Heiß is‘

Wenn morgens um acht die Zikaden in den Bäumen zu kreischen anfangen, wenn bei Tag und Nacht das Summen der Klimaanlage der Nachbarn zu hören ist, wenn man mehrmals am Tag das Wasser im Hundenapf wechseln muss, weil sich wieder irgendwelche Vögel darin gebadet haben – dann ist Sommer in Buenos Aires.

Die meisten schalten dann einen Gang zurück, vor allem um die Mittagszeit findet man kaum jemanden auf der Straße, der nicht dort sein muss (wie z.B. unser Soda-Lieferant). Ich ertappe mich regelmäßig, wie ich Umwege in Kauf nehme, wenn ich weiß, dass dafür auf dem längeren Weg mehr schattenspendende Bäume stehen. Dabei sind die Temperaturen zwar hoch, aber auch für deutsche Verhältnisse durchaus nicht außergewöhnlich: 35°C im Schatten gibt’s ja auch in Süddeutschland gelegentlich (in Hamburg hatten wir das in 10 Jahren allerdings glaube ich nie). Heute nachmittag hatten wir hier immerhin „gefühlte“ 38°C. Damit sind wir noch einige Grade entfernt vom Rekord, der bei unglaublichen 43,3°C lag – heute vor 53 Jahren (siehe Zeitungsausschnitt).

"In 100 Jahren gab es nie so eine Hitze: 43°3"

"In 100 Jahren gab es nie so eine Hitze: 43°3"

Das Problem sind aber nicht die hohen Tagestemperaturen, sondern vor allem die hohen Nachttemperaturen und das über einen längeren Zeitraum. Denn obwohl man tagsüber alle Öffnungen des Hauses verriegelt und verrammelt, um die Hitze draußen zu halten, ist es natürlich nach jetzt fast zwei Wochen täglich über 30°C auch drinnen heiß. Gestern hatten wir um 0:00 Uhr noch 29°C draußen und 31° drinnen. Da nützt Fensteröffnen zum Durchlüften leider wenig. Nur unser kleiner chinesischer Ventilator, den wir uns im heißen Sommer 2003 für unsere Wohnung in Hamburg zugelegt hatten, läuft im Dauerbetrieb und spendet ein wenig Erfrischung (ein Hoch auf die chinesische Industrie).

Denn selbst aus dem Wasserhahn kommt das Wasser inzwischen mit 27-28°C, weil es nicht direkt aus einer Leitung im Boden fließt, sondern aus einem Tank auf dem Dach des Hauses. Das ist hier üblich, weil es keine Druckleitungen gibt (wie z.B. in weiten Teilen der USA auch nicht), der Wasserdruck also – mit Glück – gerade mal ausreicht, um diesen Tank auf dem Dach zu füllen. Viele Häuser haben selbst dafür nochmal einen ebenerdiges oder unterirdisches Reservoir, aus dem dann das Wasser mit Hilfe einer Pumpe auf’s Dach befördert wird. Wirkliche Abkühlung ist so jedenfalls auch mit einer „kalten“ Dusche nicht zu erreichen.

Wirklich unangenehm wird’s aber bei Stromausfällen, die im Moment bezirkweise wieder an der Tagesordnung sind. Manche Blocks hier in der Nachbarschaft hatten von gestern mittag bis heute vormittag keinen Strom. Verderbliche Ware im Kühlschrank oder gar Gefrierfach ist dann wahrscheinlich hinüber. Kleine Läden, die Milch oder Joghurt im Angebot haben, kann das in den Ruin treiben – oder Kundschaft kosten, wenn die Ware im Regal bleibt und Kunden nach dem Verzehr eines verdorbenen Produkts krank werden.

Von der Regierung ist inzwischen Warnstufe „Orange“ ausgerufen worden, weil bei dieser Hitze die Sterblichkeit um 30-60% ansteige was sich in Buenos Aires in durchschnittlich 45 Toten zusätzlich pro Tag niederschlägt. Mit dem Ausrufen hat sich’s aber, denn das bedeutet nicht, dass noch weitere Maßnahmen ergriffen würden. Es soll bloß der Bevölkerung verdeutlichen, dass sie mehr auf ausreichendes Trinken, wenig körperliche Aktivität und leichtes Essen achten soll, um Hitzschlägen vorzubeugen.

Abkühlung ist vorerst nicht in Sicht. Zwar soll es am Sonntag regnen, aber die Temperatur geht nur auf rund 30°C zurück. Mit der Zunahme an Luftfeuchtigkeit dürfte sich das über die „gefühlte“ Temperatur dann wieder auf ähnliche Höhen schrauben wie schon in den letzten Tagen.

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4 Antworten zu Heiß is‘

  1. Volker schreibt:

    Die Sache mit dem Wassertank auf dem Dach und den Stromausfällen erinnern einen dann doch mal wieder daran, wie hoch der westliche Lebensstandard ist, den wir in Deutschland als völlig selbstverständlich empfinden. Trotzdem hätte ich solche Sachen von einer Metropole wie Buenos Aires nicht unbedingt erwartet.

    Helge, habt Ihr nicht die Möglichkeit, eine Klimaanlage im Haus zu installieren, wenigstens fürs Schlafzimmer? Die Stromkosten sind doch in Argentinien sicher nicht annähernd so hoch wie in Deutschland. Oder zählen solche Geräte zu den Waren, die wegen der Importzölle so wahnsinnig teuer sind?

    • llamadojorge schreibt:

      Ja, wir haben je einen so genannten „Split“ im Schlafzimmer und einen im Arbeitszimmer. Das sind Heiß-Kalt-Klimaanlagen in zwei Teilen (deshalb wahrscheinlich Split). Draußen hängt ein großer Kasten der über Kabel und Schläuche mit einem etwas kleineren (eigentlich nur ein rechteckiger Wand-Ventilator) im Zimmer verbunden ist. Der Wand-Ventilator bläst dann Luft an einem Gitter vorbei, dass über den Wärmetauscher entweder kalt oder warm ist und entsprechende Luft produziert. Der Aufbau in zwei Teilen sorgt angeblich dafür, dass der Verbrauch dieser Geräte geringer ist, als der herkömmlicher Wand- oder gar Fenster-Air-Conditions.
      Allerdings kann ich mich mit den Geräten nicht so richtig anfreunden, weil die Luft, die da rauskommt, eigentlich immer gleich kalt ist, egal, wie man die Temperatur per Fernbedienung einstellt. Und das ist mir meist zu kalt. Man kann die Anlage zwar auf nur Ventilation schalten, aber der Luftdurchfluss – und damit der Abkühlungsfaktor – ist nicht annähernd so groß, wie bei dem kleinen Standventilator, den ich momentan quer durch’s Haus trage. Der hat außerdem noch den Vorteil weniger zu verbrauchen. 😉
      Was den Lebensstandard angeht: ja, in Europa lebt man auf einer Insel der Glückseligen und weiß es gar nicht. Strom und Wasser fehlen so gut wie nie und wenn wird’s meistens vorher angekündigt. Innerhalb Argentiniens ist es aber glaube ich gerade in Buenos Aires schlimm, weil der Moloch so unkontrolliert wächst. Hier werden überall kleine Einfamilienhäuser durch Hochhausblocks mit Eigentumswohnungen ersetzt, ohne Strom- und Wasserver- oder -entsorgung entsprechend zu bevorraten. Da, wo früher also vielleicht 5-10 Menschen Strom und Wasser verbraucht haben, tun das jetzt 30-100 – das kann bei gleichbleibender Stromproduktion und unveränderten Be- und Abwasserleitungen einfach nicht funktionieren. Angesichts dessen ist es erstaunlich, dass es irgendwie halt so oft doch geht. Wie heißt es bei „Shakespeare in Love“ auf die Frage, wie trotz aller Widrigkeiten ein gutes Theaterstück auf die Bühne kommt: „Ich weiß nicht, es ist ein Wunder“. 🙂

  2. Thorsten schreibt:

    Hallo Helge,
    du kannst gerne ein paar Minusgerade von uns bekommen. Gestern waren es -18C und dank Wind noch kaelter. Wenigstens faellt nicht der Strom aus (knock on wood), sonst wirds zapfig.

    Gruss von den grossen Seen
    Thorsten

    • llamadojorge schreibt:

      Besten Dank, Thorsten, ich bleibe lieber bei meinem Ventilator (solange Strom da ist) und schwitze lieber als dass ich friere (wenn keiner mehr da ist). Hab schon von Freunden aus Montreal gehört, dass die dank “chill-factor” auch gefühlte Temperatur von -30°C hatten. Danke bestens, muss ich nicht haben.

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