Inflation

Ein Breitmaulfrosch hüpft über eine Wiese und trifft eine Kuh. „WEER BIST’N DUUU?“ quakt er vorlaut mit seinem breiten Maul. „Ich bin eine Kuh“, antwortet die Kuh. „WAAS FRISST’N DUU?“ will er weiter wissen. „Gras“, antwortet die Kuh. „AHA“, quakt der Frosch und hüpft weiter. Etwas weiter trifft er ein Pferd. „WEER BIST’N DUUU?“ quakt er wieder. „Ich bin ein Pferd“, antwortet das Pferd. „WAAS FRISST’N DUU?“ will er weiter wissen. „Ich fresse Gras“, sagt das Pferd. „Mhm“, denkt sich der Frosch und hüpft weiter. Etwas weiter trifft er auf einen Storch. „WEER BIST’N DUUU?“ fragt er wieder. „Ich bin ein Storch“, klappert der Storch. „WAAS FRISST’N DUU?“ – „Breitmaulfrösche.“ Der Frosch, plötzlich kleinlaut und mit spitzem Mund: „güps hür nüch“.

So ähnlich lautete bislang auch die Antwort der argentinischen Regierung, wann immer das Gespräch auf die hiesige Inflation kam: „Gibt’s hier nicht“. Ist natürlich völliger Quatsch, selbstverständlich gibt’s hier Inflation und nicht zu knapp. Anders wären auch die üppigen Gehaltserhöhungen in allen möglichen Branchen von 20-30 Prozent und mehr nicht zu bezahlen. Wobei jede Gewerkschaft die hohen Forderungen natürlich mit der hohen inoffiziellen Inflation begründet – und diese damit gleich wieder befeuert.

Ein paar Beispiele:

1 kg Brot: Als wir vor drei Jahren ankamen, lag der Preis dafür bei 2 Pesos, heute bei 9. Steigerung: 350%.

Busfahrt: Vor drei Jahren bei 0,75 Pesos, heute bei 1,10. Steigerung: 46%.

2 km Taxifahrt: Vor drei Jahren 5-7 Pesos, heute 10-12 Pesos. Steigerung: im Durchschnitt 83%.

1 kg Asado-Fleisch: Vor drei Jahren 10-14 Pesos, heute 34-40 Pesos. Steigerung: 200-300%.

Krankenversicherung: Vor drei Jahren 302,5 Pesos, heute 595,1. Steigerung: gut 96%.

Bei Autos ergibt sich die merkwürdige Situation, dass ein Neuwagen in den ersten Jahren fast nicht an (Geld-)Wert verliert. Ein Auto, das man für 45.000 Pesos kauft, kann man nach drei Jahren für fast denselben Betrag wieder verkaufen. Allerdings braucht man dann rund 60.000 Pesos, um das gleiche Fahrzeug wieder als Neuwagen zu kaufen. De facto hat der Wagen also an Wert eingebüßt.

Das sind natürlich nur Ausschnitte aus dem gesamten Warenkorb, den man so zum Leben braucht. Man kann ohne Auto, Fleisch, Taxi und Krankenversicherung auskommen, wenn man muss. Ok, ohne Fleisch vielleicht nicht in Argentinien. 🙂

Ich persönlich neige inzwischen dazu, im Großmarkt vom Typ Metro möglichst viel auf Vorrat einzukaufen, weil ich weiß, dass die 200 Klopapierrollen oder drei Kilo Käse morgen sowieso teurer sein werden. Solange noch Lagerplatz ist – immer her damit. Im Gefrierschrank oder oben drauf ist noch Platz.

In ihrer Verzweiflung über die steigenden Preise hat die Regierung schon vor Jahren begonnen, besonders stark steigende Preise aus dem Inflationsindex zu nehmen. Autoersatzteile? Braucht man nicht, raus aus dem Index. Privatschulen? Wozu, es gibt doch staatliche, also raus aus dem Index. Rindfleisch? Raus damit, es gibt ja Hühnchen. Vor Ostern fliegt wahrscheinlich der Fisch aus dem Index, weil die Nachfrage und damit der Preis steigt.

Während mit diesen Maßnahmen in der Vergangenheit noch eine niedrige einstellige Inflation herbeigezaubert werden konnte, gehen selbst die Angaben des staatlichen Statistikamts INDEC inzwischen in Richtung zweistelliger Inflationsrate. Dass die Ansage von der nicht exisitierenden Inflation daher nicht mehr greift, hat inzwischen auch die Regierung gemerkt. Es gebe „einige Anhebungen bei den Preisen“, daran seien aber die Unternehmen schuld, heißt es jetzt. Die Regierung hebe die Preise schließlich nicht an.

Der Wirtschaftsminister Amado Boudou schoss vergangene Woche den Vogel ab, indem er behauptete, die Inflation sei nichts, worum sich große Teile der Bevölkerung sorgten. Allenfalls ein Problem der Mittel- und Oberschicht. Hallo? Die Oberschicht verdient im Zweifel gut genug, die muss sich um die Inflation nicht sorgen. Es sind gerade die Armen, die von steigenden Lebensmittelpreisen gebeutelt werden (dieses Jahr allein zwischen 30 und 50% Zuwachs, je nach Institut, das die Erhebungen macht). Und um die sorgt sich Königin Cristina ja angeblich immer besonders – wenn man den Sonntagsreden Glauben schenkt.

Ich bin nicht wirklich sicher, wozu das Leugnen und Manipulieren am Index gut sein soll. Ok, am Index hängen wieder Schuldverschreibungen, die bei höherer Inflation gleich erheblich mehr Zinsen kosten. Aber innenpolitisch? Sollen die zum großen Teil durch die Inflation steigenden Steuereinnahmen auf Wirtschaftskompetenz hindeuten? Die Regierung hat jedenfalls die Gelddruckmaschinen angeworfen, die Emission hat sich nach Oppositionsangaben in diesem Jahr von 9% auf 33% erhöht – um den Rückkauf von Schulden zu begleichen. Für die sonst so verhassten Geldverleiher ist also Geld da.

Während arbeitslose Eltern noch einen kleinen Ausgleich durch eine Ende letzten Jahres neu geschaffene Art Kindergeld erhielten, gingen die Pensionäre bislang leer aus. Ein umstrittenes Projekt zur Kopplung der Minimal-Rente an den Mindestlohn wurde von der Präsidentin mit einem Veto belegt. Dafür sei kein Geld da. Da klaffen Taten und Worte mal wieder weit auseinander.

In zwei Tagen legt INDEC die Oktoberzahlen vor. Bin mal gespannt, ob sich die Oberstatistiker dann endlich über die Ein-Prozent-Hürde für die Preissteigerung innerhalb eines Monats trauen. Private Institute haben schon bis zu 2,6% ermittelt. Wie auch immer: Schuld sind sowieso die bösen Angestellten in den Supermärkten, die permanent neue Preise an den Regalen anbringen. Is klar, oder?

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