Neues aus Absurdistan

Nein, ich bin nicht umgezogen, ich lebe immer noch in Argentinien. Aber es gibt so ein paar Dinge, die einen als Zugereisten nur Schmunzeln oder den Kopf schütteln lassen.

Da ist z.B. der Plan von Königin Cristina, die Feiertage neu zu ordnen und so in Zukunft in jedem Monat mindestens einen zu haben. So will sie den Tourismus ankurbeln. Feiertage sind hier nämlich nur formal an ein bestimmtes Datum gebunden. De facto werden sie sowieso ständig verlegt auf den nächstliegenden Montag, so dass ein langes Wochenende entsteht und die Argentinier auf Reisen gehen können. Machen die auch. Mit neuen Feiertagen im Februar (Karneval) und November (Tag der Souveränität) gibt’s dann jeden Monat außer Januar ein langes Wochenende. Sonst gibt es ja hier keine Probleme…

Dann ist da der Regierungschef der Landeshauptstadt, Mauricio Macri, der es in letzter Zeit arg schwer hatte:

Um genau solches auch im Stadion von River Plate zu vermeiden, wenn dieses für die Veranstaltung von Rockkonzerten geöffnet wird, hatte die Stadtregierung vor kurzem 200 „Pogueros“ eingeladen, auf einem Abschnitt so wild wie möglich herumzuhüpfen. Vibrations-Messungen sollten dabei feststellen, wie stabil das vor über 30 Jahren zur Fußball-WM 1978 gebaute Stadion noch ist. Alle Pogo-Tänzer erhielten für ihren Einsatz 100 Pesos – und bedankten sich beim Regierungschef, indem sie während ihrer „Arbeit“ lautstark Anti-Macri-Parolen skandierten. Die Kirchner-nahe Zeitung Página/12 mokierte sich über Macri als wahrscheinlich weltweit einzigen Bürgermeister, der dafür bezahle, sich beleidigen zu lassen. Komischerweise ist Página/12 immer eine der ersten Adressen für Rücktrittsforderungen gegen den Stadt-Premier wenn sich Dinge ereignen wie die oben aufgezählten.

Nicht zuletzt ist da die Sorge um die Gesundheit des Ex-Präsidenten Néstor Kirchner, der sich am Wochenende schon der zweiten Bypass-Operation in diesem Jahr unterziehen musste. Da ist er nicht alleine, auch seine Amtsvorgänger De La Rua und Menem mussten ähnliche Operationen mindestens einmal über sich ergehen lassen, während sie das höchste Staatsamt ausübten (ups, Freudsche Fehlleistung: er ist ja gar nicht mehr Präsident!). Jedenfalls gibt’s kaum eine Zeitung heute, die nicht Details der Operation in bunten Grafiken aufbereitet, Fotos des Patienten beim Verlassen der Klinik druckt („Perfekt, alles in Ordnung.“) oder sich die Frage stellt, ob dies seine Chancen für eine Wiederwahl schmälern wird oder der Mitleidsbonus ihn vielleicht sogar erneut in die Casa Rosada trägt.

Bei Vorgänger Menem hat das geklappt, der setzte sich nach der 1993 erfolgten Herzoperation 1996 erneut auf den Präsidentensessel. Gerüchten zufolge hatten bösmeinende Medizinstudenten damals angeblich auf eine gut sichtbare Mauer der medizinischen Fakultät die Worte „Gracias carotida por intentarlo“ geschmiert (Danke, Halsschlagader, für den Versuch) – Beweise z.B. in Form von Fotos konnte ich dafür allerdings keine finden. Die aktuellen Kommentare in Twitter – eine moderne Version der Grafittiwände – zu Kirchner sind allerdings bisweilen auch wenig schmeichelhaft: „ni la muerte lo quiere“ (nicht mal der Tod will ihn haben). Kirchner will weitermachen wie zuvor und sieht seinen Fahrplan zu Präsidentschaft #2 ½  nicht in Gefahr.

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4 Antworten zu Neues aus Absurdistan

  1. Pingback: Tag der deutschen Einheit- ohne mich! « Marco - Schnell unterwegs!

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  3. Esther schreibt:

    Hallo Helge

    Auch die NZZ hat sich mit dem Thema „Feiertage in Argentinien“ befasst. Hier der Link dazu http://www.nzz.ch/per-sofort-fuenf-neue-feiertage-1.8495949
    Liebe Grüsse aus Basel
    Esther

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