Peronismus – ein Argentinismus

Eines der Dinge, die man als Ausländer in Argentinien mit die größten Schwierigkeiten hat zu begreifen ist „der Peronismus“. Man kann noch nachvollziehen, dass er auf Juan Domingo Perón zurückgeht und seine Frau „Evita“ Duarte de Perón. Was genau aber dieses eigenartige politische Gebilde ist und wofür es steht erschließt sich einem auch dann nicht wirklich, wenn man schon Jahre hier lebt und aufgrund familiärer Bindungen gut in die Gesellschaft integriert ist.

Deshalb war ich froh, als ich vor ein paar Tagen in der Zeitschrift Noticias einen Vorabauszug des neuen Buches „Argentinismos“ von Martín Caparrós fand, eines bekannten Journalisten und Schriftstellers, der sich genau mit dem Thema Peronismus befasste und in dem das Thema in wenigen Absätzen gut zusammengefasst ist. Aus Anlass des heutigen 59. Todestages von Evita hier also meine gekürzte Übersetzung für all diejenigen da draußen, die das Phänomen auch immer verstehen wollten und daran bisher gescheitert sind.

Der Peronismus ist nach Caparrós

„eine Bezeichnung, die seit 65 Jahren eine Gruppierung benennt, die die politische Szenerie unseres Landes dominiert. Und zwar so stark, dass er einen der stärksten Mythen hervorgebracht hat, den es in unserer an Mythen wahrlich nicht armen politischen Landschaft gibt: Dass nur der Peronismus Argentinien regieren kann. Dieses Axiom liefert den Peronisten natürlich das beste Argument um ihre Gegner zu disqualifizieren. […] Wenn sie nicht an der Macht sind, kann es niemand sein. *

Das Axiom findet seinen Ausdruck auch in Titeln wie „Union für die Macht“ oder, wie sich einer seiner Sektoren seit einiger Zeit nennt, „Front für den Sieg“. In diesem Namen liegt die ganze Mutation des Peronismus der letzten drei Jahrzehnte: „Front für den Sieg“. Es scheint gar nicht mehr nötig, zu erklären, welches Ziel denn mit dem Sieg verfolgt wird, als wenn niemand in Zweifel zöge, dass der Sieg allein schon Ziel genug sei. Durch dieses Axiom, sagen manche, erklärt sich auch das Überleben des Peronismus: Eine Bewegung, die jegliche Politik umsetzen kann, die durch nichts definiert wird, als durch ihre Fähigkeit, Macht zu haben und auszuüben. […]

Der Peronismus ist ein chaotisches Ganzes, das gar keine Definition braucht, da er keine Gegner hat, die ihn dazu zwängen, oder besser, weil er sich seine Gegner selbst schafft. Ohne Definition, stark im Ungewissen, vertieft der Peronismus seine amorphe Form, in der alles Platz hat, und nimmt sich vor, ewig weiterzubestehen, mit dem einzigen Ziel ewig weiterzubestehen. […]

Eine politische Gruppierung die, je nach Zeit und Ort, durch einen populistischen, nationalistischen General, eine sozialistische Guerrillera, wildgewordene proamerikanische wirtschaftsliberale Privatisierer, provinzielle Klientelpolitiker, konservative Populisten (ohne Rückhalt im Volk) oder christsozialdemokratische Umverteiler (die nichts verteilen) bestimmt wird, ist durch gar nichts definiert. Eine Partei oder Gruppierung, die so viele Dinge sein kann, kann überhaupt nicht sein, sie existiert nicht.

Der Peronismus ist eine Täuschung, eine Waffe: Sie dient den selbsternannten Peronisten, um uns einzureden, dass sie Teil derselben Gruppierung seien und wir deshalb diese Gruppierung als ein Ganzes betrachten, wählen und fürchten sollen. Der Peronismus ist letztlich nichts anderes als die Buslinie 60 in Buenos Aires, eine Linie, die in Wahrheit viele sind. Alle haben dieselbe Farbe und dieselbe Nummer, aber einer fährt nach Tigre, ein anderer nach San Isidro, ein Dritter nach Escobar. Einer fährt die Avenida Flemming, ein anderer die Maipú, wieder ein anderer über die Autobahn, und alle versuchen gleich auszusehen, obwohl sie so verschieden sind. Und so steuern sie ihre Kunden, ausgeliefert, zusammengepfercht, egal wohin. Die Peronisten?“

Der ernsthafte Peronismus

Der ernsthafte Peronismus - in Abgrenzung von allen anderen. 🙂 Wie bereits an anderer Stelle geschrieben, gibt's ja auch zu den diesjährigen Präsidentschaftswahlen mindestens drei peronistische Kandidaten. Und alle stehen sie für - eigentlich gar nichts.

* Das habe ich in der Tat schon häufiger gehört, auch von Nicht-Peronisten. Die Radikalen (Bürgerlich-Radikale Union, UCR) könnten nicht regieren, heißt es dann zum Beispiel. Ja, wie sollen sie auch, wenn die peronistisch dominierten Gewerkschaften mit Generalstreiks das Land alle sechs Monate lahmlegen wie im Fall von Raúl Alfonsín in den 1980ern?

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4 Antworten zu Peronismus – ein Argentinismus

  1. antje schreibt:

    komisch, denn die argentinier selber wissen doch, daß der ursprüngliche peronismus längst nicht mehr existiert, bzw. daß es so viele verschidene richtungen gibt, die sich alle irgendwie widersprechen.
    der vergleich mit der buslinie 60 ist sehr treffend!
    viele grüße aus tanti,
    antje

  2. llamadojorge schreibt:

    Fand ich auch. Caparrós hatte noch einen zweiten schönen Vergleich, den mit irgendeiner malayischen Frucht, die für unsere ausländischen Mäuler gräßlich schmeckt, den Malaien aber offenbar eine Delikatesse ist. Und sie sind stolz darauf etwas zu haben, das nur sie selbst zu würdigen wissen (und machen sich einen Spaß daraus, nichtsahnenden Ausländern die Frucht vorzusetzen in Erwartung der lustigen Grimassen, die diese beim „Genuss“ derselben schneiden). Ähnlich verhalte es sich mit dem Peronismus und den Argentiniern.
    Du hast natürlich Recht, viele Argentinier wissen, dass es „den“ Peronismus nicht gibt, sondern viele. Und trotzdem ist die Gesellschaft seit Jahrzehnten gespalten in Peronisten und Antiperonisten. Dieser Widerspruch scheint aber merkwürdigerweise kaum jemandem aufzufallen oder man nimmt ihn stillschweigend hin.

  3. rubenkalmbach schreibt:

    Peron wird ja nicht desto weniger als der Argentinische „fachist“ bezeichnet, als Hitler und Mussolini Fan.

  4. llamadojorge schreibt:

    Im Vorfeld der aktuellen Stichwahl hat auch die FAZ nochmal einen Erklärungsversuch zum Peronismus abgeliefert: Warten auf die Ankunft des wahren Peronismus.

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