200 Jahre Argentinien – ein Kindergarten

Seit Wochen werden im ganzen Land die Festivitäten zur 200-Jahr-Feier des Landes vorbereitet. Hier in Buenos Aires beispielsweise ist die große Avenida 9 de Julio (angeblich die breiteste Straße der Welt) seit zwei Wochen in Teilen gesperrt, weil dort die Geschichte des Landes auf dem „Paseo del Bicentenario“ aufgebaut wird (Übersichtskarte). Auch die Plaza de Mayo vor dem Regierungspalast ist seit einigen Tagen gesperrt. Etliche Paraden und jede Menge Musik und Kultur wird es in den nächsten vier Tagen geben – inklusive der Wiedereröffnung des Teatro Colón nach mehrjähriger Renovierungspause am Montag.

Dabei sollten natürlich auch alle hohen Amts- und Würdenträger des Landes und viele geladene Gäste anwesend sein. Zusätzlich wird das Geschehen drinnen auf Großbildleinwände draußen übertragen, so dass das gemeine Volk auch was davon hat.

Wie gesagt: sollten anwesend sein. Denn eine wird dem Spektakel wohl fernbleiben – ausgerechnet Königin Cristina. Denn hier spukt seit Wochen noch ein zweiter Geist, und der hat mit Feierlichkeit wenig zu tun, mehr mit politischer Schlammschlacht. Die Hauptstadt wird nämlich von einer Oppositionspartei regiert und der Oberbürgermeister Mauricio Macri macht sich Hoffnungen, bei den Wahlen im nächsten Jahr Präsident zu werden.

Ihm dabei Knüppel zwischen die Beine zu werfen ist vor allem ein Sport von Néstor Kirchner, der selbst wieder ans Ruder will. Dazu dient eine – für mich sehr undurchsichtige – Affäre um illegal abgehörte Telefonate durch einen Angestellten der Stadt, den ehemaligen Polizisten Ciro James und eine Reihe anderer Personen, darunter auch Ex-Geheimdienstleute. Abgehört wurden angeblich Telefongespräche von Politikern, in wessen Auftrag weiß man nicht so genau.

Die ganze Causa flog auf und der zuständige Richter Norberto Oyarbide – ein guter Freund der Kirchners – fand verdächtige Verbindungen zum Regierungschef der Hauptstadt. Der wiederum bestreitet alle Vorwürfe und beschuldigt seinerseits Kirchner, ihn mit Dreck zu bewerfen, um seine Kandidatur als Präsidentschaftskandidat zu gefährden.

Macri und die Kirchners gehen sich aus dem Weg, wo sie nur können und kommunizieren nur über die Medien miteinander. Bei der 200-Jahr-Feier geht das aber nicht. So geschah es gestern, dass Macri in einem Interview auch einen Satz zum bevorstehenden Festakt im Teatro Colón einfließen ließ. Er sagte sinngemäß, dass er hoffe, die Präsidentin werde ihren Gatten nicht mitbringen, aber wenn dieser komme, werde er halt notgedrungen neben ihm sitzen. Spaß mache ihm das aber keinen.

Daraufhin gab’s kurz darauf einen geharnischten Brief aus der Staatskanzlei der Präsidentin mit ihrer Absage an der Feier teilzunehmen, der heute in vielen Tageszeitungen im Faksimile abgedruckt wurde. Darin wünscht sie ihm ironisch „viel Spaß bei der Wiedereröffnung ohne unerwünschte Gäste.“ Nur Minuten später reagierte Macri darauf seinerseits mit einem Brief, in dem er sein tiefes Bedauern über ihre Entscheidung ausdrückt und schreibt, er hoffe, dass sie es sich noch einmal anders überlege. Es sei schließlich ihre gemeinsame Verantwortung, für diesen Abend die politischen Differenzen beiseite zu lassen und sich der historischen Bedeutung bewusst zu sein.

Das mit der historischen Bedeutung fiel ihm ein bißchen spät ein. Denn jetzt wird in die Geschichte eingehen, dass argentinische Spitzenpolitiker im Jahr 2010 sich wie Kleinkinder im Sandkasten benommen haben (Entschuldigung an dieser Stelle an alle Kleinkinder). Und auch wenn ich in diesem Fall dazu tendiere Cristina recht zu geben: die Dame ist keinen Deut besser. Damit sie dem ungeliebten Vizepräsidenten Julio Cobos beim offiziellen Staatsbankett am Unabhängigkeitstag, dem 25. Mai, nicht begegnen muss, hat sie ihn gar nicht erst eingeladen. Ebensowenig die noch lebenden Ex-Präsidenten von Isabel Perón bis Eduardo Duhalde. Oh, mit einer Ausnahme natürlich: Ex-Präsident Néstor Kirchner wird selbstverständlich anwesend sein.

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5 Antworten zu 200 Jahre Argentinien – ein Kindergarten

  1. Cecilia schreibt:

    … was kann man dazu sagen? Puaj!

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