eines VW Passat TSI Ecofuel, heißt es im Artikel, kommt man rund 900 km weit, je zur Hälfte mit Gas und mit Benzin. Und das bei Erdgaspreisen, die ungefähr bei 50% des Benzinpreises liegen. Das versteh wer will.

Hier in Argentinien gibt’s schon seit über einem Jahrzehnt eine stattliche Erdgasfahrzeugflotte. Lange Zeit lag Argentinien damit sogar weltweit an der Spitze, inzwischen haben Pakistan und Iran uns überrundet. Die meisten dieser Fahrzeuge kommen nicht ab Werk mit einem Erdgastank, sondern der wird hier meist nachgerüstet, was keine ganz billige Angelegenheit ist. Im Kofferraum oder – bei entsprechend hochachsigen (gibt’s das Wort?) Fahrzeugen – unter dem Fahrzeugboden werden ein oder zwei Gasflaschen angebracht, betankt wird meist über einen Anschluss im Motorraum (s. Fotos).

Autos werden mit Erdgas betankt

Autos werden mit Erdgas betankt. Aussteigen ist dabei aus Sicherheitsgründen Pflicht

Gasanschluss im Motorraum

Gasanschluss im Motorraum

Lohnen kann sich das trotz der relativ hohen Anschaffungskosten. Vor allem Taxifahrer und andere Vielfahrer nutzen die Betankung mit Gas, weil sie so die Spritkosten mal eben um 60% und mehr drücken können. Ich bin selbst schon mit den Gefährten gefahren und muss sagen, einen nennenswerten Unterschied zu flüssig betankten Fahrzeugen konnte ich nicht feststellen.

Unter Umweltgesichtspunkten ist das sicher das Gescheiteste, was man derzeit hier machen kann, weil das Gas sauberer verbrennt als Benzin und weniger CO2 produziert. Hybridfahrzeuge mit teilweisem Elektroantrieb sind zwar schick, aber hier noch viel zu teuer und dementsprechend kaum im Angebot.

Für die meisten Argentinier gibt’s aber einen anderen Hauptgrund, warum nach einigen Jahren der Stagnation die Umwandlungen von Fahrzeugen im letzten Jahr wieder anstiegen: die steigenden Benzinpreise. Auch wenn diese dank der Subventionspolitik der Regierung noch vergleichsweise niedrig liegen: ein Liter Super-Benzin kostet hier in der Hauptstadt derzeit umgerechnet etwa 0,86 Euro – wenn es verfügbar ist; häufig muss man auf das etwas teurere Premium-Benzin ausweichen, das mit rund 1 Euro aber für Weltmarktverhältnisse auch noch recht preisgünstig ist. 48 Mrd. Pesos (ca. 10 Mrd. Euro) hat die Regierung im letzten Jahr an Subventionen rausgehauen, knapp 90% davon für niedrige Gas-, Strom- und Benzinrechnungen, heißt es bei Clarín. Dieses Jahr wird wohl die 70 Mrd. Peso Marke gerissen. Schon im August hieß es, drei Viertel der vorgesehenen Gelder seien verbraucht (Cronista). Eilig wurde der entsprechende Haushalt, der ursprünglich 65 Mrd. Pesos vorsah, mit 6,5 Mrd. weiter aufgestockt (Buenos Aires Económico, La Nación).

Es ist aber abzusehen, dass Königin Cristina langsam weg muss von dieser Art Gute-Laune-Politik. Die Sojapreise sinken und damit wird der größte Devisenbringer des Landes weniger wert. Der Staatshaushalt wird das also nicht mehr viel länger mitmachen. Muss er ja auch nicht: wenn sie erst mal wiedergewählt ist, werden die Benzinpreise wahrscheinlich noch schneller steigen und dann noch mehr Leute ihr Fahrzeug umrüsten zum Erdgasauto.

Warum die Dinger in Deutschland keine Käufer finden versteh ich allerdings trotzdem nicht.

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6 Antworten zu Gib Gas!

  1. Ruben Kalmbach schreibt:

    das liegt wohl daran das Deutschland keine eigene (nennenswerte) gas vorkommen hat..Argentinien aber noch über jede Menge davon verfügt 😉

  2. antje schreibt:

    hallo helge, dein wechselnder header ist super!
    wir fahren auch mit gas, allerdings merkt man den unterschied in den bergen doch, vor allem wenn mehr als ein beifahren mitfährt oder mit viel gepäck im kofferraum (bei besuch aus de 😉 ) dann ist wechseln auf benzin angesagt, was aber während der fahrt geschieht und problemlos ist.
    und zu königin cris, kennst du diesen? : „adam und eva waren argentinier. wieso? sie hatten keine kleidung, liefen barfuß, sie durften nicht einmal einen apfel essen, und das beste war, man ließ sie glauben, sie lebten im paradies!“
    liebe grüße

  3. llamadojorge schreibt:

    @Ruben: das mit den eigenen Gasvorkommen will mir nicht recht einleuchten, denn Gasheizungen sind ja durchaus verbreitet und in der einen oder anderen Stadt (z.B. Berlin) gibt’s auch durchaus noch ’ne Menge Gasherde. Warum also keine Gasautos? Die Erdöl-Vorkommen in D sind ja durchaus auch überschaubar, trotzdem fahren eine Menge Benzin- und Dieselautos herum.

    @Antje: danke für den Hinweis mit dem Gebirge, das kann ich natürlich nicht beurteilen. Die Umgebung von Buenos Aires ist bekanntlich so flach wie die Schweiz (laut Obelix). Viel weiter südlich gibt’s zwar ein paar Hügel, aber bis dahin war ich mit Erdgas noch nie unterwegs.
    Und die Geschichte vom Paradies ist wirklich schön. Muss ich mir merken. 😀

  4. Ruben Kalmbach schreibt:

    Die „Geschichte vom Paradies“ habe vor einer weile wieder von meinem Facebook gelöscht weil plötzlich ein paar argentinier echt sauer reagiert haben hehe.. https://mellamanjorge.wordpress.com/2011/10/05/gib-gas/#comment-form-load-service:Facebook

  5. Cecilia schreibt:

    Ruben, einige argentinier leben im Paradies 😛

  6. Ruben Kalmbach schreibt:

    Hola Jorge. Was sagst du zu den streitigkeiten wegen den Falkand-inseln und überhaupt um die erhöhung der lebensmittel und lebensunterhalt-preise..Mir wurde gestern die Miete um 200 pesos erhöt, und das wo ich doch erst eingezogen bin. Allein Milchprodukte sollen ab März wieder 18% teurer werden als sie jetzt schon sind!. Ich war vor kurzem in Deutschland, man merkt wirklich den unterschied wenn man in den Supermarkt geht, sogar das fleisch ist mitlerweile drüben billiger als hier im berümten guaucho und pampa land..Es wundert mich das die bevölkerung noch nicht auf den straßen ist. Anscheinend sind alle recht zufrieden. LG aus dem heißen cordoba 🙂

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