Glyphosat-Verbot?

Bei mir sind in den vergangenen Tagen mehrfach Fragen eingegangen nach einem Verbotsverfahren von Glyphosat, das es hier seit knapp 2 Monaten gibt. Glyphosat ist der weltweit am häufigsten verwendete Wirkstoff in Pestiziden und viele gentechnisch manipulierte Pflanzen, wie z.B. die Roundup-Ready Soja (Monsanto) sind genau gegen diesen immun gemacht worden. Soja ist das Hauptausfuhrprodukt Argentiniens und wächst hier zu nahezu 100% in seiner genmanipulierten Variante, deshalb ist ein solches Verbotsverfahren natürlich eine Bombe. Internationale Medien hatten das dementsprechend aus den lokalen Medien aufgegriffen, aber wie das so ist, teilweise nur die halbe Wahrheit berichtet – oder schlicht das übersetzt, was in den hiesigen Blättern stand.

Der Mediziner Andrés Eduardo Carrasco leitet das Labor für molekulare Embryologie an der Universität von Buenos Aires (UBA) und arbeitet auch für den nationalen Wissenschaftsrat CONICET (so etwas wie die Max-Planck-Gesellschaft Argentiniens).

Carrasco gab der regierungsnahen Zeitung Página/12 Mitte April ein Interview, in dem er berichtete, dass Studien an seinem Institut zu dem Ergebnis gekommen seien, dass selbst kleinste Dosen Glyphosat die Embryonalentwicklung von Fröschen nachhaltig beeinträchtigten und schloss eine Übertragbarkeit auf den Menschen ausdrücklich nicht aus. Die Vereinigung von Umweltanwälten in Argentinien stellte daraufhin beim obersten Gerichtshof einen Antrag, Glyphosat in Argentinien zu verbieten, in dem sie sich auf das oben genannte Interview und weitere Studien bezogen, die hohe Zahlen von Missbildungen und Fehlgeburten in ländlichen Regionen in Argentinien feststellen und diese mit dem Pestizideinsatz in Verbindung bringen.

Das gab einen riesigen Aufschrei vor allem bei den Farmern und in der ihnen nahestehenden Presse, die dahinter ein Komplott der Regierung vermuteten (dass das nicht generell von der Hand zu weisen ist, werde ich demnächst mal an einem ähnlichen Fall versuchen, deutlich zu machen). Schließlich steht es um die Beziehung zwischen Landwirten und Regierung hier seit über einem Jahr eher schlecht und Verschwörungstheorien gedeihen in diesem Klima generell gut. Außerdem entdeckten findige Leute auch noch eine Verbindung von Carrasco zum Verteidigungsministerium, wo er das Untersekretariat für Forschung und Entwicklung leitet. Und ausgerechnet das Verteidigungsministerium verbot auf den eigenen Äckern kurz darauf den Anbau von Soja.

Viele Leute wollten auf einmal einen Blick auf die Studie seines Instituts werfen, um sich ein Bild zu machen oder – wahrscheinlicher – um sie aufgrund möglicher methodischer Fehler zu zerpflücken. Was Carrasco jedoch vergessen (?) hatte, im Interview zu erwähnen, war, dass die Studie noch gar nicht fertig war. Es gab noch keinerlei Veröffentlichung, sie war noch nicht einmal geschrieben. In einem zweiten Interview mit Página/12 von Anfang Mai gab er zu, die öffentliche Reaktion unterschätzt zu haben, rechtfertigte sich aber damit, dass er nicht einen wissenschaftlichen Peer-Review-Prozess abwarten wollte, wenn durch die massive Verwendung von Glyphosat auf argentinischen Äckern möglicherweise Menschenleben in Gefahr seien. Von einer großen Zahl Intellektueller, Wissenschaftler, Journalisten und Politikern wurde er in dieser Haltung unterstützt, die in einem Aufruf die Freiheit der Wissenschaft hochhielten und die Einmischung der Wirtschaft verurteilten.

Gleichzeitig beschwerte sich Carrasco im zweiten Interview, dass es zu Bedrohungen in seinem Institut und auf seinem Anrufbeantworter gekommen sei. Vier Männer – offenbar zwei von einer Landwirtschaftskammer, ein Notar und ein Anwalt – seien im Institut aufgetaucht und hätten Informationen über die Studie verlangt, nach Personenangaben seiner Mitarbeiter gefragt. In den landwirtschafts-freundlichen Medien (v.a. La Nación) wurde er derweil zum Handlanger der Regierung im Kampf gegen die Sojabauern stilisiert, seine wissenschaftliche Reputation wurde in Zweifel gezogen.

Tatsächlich versprühen argentinische Farmer 180-200 Mio. Tonnen Liter (sorry!) pro Jahr von dem Zeug, das hier in den 70er Jahren als „schwach toxisch“ eingestuft und genehmigt wurde. Das passt augenscheinlich zu den Einstufungen die man auch von unabhängiger Seite bekommt (Pesticide Action Network UK, Pesticide Action Network USA), auch wenn es hier und da hieß, die Einstufungen in der „ersten Welt“ (Europa, USA) seien viel strenger. Möglicherweise bezieht sich das jedoch auf die Formeln, die tatsächlich als Pestizide zum Einsatz kommen, in denen Glyphosat meist noch mit anderen Chemikalien versetzt wird und die dadurch stärker giftig wirken.

In Argentinien jedenfalls gibt es bereits Fälle von Missbildungen und Fehlgeburten in ländlichen Gegenden, die auf den großflächigen Einsatz von Spritzmitteln – nicht nur Glyphosat, aber hauptsächlich – zurückgeführt werden. Einer der Ärzte, die auch die Umweltanwälte in ihrem Verbotsantrag zitieren, ist Rodolfo Páramo. Er arbeitet seit Anfang der 90er Jahre an einem Kleinstadtkrankenhaus in Malabrigo, Provinz Santa Fé. Bei knapp 250 Geburten in einem Jahr soll es dort zu 12 schweren Missbildungen gekommen sein, v.a. Anenzephalien (nicht geschlossene Schädeldecke) und Meningomyelozelen (offene Spaltbildung der Wirbelsäule). Im Hospital José Maria Cullen in der Stadt Santa Fé, wo Páramo zuvor als Neonatologe gearbeitet hatte, gab es nach seinen Angaben nur einen Fall in 8.500 bis 10.000 Geburten.

In den meisten Medienberichten über Páramo fehlt jedoch der Hinweis, dass er die Häufung der Missbildungen bereits im Jahr 1995 beobachtet hat, wie er in einem bei Youtube abrufbaren Interview 2007 selbst erklärte. Eine wissenschaftliche Studie dazu konnte ich nirgendwo auftreiben, vermutlich gibt es sie nicht. Das muss nicht heißen, dass es die Missbildungen 1995 nicht gab, macht jedoch die Überprüfung seiner Aussagen erheblich schwerer.

Ob er sich als Kronzeuge gegen Glyphosat eignet, bezweifle ich auch aus einem weiteren Grund: seine Angabe von einer Missbildung bei bis zu 10.000 Geburten entspräche einer Prozentrate von 0,01%. Ich bin kein Mediziner, aber man findet ja einiges an Informationen, wenn man ein bisschen sucht. Gehirndeformationen treten nach einem Standardwerk über Genetische Medizin bei 10 von 1.000 Geburten auf, also bei rund 1%. Insgesamt gibt es schwere Missbildungen bei rund 3% aller Neugeborenen (selbe Quelle). Die Zahl von 0,01%, die Páramo für Santa Fé angibt, ist daher entweder gelogen oder die Stadt mit dem Namen „Heiliger Glaube“ hat die gesundeste Bevölkerung, die sich denken lässt. Warum das aber nicht in der Provinz mit dem gleichen Namen funktioniert, muss mir dann mal ein Theologe auseinandersetzen.

Der Verbotsantrag gegen Glyphosat, den die argentinischen Umweltanwälte vorgebracht haben, steht zumindest nach dem derzeitigen Stand auf recht wackligen Füßen. Neuigkeiten zum Stand des Verfahrens gibt es bisher nicht. Möglich, dass sich das ändert, wenn Carrasco mal seine Studie veröffentlicht oder weitere Studien zur Auswirkung des großflächigen Sprüheinsatzes mit dem ganzen Giftcocktail gemacht werden, der tatsächlich zum Einsatz kommt. Denn seit etlicher Zeit reicht das Sprühen mit Glyphosat alleine nicht mehr aus, um die Sojafelder freizuhalten von unerwünschten Pflanzen. Durch den dauernden und einseitigen Einsatz immer desselben Giftes haben auch die Unkräuter Resistenzen dagegen entwickelt. Ganz ohne Gentechnik.

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8 Antworten zu Glyphosat-Verbot?

  1. Monika Fiegenbaum schreibt:

    Roudup muß sofort verboten werden.

  2. Pingback: Chemische Mittel- wer benutzt sie und warum?

  3. llamadojorge schreibt:

    Update: durch diesen merkwürdigen Pingback-Kommentar oben bin ich drauf aufmerksam geworden, dass inzwischen die Studie von Carrascos Arbeitsgruppe vorliegt, veröffentlicht in der Zeitschrift „Chemical Research in Toxicology“ (Chem. Res. Toxicol., 2010, 23 (10), pp 1586–1595) – oder hier als Download (allerdings offenbar in einer Vorab-Version, denn die genauen Veröffentlichungsdaten fehlen darin; es könnte also in der Endfassung noch Veränderungen gegeben haben).
    Diese Veröffentlichung stellt natürlich den Verbotsantrag auf etwas bessere Füße, immerhin hat vorher offenbar ein Peer Review stattgefunden, wie ich den Autoren-Richtlinien der Zeitschrift entnehme. Wissenschaftliche Kommentare zur Studie – ich selbst versteh von der Materie zu wenig – konnte ich bisher noch nicht finden. Google Scholar listet sechs Dokumente, in denen die Studie zitiert wird, davon stammen allerdings drei von Carrasco selbst, die restlichen drei befinden sich auf Websites von Biotech-Gegnern, die das Papier natürlich gerne zitieren. Die Hersteller von Glyphosat Monsanto, Dow Chemical, Cheminova, United Phosphorous Inc., Nufarm Americas Inc. und Syngenta haben die Methode von Carrasco und Co. allerdings schon scharf angegriffen. Er verwende viel zu hohe Dosen, die noch dazu direkt den Embyonen injiziert würden. Das sei völlig wirklichkeitsfremd. Die Arbeitsgruppe habe außerdem in zitierte Studien Inhalte hineininterpretiert, die dort nicht stünden. Carrasco antwortete darauf wieder, verteidigte seine Studie und zieh die Wissenschaftler der Chemiefirmen der Parteilichkeit Lest selbst (Punkt 2).
    Es gibt auch weitere Papiere, wie z.B. den Bericht der Kommission zur Untersuchung von Wasserverschmutzungen in der Provinz Chaco (engl. Übersetzung). Darin listen verschiedene Ärzte in den Jahren 2000-2009 einen signifikanten Anstieg von Krebserkrankungen bei Kindern sowie von Missbildungen bei Neugeborenen auf.
    Die Autoren wollen sich einerseits nicht auf eine Einzelursache festlegen, heben andererseits aber heraus, dass der Anstieg mit der Ausdehnung der Agrarfläche zusammenfalle, die teilweise – entgegen der geltenden Gesetze – bis nahe (30 Meter) an die Ortschaften geschoben würden. Damit zusammen hänge der vermehrte Einsatz von Agrochemikalien, die in der Regel per Flugzeug ausgebracht würden und wegen zu großer Nähe der Felder zu den Ortschaften dort unmittelbar für Atembeschwerden, Augenirritationen, Hautallergien, Schwindelgefühle, Übelkeit sorgten und langfristig möglicherweise die oben beschriebenen Krankheiten auslösten.
    Bei den Missbildungen allerdings stieg die Quote von 0,2% in den Jahren 1997/98 auf 0,85% in den Jahren 2008/09 – was zwar ein massiver Anstieg ist und die Notwendigkeit von Ursachenforschung unterstreicht, aber immer noch unter der oben erwähnten Zahl von 1% liegt. Ich weiß allerdings nicht, welche Art von Missbildungen hier in die Statistik eingeflossen sind, so ausführlich ist der Bericht leider nicht.
    Ich mag eigentlich nicht den Advocatus Diaboli für Monsanto spielen, aber diesen Bericht – sollte er beim Glyphosat-Verbotsverfahren eine Rolle spielen – zerpflücken die Anwält von denen sicher im Nu. Was mich persönlich echt ärgert, weil ich glaube, dass die Landbevölkerung in weiten Teilen des Landes unter dem massiven Gifteinsatz in unmittelbarer Nähe ihrer Häuser wirklich zu leiden hat. Ich glaube allerdings ohnehin nicht, dass ein Verbotsverfahren gegen Glyphosat da zielführend ist. Das Ergebnis wäre die Verwendung irgendeines anderen Giftes.
    An der Landwirtschaftsstruktur muss sich grundlegend was ändern. Die derzeitigen Monokulturen mit monströsen Ausmaßen sind nur gut für wenige, die sich die Taschen mit Geld vollstopfen. Die Böden werden ausgelaugt, Artenvielfalt findet nicht mehr statt und die Bevölkerung leidet unter den Folgen der Agrargifte. Damit Rinder, Schweine, Hühner in Europa, in Fernost und zunehmend leider auch in Argentinien (siehe The hidden costs of feedlots) billig gemästet und auf den Tisch gebracht werden können. Mahlzeit!

  4. llamadojorge schreibt:

    Update 2: Im Blickpunkt Lateinamerika gibt’s ein aktuelles Interview mit Carrasco, in dem er u.a. der Regierung und den Medien vorwirft, eine Diskussion zu dem wichtigen Thema zu unterbinden. Zitat:

    […] Anfangs waren die Medien sehr am Thema interessiert. Bis sie Anweisungen erhielten, das Thema nicht weiter zu verfolgen. Ich weiß, dass viele Meldungen, die mich betreffen, zensiert worden sind. Bekannte Journalisten haben zu mir gesagt: „Schau mal, das können wir nicht bringen, denn es würde diesen oder jenen Minister treffen.“

    Das ganze Interview hier.

  5. llamadojorge schreibt:

    Update 3: Die Nachrichtenagentur IPS hat gerade einen interessanten Bericht veröffentlicht, wonach es neue Untersuchungen über die toxischen und hormonellen Effekte von Glyphosat in Argentinien gibt, die nichts Gutes verheißen – für die Betroffenen. Der Bericht meldet leider auch, dass momentan kaum Aussichten auf eine Regulierung oder gar ein Verbot des Agrargifts bestehen. Schwierig ist nach wie vor, den Kausalzusammenhang zwischen Glyphosatvergiftung und Missbildungen oder Atemwegserkrankungen herzustellen. Hier fehlen u.a. auch medizinische Daten, weil die Gesundheitsversorgung in vielen ländlichen Gebieten hier miserabel ist und keine langfristigen Krankenakten existieren.
    Komplette Lektüre (in Englisch) hier.
    Nachtrag: jetzt auch in Deutsch im Womblog.

  6. Marcel Senn schreibt:

    Habe noch einen schon etwas älteren Bericht über Glyphosat gefunden, da wird doch tatsächlich vom argentinischer Vertreter behauptet, dass Soja wie ein Unkaut zu bekämpfen sei…und das ausgerechnet von meinen Landsleuten von der Syngenta…vielleicht gibts ja dann irgendwann mal eine Sammelklage aus Argentinien??

    http://www.heise.de/tp/artikel/22/22879/1.html

  7. llamadojorge schreibt:

    Der Journalist Philipp Lichterbeck hat Ende 2012 eine bedrückende aber lesenswerte Reportage über die Soja-Katastrophe in Argentinien veröffentlicht.

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