Missionare

Ich bin kein religiöser Mensch. Offen gestanden halte ich Religion im besten Fall für Zeitverschwendung, im Schlimmsten für gezielte Verarschung. So lange ich noch in Deutschland gelebt habe, wusste ich mich damit in guter Gesellschaft, immerhin fühlt sich ein knappes Drittel der Deutschen keiner Kirche zugehörig (was nicht heißt, dass sie nicht an Gott glauben).

In Argentinien glauben laut einer Umfrage von 2008 über 91% der Bevölkerung an Gott, aber nur ein Viertel geht regelmäßig in einen Gottesdienst. Mehr als drei Viertel der Argentinier bezeichnen sich als katholisch, immerhin 11,3% fühlen sich keiner Kirche zugehörig, mit Werten um 1% halten die Zeugen Jehovas oder Mormonen für meine Begriffe relativ hohe Werte. Mit Abstand den höchsten Wert der evangelikalen Kirchen (ich verwende bewusst nicht evangelisch, weil das nach lutherisch klingt und hier nicht gemeint ist) verzeichnen allerdings die Pfingstler mit fast 8%. Die sind offenbar vor allem im Süden Argentiniens stark vertreten. Insgesamt bezeichnen sich 9% aller Argentinier als Anhänger einer evangelikalen Glaubensrichtung (neben den Pfingstlern auch die Baptisten, Adventisten, Methodisten und diverse weitere).

Und die gehen mir hier so richtig auf den Sack (pardon my french). Es vergeht inzwischen kaum ein Tag, an dem nicht per Flugzeug zu Gottesdiensten insbesonderer dieser Sekte aufgerufen wird:

Atención: Hoy, hoy a las 18 horas gran reunión de fé, poder y milagros en Cristo la Solución, Lomas de Zamora. Avenida Hipólito Yrigoyen y Laprida, Cine Español. Cristo la Solución, Lomas de Zamora. No se lo pierda!

Achtung: Heute, heute um 18 Uhr, großes Treffen des Glaubens, der Macht und der Wunder durch Christus, die Lösung, Lomas de Zamora. Avenida Hipólito Yrigoyen y Laprida, im Kino Español. Christus, die Lösung, Lomas de Zamora. Verpassen Sie das nicht!

Klingt albern? Scheint aber zu funktionieren. Inzwischen wird den potenziellen Gottesdienstteilnehmern sogar offensiv versprochen, ein Wunder bei einer dieser Zusammenkünfte zu empfangen. Finanziert wird das Ganze nach meinem Wissen aus dem „Zehnten“, den die Gläubigen an diese „Kirchen“ abtreten. Tatsächlich haben wir Freunde, die einer solchen Gruppe angehören und die wirklich 10% ihres Gehalts in den Unterhalt des Tempels (bei kleinen Gemeinden häufig nicht mehr als ein Schuppen) und die Finanzierung der Missionierung armer Ungläubiger buttern. Obwohl aus meiner Sicht die meisten dieser „Kirchen“ eigentlich in erster Linie dazu da sind, damit der Pfaffe nicht richtig arbeiten muss, denn dessen Gehalt wird da natürlich auch draus bezahlt; meine Vermutung ist, dass sich dieses eher oberhalb desjenigen seiner Schäfchen bewegt. Wer dazu noch Nachhilfe braucht, dem empfehle ich mal den großartigen Film „Der Schein-Heilige“ mit Steve Martin („Leap of Faith“ im Original).

Auch die anderen Sekten missionieren eifrig. Am Tag unseres Einzugs standen hier schon die Zeugen Jehovas vor der Tür und wollten mit mir über die Bibel diskutieren. Ich hab ihnen deutlich zu verstehen gegeben, dass das erstens kein guter Zeitpunkt sei und sie sich zweitens an mir die Zähne ausbeißen werden, weil sie mich nicht vom Atheismus bekehren können. Sie sind daraufhin bei uns nie wieder aufgetaucht. Vielleicht haben sie ein für Ungläubige unsichtbares Mal an unserer Tür hinterlassen, ich weiß es nicht. Aber beim Gassigehen mit dem Hund treffen wir die Bande vor allem an Wochenenden, wie sie in Gruppen von bis zu 20 Leuten wie Vertreter von Schuhwixe von Haus zu Haus wandern – die Frauen im Kleid, die Herren mit Anzughose und Hemd und immer einem Aktenkoffer in der Hand. Nach meiner Beobachtung machen die Haustürverkäufer jedoch bessere Geschäfte als die Laien-Missionare, die häufig gar nicht weiter als bis zur Gegensprechanlage vordringen (sofern vorhanden).

Tempel der Iglesia Universal del Reino de Diós in Buenos Aires

Tempel der Iglesia Universal del Reino de Diós in Buenos Aires

Ganz besonders reich ist offenbar die über Brasilien aus den USA eingewanderte „Iglesia Universal del Reino de Diós“, die sich in Argentinien schon über 200 Marmortempel in besten Lagen hingestellt hat und bei denen während der Gottesdienste gut gekleidete, muskelbepackte Bodyguards vor den Türen stehen. Wenn die jetzt noch die Passanten zum unverbindlichen Reinschauen animieren würden, müsste ich doch sehr an die Anmacher auf St. Pauli denken.

Wie hartnäckig die Missionare bisweilen sind, hab ich neulich gemerkt, als ich mal nachts das Radio eingeschaltet habe. Da laufen z.T. auf den gleichen Sendern, die tagsüber Nachrichten oder ähnliches im Programm haben, nachts stundenlange Predigten. Ich schaltete zufällig ein, als ein Kinderprediger (!) mit stark brasilianischem Akzent mich aufforderte, mich vom Teufel ab- und Christus zuzuwenden. Inzwischen bleibt das Radio nachts aus.

Buchtitel "Cristo llame ya"

Buchtitel „Cristo llame ya“

Ich fürchte nur, das wird nicht viel nützen, die Evangelikalen sind auf dem Vormarsch, wie der Journalist Alejandro Seselovsky in seinem Buch „Cristo llame ya“ beschreibt. In ganz Lateinamerika und auch in Argentinien. Anfang der 1980er gab es angeblich nur 2 Mio. Argentinier evangelischen Glaubens, 2005 waren es bereits über 4,5 Mio. Inzwischen gibt es sogar mindestens ein rein evangelisches Gefängnis – mit evangelischen Wärtern und Gefangenen, die gemeinsam für die Vergebung ihrer Sünden beten. Orte wie diese sind die klassischen Angriffsflächen, denn dort sitzen die Verzweifelten, die sich nach etwas sehnen. Auch in den Elendsvierteln wächst die Zahl der Evangelikalen, mit christlicher Cumbia inklusive. Sie wachsen mit der Not, sagt der Theologe Rubén Dri.

Dann haben sie hier noch viel zu wachsen. Schade nur, dass dafür die Verzweifelten und Hoffnungslosen ihr Geld irgendwelchen Scharlatanen in den Rachen schmeißen.

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8 Antworten zu Missionare

  1. Cecilia schreibt:

    Ja, die gehen dir auf den Sack! Pero nos reímos como locos cada vez que pasa el avión prometiendo milagros. Me gustó el enfoque, pastor 😉

  2. Marco schreibt:

    Habe mich sehr amüsiert über deinen Artikel. Wohne und lebe selber zur Zeit in Argentinien und kann dein Aufregung verstehen. Aber die Frage muss erlaubt sein, was passieren würde, wenn in diesem christlichen Gefängnis, von dem du schreibst, tatsächlich Menschen zum Glauben finden würden, dieser sie vielleicht so verändern würde, dass sie das Gefängnis nicht nur in gleicher Art und Weise verlassen, sondern tatsächlich rehabiliert, um nun einen positiven Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. Denn abgesehen vom 10ten geben, ist dies tatsächlich das Ansinnen vieler Evangelikaler Gemeinden, ja sie wagen es sogar von Veränderung der Korruption in der Politik zu sprechen. Das kann ja nun wirklich keiner wollen. Und das die Menschen in den Villas, die bevorzugt“Opfer“ dieser evangelikalen Kampagnen sind tatsächlich das Alkohol trinken und Hasch rauchen aufgeben und anfangen mit Gottes Hilfe ihr Leben neu zu gestalten, das wäre wirklich das Letzte, oder?
    Manchmal hilft ein bisschen über das Oberflächliche hinweg zu sehen und die Früchte anzuschauen;)

    • llamadojorge schreibt:

      Hallo Marco, ich musste deinen Kommentar zweimal lesen, um mitzukriegen, dass du’s ironisch meinst. Kommt manchmal online nicht so ganz rüber. Ein paar mehr 😉 wären vielleicht hilfreich gewesen. Ich kann mir vorstellen, dass du, als Missionar, ganz andere Ansichten über die Sinnhaftigkeit deiner Tätigkeit hast und davon überzeugt bist, dass sie in der Hauptsache positive Früchte zeitigt. Das mag in dem einen oder anderen Fall sogar stimmen. Mein persönlicher Eindruck ist aber der, dass da mit viel Budenzauber den ohnehin meist armen Teufeln noch das letzte Geld aus der Tasche gezogen wird für ein Seelenheil „im nächsten Leben“, während der Pastor oder dessen Chef mit der Kohle das jetzige genießt. Das mag nicht auf alle zutreffen und sicherlich sind die Laienprediger, die den Großteil der Missionierung machen, überwiegend guten Glaubens – oder eben gutgläubig. Ich bin, wie schon gesagt, nicht religiös und bezweifle daher, dass hinter der ganzen Missioniererei wirklich eine gute Sache steht und es nicht letztlich bloß ums Geld geht. Was nicht bedeutet, dass es nicht dem einen oder anderen haschrauchenden Alkoholiker aus den Elendsvierteln (zum Glück haben wir keine Vorurteile ;-)) tatsächlich hilft, sein Leben in den Griff zu kriegen. Ich denke, die meisten sind ohne den Zirkus besser dran.

  3. Matthias schreibt:

    Haha, die ersten beiden Sätze allein haben mir den Tag gerettet..!!

    Und auch hinsichtlich der ganzen Missioniererei teile ich deine Meinung voll und ganz. Schon seltsam, dass eine „Religion“ wirbt wie ein Privatsender im TV, à la „we love to entertain you“. Hier dreht es sich selbst bei den beiden christlichen Weltreligionen lediglich um Selbsterhaltung (also um die Kohlen). Zumindest in der Chefetage, denn die sind es ja hauptsächlich, die die Penunsen einstecken. Da unterscheidet sich eine Sekte nicht unbedingt großartig von. Hat nicht Jesus auch als Sektenführer angefangen?

    Einem kiffenden Süffelmann hilft ein Gespräch mit einem guten Freund und im schlimmsten Fall eine Therapie sicherlich mehr.

    Grüße aus London,
    Matthias.

    PS: Mach weiter so, immer wieder wunderbar zu lesen!!

  4. rubenkalmbach schreibt:

    Hi „Jorge“

    ich lebe nun schon fast mein ganßes leben lang in Argentinien, bin aber irgendwie zwischen zwei welten aufgewachsen. Und auch wenn es so manchen überrascht ich fühle mich nach so vielen jahren immer noch Fremd hier, das selber passiert mir wenn ich nach Deutschland gehe, aber das ist wiederum eine andere art von Fremdgefühl.

    Die evangelikalen gehen wir hier auch auf dem Sack. Ich bin in einer evangelischen (luterisch) familie aufgewachsen, mein Vater ist Pfarrer. Die Evangelikalen nennen sich hier „evangelicos“ also „evangelisch“ und so wurde ich von anfang an als deresgleichen eingestuft. Als letztes jahr das Gesetz für die Homo-ehe in Argentinien heraus kam hatten sich die katholiken und evangelikale verreint um dagegen zu protestieren. Die Luteraner waren die einzige christen im Land die das Gesetz von anfang an unterstützt haben, und sogar öffentlich dafür kampagne machten. Mein Vater wurde oft ins radio eingeladen und wurde daraufhin von evangelikalen angegriefen und beschimpft als Verräter, als Antichrist, als Satan…man wollte im sogar den Teufel selbst austreiben.

    Luteraner arbeiten aktiv im Bereich „Menschenrechte“ , auch als in Argentinein die Militärs an der Macht waren. Aus diesem Grund werden sie von anderen Christen meist als „marxisten“ oder „falsche christen“ beschimpft.

    Luteraner sind schon über 200 Jahre im Land, und in dieser Zeit hat sich ihre Anzahl kaum vergrößert, im Gegenteil, sie ist leicht am Sinken. Die „evangelikale“ gruppen, ich würde sie eher als „fundamentalisten“ bezeichnen, gab es hier vor 100 Jahren noch nicht, werde aber Jahr für Jahr mächtiger.
    Es sind die Kirchen der schnellen antworten, die Kirchen des geldes, der Macht, der Zauberei…Alles in einem bildet das ein „Fast Food Glaube“. Den menschen wird wortwörtlich das Gehirn gewaschen, und das wird für die Zukunft des landes große folgen haben. Es wird nämlich nicht zum „rationalen denken“ erzohgen sondern zum „Hirn abschalten“ zum „nicht denken“. Diese menschen akzeptieren wortwörtlich jede einzige Zeile der Bibel.

    Ich selbst bin Agnostiker. Aber ich freue mich das es Christen gibt wie diejenigen bei dennen ich aufgewachsen bin. Leider ist nicht diese Art von religiösität die sich unter den menschen breit macht.

    Es bringt mich manchmal fast zum verzweifeln wenn ich sehe wie diese massen von menschen einem solchen geschwetz hinterher laufen. Meine Freundin ist auch in so einer gruppe aufgewachsen, das gab natürlich jede menge Diskusionen zwischen uns, aber alles in einem haben wir uns bisher verstanden, jeder respektiert den anderen.

    Wir wollen ende des Jahres heiraten, und meine große Sorge ist wie unßere Kinder aufwachsen sollen. Wie gesagt, ich habe nichts gegen Christlichen Glaube, aber ich habe etwas gegen fundamentalismus. Ich fände es toll wenn meine Kinder mal selbst entscheiden könnten ob sie an Gott glauben wollen oder nicht.

    Menschen die in einer pfingstlichen Umgebung aufwachsen können sich diese Frage niemals stellen. Ihnnen wird nämlich von Anfang an die Freiheit genommen Frei zu Denken und zu entscheiden.

    Hast du vielleicht Lust deinen Artikel ins Spanische zu übersetzen? ich würde ihn gerne mit freunden Teilen, ist immer interesant wie jemand von draussen das ganße sieht 😉

    Liebe Grüße aus Cordoba capital!!

    Ruben Kalmbach

    • llamadojorge schreibt:

      Hallo Ruben, du kriegst erst mal den Preis für den längsten Kommentar in diesem Blog (abgesehen von meinen eigenen, die gelegentlich noch länger ausfallen). Eine weitere interessante Sichtweise, die du da beisteuerst. Und weit stärker durch eigene Erfahrungen untermauert als bei mir, wie es scheint. Ich bin zwar auch evangelisch getauft und sogar konfirmiert, aber dann…
      Ob ich meinen Artikel ins Spanische übersetze muss ich mal sehen. Ich habe eigentlich keine Lust das hier im Blog zu tun, weil das sicher mit diversen anderen Artikeln auch sinnvoll wäre und dafür fehlt mir die Zeit. Aber wenn du dich berufen fühlst – sei mein Gast! Du darfst den Artikel gerne selbst übersetzen. 🙂 Jejeje…

  5. Pingback: Schon wieder Papst | Me llaman Jorge

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