Drehtag 9: Launische Kondore

Am nächsten Morgen hieß es früh aufstehen. Um 4 Uhr 30 klingelte der Wecker. Wir wollten möglichst noch im Dunkeln auf den Berg steigen, um nicht von den Kondoren entdeckt zu werden. Klappte natürlich nicht ganz, bis wir alle gefrühstückt hatten und abfahrbereit waren, war es 5 Uhr und bis wir endlich oben auf dem Berg in unserem Versteck saßen halb 6 durch und der Himmel taghell.

Die Kondore waren aber noch nicht aufgestanden, die schlafen wohl gerne etwas länger. Wir saßen also in unserem Bretterverschlag auf den nackten und auf die Dauer ziemlich unbequemen Felsen und warteten. Und warteten. Und warteten.

Gegen 8 Uhr 30 hieß es dann plötzlich: Kondor! Direkt über uns flog ein schon älteres Kondorweibchen immer wieder hin und her, spähte nach unten und schien uns zu beäugen. Das Dach des Bretterverschlags bestand nämlich aus einem vom Wind ziemlich zerzausten schwarzen Plastiknetz, Marke ‚Halbschatten‘, wie es hier auf jedem Supermarktparkplatz zum Einsatz kommt, damit sich die parkenden Autos in der Sonne nicht so aufheizen. Dafür sind diese Netze auch erstaunlich gut geeignet – weniger gut allerdings, um eine neugierige Kameracrew vor den Blicken eines nicht weniger neugierigen Kondors zu verbergen, der direkt zwei Meter obendrüber fliegt.

Kondorweibchen 21 (oben) jagt eins von den Jungtieren

Kondorweibchen 21 (oben) jagt eins von den Jungtieren

Ob es daran lag, oder dieser und einige weitere Kondore, die sich kurz darauf zum ersten gesellten, einfach keinen Hunger hatten, das Pferdebein ihnen zu nah an der Bretterhütte lag – weiß der Kuckuck warum, aber sie wollten nicht fressen. Den ganzen Vormittag nicht. Sie gingen stattdessen in einer Art Spiel auf, bei dem das ältere Weibchen die drei Jungvögel immer wieder jagte und sie so zu allerlei abenteuerlichen Flugmanövern brachte.

Schnappschuss mit 3 Kondoren. Da ist nix gephotoshopped!

Schnappschuss mit 3 Kondoren. Da ist nix gephotoshopped!

Um die Mittagszeit stiegen wir wieder runter vom Berg, weil Walter und Mariano uns erklärten, in dieser Hitze würden sich auch die Kondore ein schattiges Plätzchen suchen und ausruhen. Mit Fressen sei frühestens am späten Nachmittag zu rechnen. Ja, da steht ‚Hitze‘. Während der Tage, die wir im Kondorcamp verbracht haben, hatten wir Nachmittagstemperaturen von rund 40 Grad Celsius. Ein heißer Wind blies uns wie ein riesiger Fön direkt aus Norden ins Gesicht. Wir konnten also nichts Besseres tun, als den morgens entgangenen Schlaf nachzuholen.

Gegen 18 Uhr, als sich der Fön etwas abgekühlt hatte, fuhren wir wieder zum Berg. Das Pferdebein lag noch unberührt an Ort und Stelle, wo wir es tags zuvor platziert hatten (unberührt von den Kondoren, die Fliegen waren weniger kamerascheu). Gesehen haben mussten sie es, denn Kondore haben gute Augen und diese waren am Morgen zig mal drübergeflogen. Hunger hätten sie eigentlich auch haben müssen, ihre Kröpfe waren leer. Ein Zeichen, dass sie nicht irgendwo anders gefressen hatten.

Walter kam schließlich mit der Idee, ihnen für den nächsten Tag zusätzlich zum Pferdebein noch ein totes Schaf anzubieten. Das Kondorprojekt kauft den Estancieros der Umgebung für kleines Geld die alten und kranken Tiere ab, um sie an die Kondore zu verfüttern. Wenigstens in den ersten vier Monaten nach der Auswilderung bekommen die Kondore alle zwei bis drei Tage so einen ‚Leckerbissen‘ auf ihren Hügel getragen. Immer nach Einbruch der Dunkelheit, damit die Vögel nicht mitkriegen, dass sie gefüttert werden und immer an eine andere Stelle, damit sie sich an keinen Futterplatz gewöhnen.

Diesmal übernahmen die beiden das Hochtragen allerdings alleine, von uns hatte keiner Lust, ein drittes Mal auf den Hügel zu steigen – noch dazu mit einem stinkenden, toten Schaf. Wir haben uns derweil ums Essen gekümmert und sind jeder mal kurz unter die Dusche gesprungen – was auch nötig war.

Während und nach dem Essen wurden wir von hunderten kleiner schwarzer Käfer besprungen, die völlig hysterisch überall umherflatterten. Entrinnen konnte man ihnen nicht, selbst ins Essen sprangen sie rein. Ich habe keine Ahnung, was für eine Sorte Käfer das war, hatte aber ein oder zwei Mal den Eindruck, dass die einen nicht nur als Landeplatz betrachten, sondern gerne auch mal zubeißen – insbesondere, wenn sie durch den Kragen des T-Shirts gerutscht und irgendwo weiter unten angekommen sind. Äußerst unangenehme Biester.

Selbst die konnten uns aber nicht das Erstaunen und die Begeisterung über den Nachthimmel verleiden. Dadurch, dass in der Umgebung weit und breit nirgendwo eine Lichtquelle war, hatten wir einen wunderschönen Blick auf den Sternenhimmel. Ich hab die Milchstraße zum ersten Mal tatsächlich als Band von Sternen gesehen, etwas, das mir in Europa noch nie gelungen ist. Da ich kein Stativ dabei hatte, konnte ich das leider nicht fotografieren, was mir sehr leid tut. Denn der Anblick war wirklich atemberaubend.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Argentinien, Kondor, patagonien abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

4 Antworten zu Drehtag 9: Launische Kondore

  1. Stephan schreibt:

    Hallo Helge. Ich freue mich das du eine, deiner Einträge nach, doch schöne und ereignisreiche Reise hattest. Ich hatte jedenfalls viel Spaß beim lesen und freue mich weiteres von dir zu lesen.

  2. argentinepost schreibt:

    Boy, I wish I could read this. Sadly, my German is awful and doesn’t get me very far.
    Happy New Year!
    Taos

  3. argentinepost schreibt:

    Wait a minute, is this even German?!?! I’m so embarrassed. Forgive my ignorance!

  4. llamadojorge schreibt:

    Hi Taos,
    yes, it is german. I could write a summary in English, but I’m busy and I’m a bit faster in German, so I don’t know when I’ll get to it. Also, there’s already so many blogs in English out there, so I decided not to add another one. I’m afraid for the time being you’ll have to polish your German… 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s