Auslandspost

Ich hab vor kurzem was online bestellt bei einem großen Versandhändler aus Seattle, Washington. Der deutschen Filiale um genau zu sein. War billiger, als das gleiche Produkt hier in Argentinien zu kaufen. Erheblich billiger. Und dieser Versandhändler hat – entgegen vielen anderen Online-Händlern in Deutschland – kein Problem damit, auch entlegene Weltregionen mit seinen Produkten zu bedienen.

Ich war also in freudiger Erwartung, als ich im Briefkasten einen Zettel zur Abholung fand. Dachte schon, is ja prima, nicht mal Einfuhrzoll muss man zahlen. Nur zur Post zum Abholen muss ich noch. Denkste. Denn bei der Post gab es nicht etwa das Päckchen, das ich erwartet hatte, sondern nur einen weiteren Abholschein für das Hauptpostamt im Zentrum, Ecke Avenida Antartida Argentina und Letonia.

Heute sind wir also dorthin gegurkt, was bei den derzeit täglich stattfindenden Straßensperren durch irgendwelche Protestler wahrlich keine Freude ist. Ständig wird man mit 20 fahnenschwenkenden Idioten konfrontiert, die wegen irgendwelcher Ungerechtigkeiten der Welt komplette Straßenzüge und selbst Autobahnen sperren. Bevorzugt solche, die besonders befahren sind, logisch.

Schild beim Hauptpostamt für Auslandspost

Schild beim Hauptpostamt für Auslandspost

Wider Erwarten haben wir es aber ohne größere Schwierigkeiten bis zum Hauptpostamt geschafft und dort sogar einen Parkplatz ergattert. Drinnen angekommen begrüßte uns aber zunächst mal ein Schild (s.o.), auf dem der weitere Vorgang beschrieben stand:

  1. Nummer ziehen und warten.
  2. Am Schalter der Post den Abholschein und den Personalausweis vorzeigen, eine „Lagergebühr“ von 2 Pesos pro Tag seit dem vierten Tag nach der ersten Benachrichtigung (ich weiß, muss man mehrmals lesen) entrichten.
  3. Mit einem neuen Zettel in den Zollbereich weitergehen. Dort wird die Sendung geöffnet und die Einfuhrpolice ausgestellt.
  4. Nach Überprüfung der Sendung weiter zur Filiale der Banco de la Nación zur Entrichtung der fälligen Einfuhrzölle und sonstiger Gebühren.
  5. Mit dem Beleg über die Zahlung der Gebühren zurück zum Sektor der Auslieferung der Ware.

Macht erstmal Angst. Noch mehr Angst, wenn man ankommt, der Zähler bei der ersten Stelle 31 zeigt und man die Nummer 67 zieht. Wir hatten also gute 30 Nummern vor uns und zu Anfang ging es kaum vorwärts. Irgendwann schienen dann aber irgendwelche Kollegen aus dem Mittagsschlaf erwacht zu sein, jedenfalls waren plötzlich alle drei Schalter besetzt und in „nur“ einer dreiviertel Stunde hatten wir Punkt 2 abgehakt. Super, dachte ich, fehlen nur noch drei; bis Feierabend sind wir fertig.

Abholzettel für den Zoll

Abholzettel für den Zoll

Weiter zur nächsten Haltestelle. Wieder eine Halle, wieder Warten. Wieder mit einer Nummer, allerdings diesmal sechsstellig (s.Bild). In unregelmäßigen Abständen sprach Gott aus unsichtbaren Lautsprechern zu uns und nannte uns in rasender Folge sechsstellige Nummern, woraufhin einige der Wartenden aufsprangen und durch eine Drehschranke und eine Tür verschwanden.

Nachdem der dritte Schwung von Leuten hinter dieser Tür verschwunden war und keiner wieder auftauchte, begann ich schon, mir Sorgen zu machen. Nach erstaunlich kurzem Warten von vielleicht 20 Minuten kam aber schon das erlösende „Quinientoscincuentaynuevemilquinientosveintidos“ und wir traten erwartungsvoll durch Drehtür und Tür. Nur um uns vor einer weiteren Tür zu finden. Mangels Alternativen gingen wir also auch durch diese und fanden uns in einem langen Gang mit Tresen an der gegenüberliegenden Seite. Dort stand Gott mit seinem Mikrofon und las weitere Nummern vor.

Ohne das von mir erwartete Brimborium händigte er mir mein Päckchen aus und wies mich zum Ende des Ganges. Dort war der Ausgang. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Tatsächlich kein Einfuhrzoll! Aber ganz ohne Formalitäten wollten sie mich dann doch nicht gehen lassen. Am Ausgang hielt mir eine freundliche Dame noch einen Zettel hin, auf dem ich den Empfang meines Päckchens nochmals durch Unterschrift bestätigen musste. Aber dann waren wir tatsächlich schon nach knapp über einer Stunde wieder draußen.

Auf dem Rückweg wären wir dann beinahe doch noch in eine Straßensperre geraten, aber zum Glück waren wir durch freundliche Mitmenschen schon gewarnt worden. So hatten wir auf der anderen Ausfallstraße nur erheblichen Verkehr im Stop-and-Go, was aber immer noch besser ist als gar nicht vorwärts zu kommen oder sich inmitten einer Horde knüppelschwingender Großstadtguerilleros wiederzufinden, die aus Frust oder Lust an der Gewalt auf dein Auto eintrommeln.

Jetzt, am Ende des Tages, hätte ich da nur noch eine Frage: Wenn’s bloß drum ging von mir eine Unterschrift zu bekommen, hättet ihr dafür nicht einen Postboten vorbeischicken können?

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4 Antworten zu Auslandspost

  1. Volker schreibt:

    Naja, in Deutschland läuft das nicht weniger umständlich ab. Nummern ziehen fällt zwar weg (dafür wird bei der Paketausgabe der Name des Empfängers gebrüllt) und Gebühren werden an 2 Stellen erhoben (Lager- und Bearbeitungsgebühren). Dafür darf man dann 3 Mal unterschreiben und die Schalter sind genau so schlecht besetzt, wie man das in Deutschland halt so kennt. So 30-40 Minuten dauert der ganze Vorgang bestimmt, bei gutem Andrang auch mal doppelt so lange.
    Wo kämen wir auch hin, wenn Argentinien „uns“ in Punkto Bürokratie überbieten würde.

    • llamadojorge schreibt:

      Hallo Volker, ich hab nur einmal eine ähnliche Erfahrung in D gemacht; damals in Hamburg lief das allerdings relativ reibungslos – wenn man auch dort bis in die City-Süd bestellt wurde, was irgendwie nie auf meinem Weg lag. Was Bürokratie angeht schlagen die Argentinier Deutschland aber definitiv. Was in D inzwischen alles mit Computer machbar ist, davon ist hier leider nur zu träumen. Alles auf Formularen, handschriftlich, in doppelter oder dreifacher Ausfertigung, dazu jedesmal eine Kopie des hiesigen Personalausweises (DNI), manchmal noch eine aktuelle Rechnung von Strom/Gas/Wasser, die beweisen soll, dass du wirklich da wohnst, wo du angibst, dass du wohnst… Und das nicht nur bei Behörden sondern gerade auch bei privatwirtschaftlich organisierten Unternehmen wie Banken, Versicherungen etc. Ich schätze, auf die Weise kann man ’ne Menge Schreibkräfte beschäftigen, die den ganzen Tag nichts anderes tun, als die handschriftlich ausgefüllten Formulare zu entziffern und wieder in Computer einzutippen. Na ja, schafft immerhin Jobs. 🙂

  2. antje schreibt:

    sehr schön beschrieben! ich kenne das und erwarte nur noch briefe oder postkarten aus DE 😉
    antje

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