Drehtag 1: Die Kondore im Zoo

Das Kondorküken ‚Konkachila‘ hat sich in den elf Tagen seit seiner Geburt prächtig entwickelt und ist zu einem grau-braunen, wuseligen Federpuschel geworden. Noch sitzt es ganz allein in einer klimatisierten und abgedunkelten Holzkiste, an deren Vorderseite eine Front mit einseitig verspiegeltem Glas angebracht ist. Auf diese Weise kann man es von draußen sehen, während das Küken nur sich selbst sieht.

Konkachila bettelt die Handpuppe in Form eines männlichen Kondorkopfes um Futter an

Konkachila bettelt die Handpuppe in Form eines männlichen Kondorkopfes um Futter an

Damit das funktioniert, muss es natürlich außen dunkel sein. Da die Hütte, in der sich die Aufzuchtstation befindet, aber ein umgewidmeter Kiosk für den Verkauf von Filmen für Fotoapparate ist, lässt sich das nur durch ein übergestülptes Tuch erreichen, unter dem die Mitarbeiter des Zoos dann hantieren müssen. Sie geben sich viel Mühe, das Küken nicht merken zu lassen, dass es von Menschen aufgezogen wird.
Zur Fütterung ziehen sie sich Handpuppen mit den (ziemlich hässlichen Fratzen von Mama bzw. Papa Kondor über und lenken so das Küken davon ab, dass es seine rund zwanzig Gramm Fleisch pro Mahlzeit aus einem untergeschobenen Plastiknapf futtert. Man muss genau aufpassen, weil das wirklich ratz-fatz geht.
Es gibt noch andere Kondore, die abgeschieden von Menschen auf einer kleinen Insel im Zoo aufgezogen werden. Menschlichen Kontakt haben diese Tiere nur, wenn es ums Blutabnehmen oder ähnlich unangenehme Dinge geht. Auf diese Weise lernen sie, später die Nähe des Menschen zu meiden. Der ist immer noch ihr ärgster Feind. Viele dieser schon älteren Tiere sind durch menschliches Zutun überhaupt erst verletzt worden, sei es, dass sie in einer Hochspannungsleitung hängengeblieben sind oder geschossenes Wild und die darin enthaltene Bleimunition gefressen haben.
Beim Auswildern lassen sich durch die Verwendung von solarbetriebenen Satellitentransmittern, die an den gewaltigen Schwingen der Vògel angebracht werden, klare Unterschiede in den Flugmustern der in Gefangenschaft aufgezogenen und der wilden, wiederaufgepäppelten Kondore erkennen. Erstere fliegen erstmal ein Sternmuster aus kleinen Strecken, um die Umgebung des Freilassungsorts zu erkunden und auch um ihre noch rudimentären Flugkünste zu erproben. Die Erfahrenen jedoch legen schon kurz nach ihrer Freilassung Strecken von 200-300 Kilometern am Tag zurück. Ein bei Santiago de Chile freigelassenes Tier ist so binnen weniger Tage in Mendoza auf der argentinischen Seite der Anden aufgetaucht, zeigt uns Luis stolz anhand einer computergestützten Verfolgung dieses Kondors.

Inzwischen arbeitet die Auswertungssoftware für die Satellitendaten noch etwas genauer. Mit Hilfe von Google Earth demonstriert Luis, dass sie auch die Schlafplätze, Futterplätze und ähnliches inzwischen anhand der Satellitendaten rekonstruieren können. Liegt ein bevorzugter Schlafplatz in der Nähe einer Siedlung, wird dort gezielt Aufklärungsarbeit betrieben, damit die Leute lernen, dass Kondore keine Greifvögel sondern Aasfresser sind, also keine Tiere töten. Und auch, dass die Tiere dadurch eine wichtige Funktion als Müllabfuhr in der Natur wahrnehmen. Nicht zuletzt deswegen verehrte die Urbevölkerung Südamerikas die majestätisch dahingleitenden Vögel.

Mit über 50 noch Lust auf Mutti - Kondormännchen im Zoo von Buenos Aires

Mit knapp 60 noch Lust auf Mutti - Kondormännchen im Zoo von Buenos Aires

Höhepunkt des Drehtags war aber sicherlich das Kondorpärchen, das seit beinahe 60 Jahren im Zoo lebt. Wenn normale Besucher kommen verstecken sie sich nicht selten in ihrer Höhle. Als wir jedoch unsere Kamera vor dem denkmalgeschützten Käfig aufbauten, kamen sie neugierig heraus und ganz nah ans Gitter heran. Um dann keine zwei Meter von der Kamera entfernt verliebt miteinander zu turteln. Das Ganze gipfelte in einer zügig vollzogenen Kopulation. Wenn das Programm also nächstes Jahr im Vorabendprogramm gesendet werden sollte, schickt die noch nicht augeklärten Kids am Besten in den Keller zum Bier holen. Oder haltet schon mal die Fibel mit den Blumen und den Bienen bereit. Es gibt Kondor-Hardcore.

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