Pan dulce 2011

Gestern bei uns um die Mittagszeit: Es klingelt an der Tür. Zweimal, muss also wichtig sein. Cecilia geht an die Gegensprechanlage.

  • Hallo, ja?
  • Guten Tag, ich komme von der Stadt und möchte Ihnen gratulieren. Weil Sie alle lokalen Steuern bezahlt haben erhalten Sie zwei Eintrittskarten für ein Konzert von Joaquín Sabina [ein spanischer Schnulzensänger, Anm. Jorge]. Könnten Sie kurz rauskommen und sie abholen?

Cecilia hat dankend abgelehnt, wir stehen mehr auf härtere Sachen (musikalisch). Aber selbst wenn sie uns Tickets für etwas hätten andrehen wollen, das uns gefällt – ist das zu fassen? Da zahlen wir brav unsere Steuern – und dann haut die Stadt das Geld für Eintrittskarten von Musikkonzerten schlechter Musiker raus.

Die sollen mein Geld verantwortungsvoll und sparsam für Dinge einsetzen, die gebraucht werden. Mir fallen da ganz spontan ’ne Menge Sachen ein – funktionierende Ampeln bei denen man nicht raten muss, ob da jetzt das grüne, gelbe oder rote Licht an ist, ausgebesserte Straßen, Kanalisations- und Wasserversorgung für bisher nicht an die Ver- und Entsorgung angeschlossene Stadtgebiete, von mir aus auch noch mehr Mülleimer, damit die Leute hier endlich lernen, ihren Dreck nicht auf der Straße zu entsorgen usw.usf. Und wenn das alles erledigt ist, können sie meinetwegen die Steuern senken, wenn sie das Geld nicht mehr brauchen. Aber Joaquín Sabina?

Mich erinnert das Ganze an Geschichten, die mein Schwiegervater aus Perons Zeiten erzählt. Damals seien die Wähler mit Pan Dulce (einer Art Stollen, nur trockener; hier sehr beliebt um die Weihnachtszeit und bisweilen absurd teuer) und einer Flasche Cidra auf die Wahlen eingestimmt worden. Ich habe den Verdacht, dass Joaquín Sabina das Pan Dulce 2011 ist.

Nicht, dass die derzeitige Administration von Lomas de Zamora das wirklich nötig hätte. Der Bürgermeister ist zwar Kirchnerista durch und durch und das macht ihn mir verdächtig. Aber während seiner bisher 1,5-jährigen Amtszeit hat er eine Menge angeschoben, was über Jahrzehnte liegen geblieben war. Hauptsächlich allerdings mit Geldern der Bundesregierung, die sich ihre Pappenheimer natürlich gewogen machen will. Außerdem geht das Geld der hiesigen Steuern ja offenbar für Konzertkarten drauf. Für Joaquín Sabina!!

Ja, wenn sie vor zwei Wochen mit Karten für eins der U2-Konzerte gekommen wären, dann… ;-P

Update 19.4.: Heute ist im Blog vom Bürgermeister ein Video zu dem epochalen Ereignis aufgetaucht: 32.000 Leute (!) haben die im Stadion des Fußballclubs Banfield (Stadtteil von Lomas de Zamora) zusammengetrommelt für ein Sonderkonzert von Herrn Sabina aus Anlass des 150. Geburtstags der Stadt. Die Verbindung mit dem Stadtgeburtstag rückt das wieder in ein bißchen anderes Licht finde ich. Bin trotzdem sauer, dass sie nicht was musikalisch interessanteres gewählt haben.

Ich hätt’s euch gerne auch hier präsentiert, aber es ist kein Youtube-Video und ein 60-Dollar-Wordpress-Upgrade für’s Hochladen von Videos ist mir dafür zu teuer. Dann guckt’s euch halt beim Bürgermeister an.

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9 Antworten zu Pan dulce 2011

  1. Cecilia schreibt:

    Les Luthiers sería una buena alternativa. Ya lo estoy proponiendo 🙂

  2. antje schreibt:

    …und wie wär´s mit landriscina 😉 ?
    ich denke mal, daß die abfallbehälter eher „entsorgt“ würden als mit müll versorgt zu werden.
    viele grüße,
    antje

    • llamadojorge schreibt:

      Landriscina kannte ich noch gar nicht, danke für den Hinweis. Ist ok, nehm ich auch. 😉
      Tatsächlich haben die schon eine Menge Mülleimer aufgestellt hier (schön einbetoniert und aus Metall, schwierig zu klauen) und richtige Bushaltestellen gebaut und die Bürgersteige wenigstens der Hauptstraßen an den Kreuzungen mit Absenkungen versehen, damit man mit Kinderwagen, Rollstuhl oder Fahrrad beim Überqueren nicht mehr solche Schwierigkeiten hat… Etliche Schagloch-Pisten sind komplett neu betoniert worden (Asphalt taugt bei der Hitze wohl weniger). Wie schon gesagt, eigentlich hat die derzeitige Administration solche Wahlgeschenke gar nicht nötig. Aber vielleicht wollte die Mutti vom Bürgermeister gerne zu Sabina und der Kauf von nur zwei Karten aus dem Stadtsäckel wäre wohl aufgefallen. Also schenkt man jetzt eben zig Bürgern Karten, dann fällt’s nicht auf, wenn Mutti auch welche kriegt. Ich weiß: honi soit qui mal y pense…

  3. antje schreibt:

    gerade habe ich gelesen, daß die eintrittskarten für j. s. in cordoba bis zu 600 $ kosten!!! ordentlich reklame bekam er auch in der wochenendbeilage, da hast du dir ja wirklich was entgehen lassen 😉
    die kommenden wahlen merkt man auch hier: plötzlich werden straßen saniert, die nachbarin bekommt festnetztelefon, seit jahren hat sie darauf gewartet, mal sehen, was noch alles für wunder geschehen…
    viele grüße nach lomas

  4. llamadojorge schreibt:

    Antje, wenn diese Eintrittspreise stimmen, dann hätten wir mit zwei Karten unsere Steuerzahlung dieses Jahres an die Stadt mehr als zurückbekommen. Und wir waren beileibe nicht die einzigen – wir haben von mehreren Bekannten gehört, dass an ihren Türen auch geklingelt worden sei. Wirklich seltsames System…
    Ja, sanierte Straßen sind wirklich ein weiterer Klassiker hier im Wahlkampf. Alle vier Jahre entwickelt die Obrigkeit hektische Aktivität im Straßenbau – um dann nach der Wahl wieder in ihre gewohnte Lethargie zurückzufallen. Wenn’s nicht so traurig wär‘, könnte man drüber lachen. 😀 Grüße zurück nach Tanti.

  5. Carsten schreibt:

    Da wuerde meine argentinische Schwiegerfamilie aber nicht gluecklich sein, wenn ich „Schnulzensaenger“ und Joaquin Sabina in einem Satz erwaehnen wuerde… er ist zum einen wahnsinnig beliebt in Argentinien und zum anderen sind seine Texte wohl auch etwas anspruchsvoller… aber ich teste das gerne zu Hause: come se dice „Schnulze“ en castellano????

  6. Mel schreibt:

    Sag mal, du lebst doch offensichtlich in einer Wohneinrichtung für geistig Minderbemittelte, darf man denn da überhaupt ohne Pfleger, ganz alleine, auf Konzerte? Und dann auch noch auf eins von Herrn Sabina, wo dein Muffschädel gefahr läuft, eine klitzekleine Ahnung von etwas das sich „Stil“ nennt, zu erhaschen. Gefährlich, gefährlich, nur gut, daß du zu Hause geblieben bist, in deinem Stinkemuffpuff;)

    • llamadojorge schreibt:

      Mel, wenn das, was Sabina verbricht Stil ist, dann bleibe ich gerne stillos. Auch wenn ich denke, dass alleine an meiner und deiner Wortwahl schon deutlich wird, wer hier Stil hat und wer nicht.

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