Drehtag 8: Nix gedreht

Ich weiß, ich schulde euch noch ein paar Drehtage und eigentlich ist das Ganze ja nun schon mehr als einen Monat her. Ich bin aber bis jetzt nicht dazu gekommen, das Erlebte aufzuschreiben.

Am Tag Nummer acht waren wir schon wieder stundenlang auf der Straße, der Ruta Nacional 3 – diesmal auf dem Rückweg Richtung Süden. Allerdings ging es bei Kilometer 1212,5 (gemessen vom Obelisken in Buenos Aires) nach rechts auf eine Schotterpiste, die so richtig ins Nirgendwo zu führen schien. Weder auf der Hin- noch drei Tage später auf der Rückfahrt begegneten wir auch nur einem einzigen Menschen auf immerhin rund 70 Kilometern.

Irgendwo am Wegesrand in dieser Halbwüste kamen wir dann an einem Schild vorbei, das uns nach rechts zu unserem Ziel wies: dem Proyecto Cóndor in der Sierra Pailemán.

Markus und Niko beim Fotografieren des Schildes im Niemandsland

Markus und Niko beim Fotografieren des Schildes im Niemandsland

Hier, im Niemandsland zwischen San Antonio Oeste und Sierra Grande werden die im Zoo von Buenos Aires aufgezogenen oder wiederaufgepäppelten Kondore in die Freiheit entlassen – schon 22 in sechs Jahren. Niemandsland stimmt allerdings nicht so ganz, auch die Station der Fundación Bioandina steht nämlich auf Privatgrund, den ein Estanciero freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.

Luís vom Zoo hatte unsere Ankunft schon angekündigt, Walter und Mariano, die beiden Biologen erwarteten uns bereits in ihrer kleinen Hütte. Das ist ein kleiner quadratischer Bau, nicht unähnlich den Containern, in die man in Deutschland Asylbewerber sperrt. Da wir meilenweit vom nächsten Stromkabel entfernt waren, beschränkte sich der zivilisatorische Komfort auf das Einschalten von maximal zwei Glühbirnen gleichzeitig, gespeist von einer kleinen Solaranlage mit Autobatterie. Wasser wird per Windmühle aus der Erde in einen kleinen Tank gepumpt, der Kühlschrank läuft mit Gas, das in Flaschen herangeschafft werden muss.

Die kleine Hütte dient Walter und Mariano als Zuhause, während sie die Kondore überwachen und betreuen

Die kleine Hütte dient Walter und Mariano als Zuhause, während sie die Kondore überwachen und betreuen

Eigentlich hatten wir noch an diesem Abend vorgehabt zu drehen, wie Dirk den beiden bei der Fütterung der „Raubtiere“ hilft, indem er ein Pferdebein auf den Kondorhügel mit hochträgt. Dieser erhebt sich ein paar hundert Meter über dem ringsum ansonsten platten Land und bietet den Kondoren eine gute Absprungstelle. Direkt vom Boden erheben sie sich nämlich nur sehr schwerfällig.

Weil aber alle zu müde waren, noch zu drehen, haben letztlich Tonmeister Paulinho und meine Wenigkeit das Pferdebein den Berg raufgeastet und oben so platziert, dass wir es am nächsten Tag von einem Bretterverschlag aus filmen konnten, der schon vielen Filmteams als Versteck gedient hat.

Zur Feier des Tages gab’s anschliessend noch ein Asado, u.a. mit wunderbar zartem Guanakofleisch, das Mariano den Besitzern einer Farm in der Umgebung abgekauft hatte. Köstlich! Auf meine Frage, warum eigentlich Guanakos nicht wie Schafe auch gezüchtet würden, wenn man hier wie dort Wolle, Milch und Fleisch produzieren könne, antwortete Walter, dass das in ca. 90 Kilometer Entfernung schon gemacht werde. Ein ausländischer Investor habe den Farmern rundum eine Prämie für bei ihm abgelieferte Guanakos gezahlt und damit großen Erfolg gehabt. Die Alteingesessenen sähen die Tiere hauptsächlich als Plage, die ihren Schafen das ohnehin knappe Gras wegfressen. Was sie nicht wüssten sei, dass Guanakowolle auf dem Weltmarkt ein Vielfaches von Schafwolle einbringe, weil sie viel dichter und weicher sei. Wenn sie ihre Weidezäune nur rund 30 Zentimeter höher bauten, könnten die Guanakos nicht mehr drüberspringen und die vermeintliche Plage verwandelte sich in Zuchtvieh. Aber der patagonische Campesino ist davon offenbar bislang nicht zu überzeugen. Motto: das haben wir schon immer so gemacht…

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