LISTA 2, LISTA 2

So brüllt mich seit Tagen ein Mann aus einer kleinen Propellermaschine an, der hier kreuz und quer über den Himmel fliegt. Er sagt noch einiges mehr, aber davon kann ich nicht viel verstehen, weil er da meist schon weitergeflogen ist. Ich weiß nur, dass es bei der angepriesenenen „LISTA 2“ um die Liste 2 bei den bevorstehenden Wahlen zum Abgeordnetenhaus und Senat geht, die Liste der Präsidentinnenpartei. Ja, auch hier ist Wahlkampf, und der wird auch mit Werbebotschaften vom Himmel geführt. Das ist nicht ganz so ungewöhnlich, wie es sich für deutsche Ohren anhören mag, denn auch sonst fliegt der Herr gerne mal Schleife und preist die Produkte einer Bäckerei oder informiert an drei Tagen hintereinander über den jetzt aber nun wirklich ultimativ letzten Auftritt eines Circus.

Diesen Wahlkampf vom Himmel kann sich allerdings nur die Regierungspartei leisten (ich gehe jetzt mal nicht der Frage nach, woher das Geld dafür eigentlich kommt). Die anderen machen nur den klassischen, mit langweiligen Grüßaugust-Plakaten, die wenig aussagen und bisweilen überhaupt keine politische Botschaft mehr enthalten. So z.B. der Spruch „Algo nuevo nos une“ („Etwas Neues vereint uns“), mit dem man von Bier bis Yerba-Mate wahrscheinlich alles verkaufen kann, nur keine politische Partei. Trotzdem steht’s auf den Plakaten der rechtsliberalen „Union PRO“, die in der Hauptstadt regiert.

Etwas besonders Schönes haben sich auch bei dieser Wahl mal wieder die Kirchneristen ausgedacht. Wäre doch toll, mögen sich die Wahlkampfstrategen der „Frente para la victoria“ („Front für den Sieg“) gedacht haben, wenn wir mit all unseren bekannten Leuten aus Provinzen und großen Städten auf einer Liste stehen könnten. Und haben prompt jeden auch nur halbwegs bekannten Politiker ihrer Partei mit Ausnahme von Königin Cristina auf die Wahlzettel geschrieben, auch wenn die Damen und Herren für die Ämter, die vergeben werden, eigentlich gar nicht zur Wahl stehen. Ist also ungefähr so, als ob bei der gerade abgelaufenen Europawahl auf dem Wahlzettel bei der CDU alle ihre Ministerpräsidenten und Bürgermeister großer Städte draufgestanden hätten, obwohl klar ist, dass die alle nicht nach Straßburg gehen. Mit dem Unterschied dass hier die Listen erheblich größer sind, weil jede Partei ihren eigenen Stimmzettel hat (siehe meine Erklärung des Wahlablaufs).

Um diese Sache gab es natürlich mächtig Wirbel. Es scheint aber so zu sein, dass das hier nicht mal illegal ist, obwohl es natürlich im Grunde eine Irreführung der Wähler darstellt. Aber wahrscheinlich erwarten hier sowieso nur noch die ganz Naiven, dass nach der Wahl auch das passiert, was ein Politiker vorher versprochen hat. Wählerbeschiss also ganz offen als Normalzustand.

PS: Gerade dringen von der Straße her ein paar Fetzen der Rede irgendeines Politikers, der hier in der Nachbarschaft auftritt. Seit zwei Wochen haben die „PRO“-Leute ein leerstehendes Ladengeschäft an der Ecke besetzt, wo gestern schon mal gleich die Scheiben zu Bruch gingen. Das ist besonders amüsant, weil einer der wenigen inhaltlichen Slogans der Partei lautet „La seguridad se hace“ („Sicherheit wird gemacht“). Das Plakat klebt direkt an der Scheibe – und hinter dicken Gittern. Bei Gelegenheit schieß ich mal ein Foto…

Nachtrag, einen Tag später: Heute schreit der Mann aus dem Flugzeug „LISTA 8, LISTA 8“, die Opposition kann sich diese Art Wahlkampf also offenbar auch leisten.

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3 Antworten zu LISTA 2, LISTA 2

  1. Rainer Hagendorf schreibt:

    Hallo Helge,

    so interessant deine Berichte immer sind, so deprimierend finde ich vieles auch. Dengueepedemie, Flußverschmutzung, bürokatische und teure Banken. All das hat in Argentinien wohl Ausmaße, wie man sie in Deutschland kaum nachvollziehen kann. Lediglich die politische Landschaft und die Dummdreistigkeit des Wahlkampfes scheint ähnliche Regionen zu erreichen.
    Wie dem auch sei. Ich hoffe es geht euch beiden gut.
    Liebe Grüße aus good old Germany
    Rainer

    • llamadojorge schreibt:

      Mag sein, dass manches deprimierend klingt. Das Deprimierendste für mich ist hier der extreme Gegensatz zwischen arm und reich. Andererseits gibt es eine ganz erstaunliche Solidarität und Hilfsbereitschaft gegenüber den Schwächeren, die ich aus Deutschland so nicht kenne. Das betrifft logischerweise nicht die gesamte Bevölkerung, es gibt auch hier Arschlöcher. Aber ob es eine Frau ist, die mangels Schulbildung und früher Schwangerschaft selbst vom Putzen lebt, überwiegend allein eigene vier oder fünf Kinder großgezogen hat und zusätzlich ein Kind ihrer Schwester aufnimmt, der es noch dreckiger geht; oder simple Kleiderspenden an Krankenhäuser, die hier weitverbreitet sind; Solidaritätsaktionen der Kirchengemeinden, die unter sozialen Gesichtspunkten enorm wichtig sind (auch wenn ich mich mit der meist gleichzeitig stattfindenden Missionierung nicht recht anfreunden kann): es scheint immer irgendwo eine helfende Hand zu geben, und sei das, was sie zu geben in der Lage ist, auch noch so wenig. Es ist diese Qualität, die ich an Argentinien mit all seinen Problemen sehr schätze.
      Vor einiger Zeit haben Cecilia und ich einen Freund verloren, den wir noch gar nicht so lange kannten. Fernando war selbst durch eine Krankheit, deren Name mir entfallen ist, schwerbehindert, konnte seit Jahren nur noch im Rollstuhl sitzen und zuletzt allenfalls die Bewegung der Hände noch kontrollieren. Trotzdem arbeitete er als Englischlehrer und Übersetzer und schrieb vier Bücher mit lustigen Kurzgeschichten über seine Familie, Freunde und andere „Barbaren“, die er über einen kleinen Verlag drucken und verkaufen ließ. Von dem Erlös spendete er Rollstühle für ähnlich behinderte Menschen, die sich keinen leisten konnten, vor allem in den Provinzen. Er trat in Altersheimen und Kirchengemeinden als „Doña Pancha“ verkleidet mit kleinen Sketchen auf, und vertrieb den Heiminsassen damit ihre Langeweile. Fernando war trotz seiner Probleme einer der fröhlichsten und lustigsten Menschen die ich kennengelernt habe und ich war ziemlich erschüttert, als wir im Februar die Nachricht erhielten, er sei gestorben. Er war so alt wie ich. Fernando war eine Ausnahmeerscheinung, ohne Zweifel, aber es gibt eine Menge Leute, die gerne fortführen möchten, was er begonnen hat (weiß ich, weil Cecilia eine Zeit lang sein Blog weiterbetreut hat). Und das ist, wie ich finde, eine der sehr schönen Seiten an Argentinien.

  2. Benny schreibt:

    Hi Helge,
    freut mich per Zufall deinen blog gefunden zu haben! Ob Du uns vielleicht weiterhelfen kannst in Sachen glifosato? Da hat es vor ein paar Wochen einen Aufstand bei Euch in Argentinien gegeben und ich wüsste gerne wie es damit weiterging.
    http://blogs.taz.de/saveourseeds/2009/06/03/roundup_daemmerung/

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