Grüne Politik?

Die Wahlen in Brasilien sind nur ein halbes Jahr vorbei, da fällt der ZEIT schon auf, dass in Lateinamerika plötzlich grüne Bewegungen existieren und sogar gewählt werden. In Kolumbien hatte es letztes Jahr ja ein grüner Kandidat sogar in die Endrunde des Präsidentschaftswahlkampfs geschafft.

Auch in Argentinien sind ja in diesem Jahr Präsidentschaftswahlen. Muss man auch hier eine Überraschung erwarten, indem ein grüner Kandidat vielleicht sogar ein zweistelliges Ergebnis erhält? Wohl eher nicht.

Es gibt zwar auch hier einen Partido Verde, das scheint aber ein kleines versprengtes Häuflein von Menschen zu sein, die keinerlei politisches Gewicht in die Waagschale werfen können. Zu den letzten Präsidentschaftswahlen ist die Gruppierung offenbar nicht einmal angetreten – oder sie hat so wenige Stimmen erhalten, dass sie nicht ausgewiesen wurden. Das entnehme ich wenigstens den offiziellen Resultaten der Wahl 2007.

In der Bundeshauptstadt gibt es außerdem eine Iniciativa Verde, die offenbar zu den Bürgermeisterwahlen im Juli antreten will. Deren Website ist ein bißchen moderner, gleichzeitig aber genauso weitgehend inhaltsleer wie die des Partido Verde. Immerhin haben sie etwas konkretere Vorstellungen davon, was sie wollen. Dass sie damit eine nennenswerte Zahl von Wählern gewinnen, ist dennoch nicht zu erwarten.

Denn gewählt wird in Argentinien seit Jahrzehnten nur in den Kategorien Peronist oder nicht. Die Peronisten selbst sind dabei so gespalten, dass sich sowohl eine „linke“ Präsidentin wie Königin Cristina, als auch ein so wirtschaftsliberaler Ex-Präsident wie Carlos Menem auf Perón berufen können, ohne dass ihnen vor Lachen die falschen Zähne aus dem Mund fallen. Das bedeutet aber auch: die Peronisten treten mit zwei oder drei Gruppierungen zu den Wahlen an, sie machen sich also ihre Opposition irgendwie selber. Andere Parteien braucht’s da eigentlich nicht mehr.

Bei den Präsidentschaftswahlen in diesem Jahr sind das der Frente para la Victoria (FPV) der Präsidentin (linksgerichtet, gewerkschaftsnah), der Peronismo Federal, für den wahrscheinlich der Ex-Präsident Eduardo Duhalde antreten wird (nationalistisch, starke Basis vor allem in der Provinz Buenos Aires) und der PRO, für den aller Voraussicht nach der bisherige Bürgermeister der Hauptstadt, Mauricio Macri, antritt (konservativ, Basis fast ausschließlich in Buenos Aires Stadt). Alle drei Parteien verstehen sich als peronistisch – was immer das in Anbetracht dieser Vielfalt heute noch heißen mag. Denn de facto wird es weniger auf die Partei als auf die Person des Kandidaten ankommen – und auf die Gelder, die der Kandidat in den Wahlkampf stecken kann.

In der Beziehung ist die Präsidentin klar im Vorteil. Im Staatsfernsehen –  in den Pausen der populären Fußballübertragungen – läuft seit einiger Zeit diese minutenlange Hommage an Ex-Präsident Néstor Kirchner, finanziert von der Regierung. Ein hübsches Stück politischer Propaganda, Hut ab. So werden die Zuschauer immer wieder daran erinnert, wer ihnen die kostenlose Übertragung des „Fútbol para todos“ spendiert hat.

Zurück zum Peronismus. Bei den Wahlen in der patagonischen Provinz Chubut vor einigen Wochen gab es ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen FPV und Peronismo Federal. Letztlich entschieden wenige hundert Stimmen über den Sieger, Klagen über Wahlbetrug inklusive. Das Beispiel zeigt aber: der Peronismus in seinen diversen Ausprägungen ist ohne weiteres in der Lage, bis zu zwei Drittel der Stimmen auf sich zu vereinen. Und um Inhalte geht es so gut wie nie, wichtig sind immer die Spitzenkandidaten.

Das sind die Gründe, warum ich kaum glaube, dass der von der ZEIT postulierte „Kontinent der grünen Beinahe-Präsidenten“ hier irgendwo in der Nähe liegt. Erst wenn sich noch eine politische Strömung erfindet, die grüne Ideen irgendwie auf Perón zurückverfolgen kann und einen halbwegs glaubwürdigen Spitzenkandidaten aufstellt, dürften die Brüder hier eine Chance haben.

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4 Antworten zu Grüne Politik?

  1. rabsi schreibt:

    Zu den Wahlen muss ich folgendes sagen:Ich habe gesehen wie die Partei von Nestor Kirchner damals mit LKW’s in die Barrios der armen Leute gefahrenb sind und den Leuten Kühlschränke. Fernseher, Nähmaschinen usw. gebracht haben. Man kann sich denken wo diese Leute bei der Wahl ihr Kreuzlein machen werden. Oder ein anderes Beispiel: Die Leute aus den entlegenen Dörfern werden einen Tag vor der Wahl mit Bussen in die Stadt gebracht wo sie in einem Hotel mit Verpflegung untergebracht werden. Das erste Mal in einem Hotel und mit Essen das es zuhause nicht gibt. Am Morgen werden sie zur Wahl abgeholt und dann nach Hause gebracht. Wo machen diese Leute wohl ihr Kreuz? Argentinien hat so viele arme Leute und die Parteien wissen das natürlich. Eine gewinnbringende (Sieg-bringende) Investition. Die Armen wählen den der gibt und nicht den der verspricht. Ich kann das sogar in unserer -relativ kleinen-Stadt bei der Bürgermeisterwahl feststellen. Außerdem sind die Leute seit der Großen Wirtschaftskrise 2001 bei der viele Leute ihr Geld verloren haben noch immer sehr misstrauisch.
    rabsi, ein anderer Extranjero, grüßt Euch.

    • llamadojorge schreibt:

      Hallo Rabsi, ja, das ist leider traurige Realität. Ich kann mich an einen Fernsehbericht von vor mehreren Jahren erinnern, bei dem die Journalisten irgendwo im Niemandsland des Chaco standen und filmten, wie der Bürgermeister der Region die DNIs (Personalausweise) der Leute einsammelte, um selbst damit zur Wahl zu gehen (dazu muss man vielleicht wissen, dass hier Wahlpflicht herrscht und jeder Teilnehmer einer Wahl einen Stempel in seinen DNI kriegt). Laut Auskunft der Einheimischen war das gängige Praxis, bei allen Bürgermeistern, die sie je gehabt hatten, egal von welcher Partei.

  2. animo schreibt:

    Typisch deutsche Arroganz. Von Anfang bis Ende voller Vorurteile. Bleibt in eurem dekadenten Europa – so wie es aussieht, schafft ihr es dort bald zum 3. Weltkrieg. „Glückwunsch!“

    • llamadojorge schreibt:

      Ach ja, Animo? Dann erzähl doch mal, was hier an ökologischen Projekten in der letzten Zeit (sagen wir den letzten zehn Jahren) so vorangebracht wurde? Ich bin ja gerne bereit mich weiterzubilden.
      Den Gefallen, in Europa zu bleiben, kann ich dir leider nicht mehr tun. Wer dort aber in nächster Zeit einen Krieg vom Zaun brechen soll, müsstest du mir auch noch erklären. Eher marschiert Königin Cristina glaube ich in Port Stanley (Falklands/Malvinas) ein – und das halte ich für sehr unwahrscheinlich.

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