Dienstag, der 13.

In Spanien und Lateinamerika (und laut Wikipedia auch Griechenland) ist Dienstag der 13. ein Unglückstag – im Gegensatz zu Freitag dem 13. in den angelsächsischen Ländern und auch in Deutschland. Es gibt angeblich Leute mit regelrechten Phobien, die sich an einem solchen Tag nicht aus dem Bett trauen. Ein spanisches Verslein sagt „En martes y 13, ni te cases ni te embarques“ („Am Dienstag den 13. solltest du nicht heiraten und keine Reise antreten“), wohl weil vermeintlich beides schlimm endet.

Solcherlei Aberglaube dürfte gestern neue Nahrung erhalten haben, als gegen 6:30 an einem Bahnübergang im Stadtbezirk Flores ein Bus von einem Zug erfasst wurde, weil der Fahrer des Busses sich trotz der heruntergelassenen Schranke, roter Blinkzeichen und angeblich auch akustischer Warnsignale auf die Gleise gewagt hatte (Stern, Spiegel). Der Zug schob den Bus gegen den Bahnsteig des Bahnhofs, in den er gerade einfuhr, entgleiste und rammte noch einen entgegenkommenden Zug. Ergebnis: 11 Tote, darunter auch der Busfahrer, über 200 Verletzte.

Zugunglück am Bahnübergang in Flores

Zugunglück am Bahnübergang in Flores

Wie blöd kann man sein, mag man über den Busfahrer denken. Hat den Wagen voll mit Menschen, für die er verantwortlich ist, und wagt sich bei geschlossener Schranke auf den Bahnübergang. Klarer Fall: der Busfahrer ist der Hauptschuldige an dem Desaster.

Interessant ist aber auch, was im Umfeld dieser Tragödie so alles an Informationen hochkommt, die offenbar lange bekannt sind. Zum Beispiel, dass es in Buenos Aires innerhalb der Innenstadt noch jede Menge beschrankte Bahnübergänge gibt – statt Tunnels oder Brücken. Dass sich insbesondere die Anwohner der Straßen angeblich seit Jahren mit Gerichtsverfahren und einstweiligen Verfügungen gegen den Bau von Unterführungen wehren. Und das zumindest in Teilen nicht ganz zu unrecht, wenn diese nämlich in irgendwelchen kleinen Nebenstraßen geplant werden, die dadurch erheblich mehr Verkehr erdulden müssten, während auf den Hauptschlagadern der Stadt nach wie vor die Schranken runtergehen.

Interessant auch, dass diese Schranken in der Hauptverkehrszeit mit viel Zugverkehr bisweilen schon mal 45 Minuten unten bleiben, obwohl teilweise minutenlang kein Zug kommt. Ausweichen funktioniert wegen der fehlenden Über- und Unterführungen nicht. Dass die Schranken bisweilen gar nicht ganz nach unten (oder nach oben) gehen (so auch die, an der der Unfall passierte, wie auf den Videos diverser Überwachungskameras zu sehen ist) und die Passanten oder ein Bahnbediensteter (wenn einer da ist) von Hand nachhelfen müssen. Dass an manchen Bahnübergängen von regelmäßigen Nutzern systematisch Pflöcke unter die Schranke gerammt werden, eben damit diese nicht ganz nach unten geht und sie mit ihren Autos drunter durch können. Dass selten die Schranken die komplette Breite des Übergangs abdecken, damit „gefangene“ Autofahrer noch fliehen können. Was natürlich wieder zum Umfahren der Schranke einlädt…

Und es ist erschreckend zu hören, wie viele Todesfälle es im Zusammenhang mit dem Zugverkehr hier gibt. Gestern war im Radio die Rede von 90 Toten im Monat, drei am Tag. Nicht selten sind es wohl Unfälle wie der von gestern, bei der Autofahrer oder Fußgänger an Übergängen von den Zügen erfasst werden, weil sie noch schnell vorher rüber wollten. Und das auch an ganz normalen Dienstagen, Mittwochen, Donnerstagen…

Vor einigen Tagen ist hier übrigens eine sündteure Tunnelbohrmaschine aus Deutschland angekommen, die in den kommenden Monaten und Jahren die unfallträchtigste Strecke von Westen in die Hauptstadt knapp 30 Meter unter die Erde verfrachten soll. Bis zu 20 Meter schafft die Maschine angeblich am Tag und Mitte 2015 soll das erste 12 Kilometer lange Teilstück von Haedo nach Caballito eingeweiht werden. Das sind noch vier Jahre oder 4320 Tote bis dahin. Gruselig.

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4 Antworten zu Dienstag, der 13.

  1. antje schreibt:

    hallo helge,
    heute mal ein kommentar der ganz anderen art:

    herzlichen glückwunsch zu deinem immer sehr informativen blog und zu den awards, die ich weitergeben darf!

    http://mein-nest-in-tanti.blogspot.com/2011/09/vallartina-hat-4-blogger-und-mich-mit.html

    Wenn Du möchtest, kannst Du Dir die Awards jederzeit gerne in meinem Blog „abholen“.

    liebe grüße

    • llamadojorge schreibt:

      Liebe Antje, herzlichen Dank für den Award. Es ehrt mich, dass ich einer von nur fünf bin, an die du ihn weitergibst.
      Allerdings bin ich überhaupt kein Freund solcher Art von Kettenbotschaften, weshalb ich ihn auch weder abholen noch weitergeben werde. Bitte nicht böse sein. Das soll weder ein Vorwurf an dich noch an andere sein, die das schön finden und sich daran beteiligen. Es ist nur einfach für mich nix.
      Helge

  2. Timo Bouerdick schreibt:

    Helge, habe ich mich gerade wieder dran erinnert… passt thematisch hierzu und inhaltlich deckt es sich nicht mit meinen Erfahrungen, aber das habe ich dort schon kommentiert, leider wurde mein zweiter Kommentar mit Verweis auf deinen Eintrag hier nicht veröffentlicht…

    http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/expat/kolumne-expat-billige-busfahrten-zur-volksberuhigung-11500045.html

  3. llamadojorge schreibt:

    Hallo Timo, danke für den Link. Ich find’s erstaunlich, wie viele Passagen meiner eigenen Beschreibung des „Abenteuer Busfahrt“ gleichen, die ich vor rund vier Jahren hier gebloggt habe. Die Verwendung des Begriffs Abenteuer im Zusammenhang mit der Busfahrt, das Fehlen von Fahrplänen, die (im Nachtbetrieb) drei Busse hintereinander und danach stundenlang keiner mehr, das Drama um die Münzen… Das riecht fast nach Plagiat. Wahrscheinlich ist deshalb dein zweiter Kommentar mit dem Link hierher nicht erschienen. Kann natürlich auch Zufall sein.

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