Die fehlende Debatte

Bislang hab ich ja meist darüber geschrieben, was hier so Tagesthema war, häufig auch persönliche Erlebnisse einfließen lassen. Heute will ich mal über etwas schreiben, was es hier nicht gibt: Eine Debatte über Atomkraft nämlich.

Während nach den Ereignissen in Fukushima in Deutschland nahezu reflexartig wieder Politiker der Grünen, der SPD und der Linken einen Ausstieg aus der Atomkraft gefordert und heute bis zu 60.000 Leute an einer (schon länger geplanten) Anti-Atom-Demo in Baden-Württemberg teilgenommen haben, während in Deutschland Journalisten Kernkraftexperten interviewen und immer wieder die Frage stellen, ob das so oder ähnlich auch in Deutschland passieren kann, während darauf hingewiesen wird, dass auch einige deutsche AKW in Erdbebengebieten stehen herrscht hier: Stille.

Zwar übernehmen alle lokalen Tageszeitungen die Meldungen, Bilder und online auch Videos aus Japan zur Explosion des Reaktors, aber die Frage, ob die argentinischen Reaktoren eigentlich sicher sind, scheint den beteiligten Journalisten überhaupt nicht in den Sinn zu kommen. Ich frage mich manchmal, ob die überhaupt wissen, dass es in Argentinien zwei operative und ein in Bau befindliches AKW gibt. Dabei gibt es gerade eine Debatte darüber, dass man in den letzten acht Jahren die Stromerzeugungskapazitäten um mehr als 5.300 MW hätten ausbauen müssen, um den steigenden Bedarf zu decken. Und verglichen wird das in den Medien fast ausschließlich mit „acht AKW vom Typ Atucha 2“, einem Reaktor, der seit den 1970er Jahren im Bau ist und im September 2011 fertiggestellt sein soll. Aber eine Frage nach der Sicherheit stellt in diesem Zusammenhang niemand. Dabei liegt der Ort Atucha, wo schon Block 1 seit 1974 Strom liefert, gerade 100 Kilometer Luftlinie vom Zentrum von Buenos Aires entfernt. Ich mag mir gar nicht ausmalen, wohin es führen würde, wenn die mehr als 12 Mio. Einwohner dieses Großraums wegen eines Störfalls evakuiert werden müssten. Der zweite Reaktor Argentiniens, Embalse Rio Tercero, liegt übrigens nur etwa gleich weit von der zweitgrößten Stadt des Landes, Córdoba, entfernt.

Dass es gelegentlich durchaus stabile Wetterlagen gibt, während derer der Wind aus Richtung Nord-Nordwest – und damit aus Richtung Atucha – bläst, haben wir selbst vor knapp drei Jahren am eigenen Leib erfahren, als auf den Inseln des Paraná-Deltas die Wiesen brannten und zwei Wochen lang einen ätzenden Qualm in Richtung Buenos Aires sandten, der das Atmen schwer machte und dem mangels dichter Fenster und Türen nicht zu entfliehen war.

Rufer in der Wüste sind hier seit Jahren die Kollegen von Greenpeace Argentinien, die aber mit der Forderung nach Abschaltung der AKW irgendwie nicht recht durchdringen. Lediglich mit einer Kampagne gegen die Endlagerung von australischem Atommüll in Argentinien hatte das Büro vor Jahren großen Erfolg. Neben den sonstigen Umweltsünden, die man hier tagtäglich zu sehen bekommt, ist da noch viel Aufklärungsarbeit nötig. Und anfangen würde ich bei den Medienvertretern.

Nachtrag 16.3.: Inzwischen sind auch die argentinischen Journalisten aufgewacht. Nachdem es bereits gestern in der gedruckten Ausgabe von La Nación einen Artikel zu möglichen Risiken in den beiden argentinischen AKW gegeben hat, gab es natürlich im Lauf des Tages online sofort einige Beschwichtigungsartikel, deren Grundtenor war, ein „Unfall wie in Japan ist hier im Land undenkbar“, das könne hier nicht passieren. Das halte ich ungefähr für so überzeugend, wie die Versicherung, ein Verkehrsunfall, der in England stattgefunden hat, könne sich hier nicht ereignen, weil man schließlich rechts fahre. Heute werden die Stimmen schon vorsichtiger, offenbar habe man in Fukushima nicht alles im Voraus bedacht, was passieren könne und das müsse man nun auch für die argentinischen Reaktoren analysieren.

Selbstverständlich ist das Baudesign der Reaktoren ein anderes als in Japan, selbstverständlich wird man es hier nicht mit so schweren Erdbeben und in der Folge Tsunamis zu tun kriegen (zumal die Reaktoren hunderte Kilometer von der Küste weg liegen). Vor schweren Bedienungsfehlern sind aber auch die argentinischen Reaktorfahrer nicht gefeit. Ich versteh‘ leider zu wenig von der Materie, deshalb kann ich die Liste der meldepflichtigen Ereignisse im Jahresreport der Autoridad Regulatoria Nuclear nicht so richtig einschätzen. Mein Eindruck ist, dass zumindest im Zeitraum 2007-2010 kein radiologisch wichtiges Ereignis dabei war. Fehlbedienungen und Probleme, insbesondere im Zusammenspiel des alten Reaktors Atucha I und des neuen Atucha II, gab es aber bereits. Welche Folgen die potenziell hätten haben können, wenn Atucha II schon liefe, kann ich nicht beurteilen. Den medialen Versicherungen, alles sei sicher, schenke ich trotzdem nur begrenzten Glauben.

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