2 Jahre BA

Wir sind inzwischen fast auf den Tag genau 2 Jahre hier in BA. Für eine Bilanz braucht man ja eigentlich nur ein Wirtschaftsjahr, ich bin aber auch nach zwei noch nicht in der Lage wirklich Bilanz zu ziehen. Es gibt immer noch Dinge, die mich überraschen, aber es werden weniger. Trotzdem hier mal ein Kurz-Überblick über die bisherigen Erfahrungen.

Zuerst mal: Wir haben nach viel längerer Suche, als eigentlich beabsichtigt einen komfortablen eigenen Wohnsitz gefunden, was für Menschen, die wie wir von zuhause arbeiten, sehr viel wert ist. Glücklicherweise müssen wir uns nicht täglich in den Strom von Menschen einreihen, die in die Innenstadt und wieder zurück pendeln. Dann wäre der Wohnsitz hier in Lomas de Zamora unglücklich gewählt, denn die Teilnahme am Verkehr in dieser Riesenstadt ist eine wahre Herausforderung (siehe die Abenteuer Bus- und S-Bahnfahrt). Über die Herausforderungen Bürokratie und Bankwesen hab ich an anderer Stelle ja auch schon berichtet.

Hauptsache gesund

Die Krankenversorgung hingegen ist sehr gut – wenn man sie bezahlen kann – und viel Zeit hat. In den seltensten Fällen hat nämlich ein Orthopäde ein Röntgengerät in seiner Praxis sondern schickt einen zu einer Röntgenpraxis (wo man auch erstmal einen Termin vereinbaren muss und, wenn man Pech hat, später nochmal hin muss, um den Befund abzuholen). Zur Blutuntersuchung muss man persönlich ins Labor – und hinterher die Ergebnisse wieder abholen. Postversand? Unbekannt.

Wer nicht zahlen kann (und viele Argentinier haben keine Krankenversicherung) erhält dennoch eine Grundversorgung über die staatlichen Krankenhäuser und Polikliniken. Das System haben Weltbank und IWF zum Glück in den ’90ern nicht kaputtgekriegt, auch wenn sie’s versucht haben. Die Versorgung ist in Einzelfällen offenbar sogar umfassender als die, die man als Kassenpatient in Deutschland erwarten darf (siehe TV-Reportage Kasse gegen Privat). Eine PET-Untersuchung kriegt hier auch ein Krebspatient, der nicht versichert ist – wenn auch erst nach entsprechender Wartezeit.

Ja, diese öffentlichen Kliniken sind überlaufen, unterfinanziert und schlecht ausgestattet – aber man findet dort ungeheuer erfahrene Ärzte, von denen jeder täglich zig Patienten behandelt. In Privatkliniken, die das System abrunden, sind die Ärzte vielleicht theoretisch besser ausgebildet und haben mehr Ressourcen hinsichtlich Untersuchungen und Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung. An Praxiserfahrung können sich die meisten allerdings kaum mit denen im öffentlichen System messen.

Klassengesellschaft

In dieser Hinsicht ist Argentinien also eine Klassengesellschaft und in vielerlei anderer Hinsicht auch. Es gibt genaue Abstufungen in der Hierarchie der Kasten und es dürfte eher selten vorkommen, dass jemand die Kaste wechselt. Das ist vielleicht für mich am schwierigsten zu akzeptieren, weil das in Deutschland ja noch nicht ganz so extrem ist. Aber Klassenmedizin (siehe nochmal der TV-Beitrag „Kasse gegen Privat“) und -bildung gibt’s ja auch da schon.

Mit dieser Klassengesellschaft hängt leider auch ein gravierender Nachteil des Lebens in dieser Stadt zusammen: die große Unsicherheit. Die Kriminalität wird von vielen Menschen als das Hauptproblem benannt, dem sich die Politik annehmen müsste.

Kann sein, dass das durch die Medien noch aufgebauscht wird, weil viele Sendungen gerade der 24-Stunden-Nachrichtensender aus kaum etwas anderem bestehen als der Berichterstattung über Unfälle, Raubzüge, Unglücke und Morde (neben Fußball natürlich). Gerade der Konsum von sehr zerstörerischen Billigdrogen wie „Paco“ oder neuerdings „Aceto“ in den Armenvierteln führt aber für viele Jugendliche in die Beschaffungskriminalität. Verbunden mit der durch die Drogen abnehmenden Fähigkeit zu Mitleid oder Empathie verlaufen viele dieser Delikte extrem gewalttätig.

Wir persönlich sind zum Glück bislang ohne eigene Erfahrungen in dieser Hinsicht, fanden uns aber vor kurzem mitten am Tag in einer Polizeiaktion wieder. Bei unseren Nachbarn hatten drei Jungs versucht das Auto zu stehlen, als eine der Töchter es gerade in die Einfahrt fuhr. Lief glücklicherweise alles glimpflich ab. Die Täter wurden allerdings nicht gefasst. Der Blick die Straße rauf und runter ist uns seitdem zur Gewohnheit geworden, bevor wir die Haustüre aufschließen.

Überraschungen

Erstaunlich finde ich dagegen immer wieder den Erfindungs- und Einfallsreichtum der Argentinier und was für merkwürdige Geschäftsmodelle hier zu funktionieren scheinen. Ein Laden für alle Arten von Fernbedienungen (und sonst nix!) zum Beispiel, der seit Jahren existiert. Oder der Mann, der ebenfalls seit Jahren tagein, tagaus mit seinem Fahrrad durch unser Viertel fährt, auf seiner Trillerpfeife bläst und mit rauchiger, verbrauchter Stimme „HAY CHURROS“ brüllt. Ich hab noch nie jemand was bei ihm kaufen sehen (und den leisen Verdacht, dass der noch was anderes im Angebot hat als Churros).

Kleine Tante-Emma-Läden bieten hier alle zwei Straßen den großen Hypermarktketten Walmart, Carrefour, COTO und Co. erfolgreich Paroli und ersparen es einem, wegen einem Liter Milch oder ein paar Eiern durch einen riesigen Supermarkt zu hecheln. Und die Bedienung dort kennt ihre Kundschaft zum Teil seit Jahrzehnten, entsprechend herzlich ist das Verhältnis. Anschreiben, wenn man gerade kein Geld dabei hat, ist kein Problem.

Überraschend finde ich auch immer noch einige Verzerrungen bei Preisen für Grundbedürfnisartikel. Zum Beispiel wenn ich auf dem Kassenzettel im Supermarkt sehe, dass die Packung mit acht Rollen Klopapier das Teuerste ist, was ich eingekauft habe (und es nicht das super-luxusweiche-4lagige!). Oder ich für ein Kilo Eiscreme bis zu 50 Pesos hinlegen muss. Während andererseits Dinge wie zwei Kilo Saftorangen nur sechs Pesos kosten und 30 Eier gerade mal zehn. Ich weiß, in Deutschland hab ich auch selten mehr als 10 Eier auf einmal gekauft, aber hier kaufen wir in letzter Zeit regelmäßig die 30-Eier-Paletten – und verbrauchen sie auch. Und meinem Cholesterinspiegel geht’s gut, danke der Nachfrage.

Man lernt nie aus

Gestern habe ich gelernt, dass man Plastikdübel (heißen hier übrigens einfach „Fischer“) in Wänden auch durch einen Zahnstocher oder ein anderes dünnes Holzstück ersetzen kann. Sowas kennt ein Erste-Welt-Kind wie ich ja nicht. Ich würde das nicht uneingeschränkt empfehlen, aber es scheint bei geringer Belastung zu funktionieren. Und mein Schwiegervater repariert nahezu alles mit einem Zwei-Komponenten-Klebstoff, der so ähnlich formbar ist wie Knete, aber nach dem Trocknen so fest wird wie Metall. Sieht nicht schön aus, hält aber. Meistens. 🙂

So hält Argentinien auch nach zwei Jahren noch mancherlei Überraschung bereit und das wird so schnell glaube ich auch nicht aufhören. Wir haben seit kurzem auch einen mobilen Untersatz und werden sicher demnächst mal die nähere und fernere Umgebung der Hauptstadt erkunden. Da gibt’s noch viel zu entdecken. So long!

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Eine Antwort zu 2 Jahre BA

  1. Volker schreibt:

    Sehr informativ und interessant geschrieben! Zu „Paco“ gab es übrigens vor ca. 2 Jahren im „Weltspiegel“ einen Beitrag. Mich hat das damals ziemlich betroffen gemacht weil dies eine Seite von Argentinien ist, von der man hier in Deutschland eigentlich nie etwas hört.
    Falls es jemanden interessiert:
    http://www.daserste.de/weltspiegel/beitrag_dyn~uid,xwusfvkun60scwyy~cm.asp

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