Das Kondorküken (Teil 2)

Wie schon erwähnt durfte ich im Zoo von Buenos Aires miterleben, wie ein kleines Kondorweibchen zur Welt gebracht wird. Zwei Tage vorher bekam ich einen Anruf, am Donnerstag um 9 Uhr sei es soweit. Wie geht das denn, hab ich gefragt, genaues Timing beim Eischlupf? Die Frage kennt Luis Jácome natürlich schon, der wissenschaftliche Leiter des Kondor Zucht- und Auswilderungsprogramms vom Zoo Buenos Aires.

Kondorei im Brutkasten

Kondorei im Brutkasten

Der Trick ist simpel: das Küken selbst durchbricht die Schale schon drei Tage, bevor es eigentlich fertig ist. In der freien Natur helfen dann die Kondoreltern ein bißchen nach mit der harten Schale. Im Zoo war es eine Mitarbeiterin der Fundación Bioandina, die mit Pinzette und Wasserbeträufelung der Schale des eigentlich überraschend kleinen Eis zuleibe rücken durfte.

Beim vorsichtigen Abpellen der Eierschale

Beim vorsichtigen Abpellen der Eierschale

Während der guten Viertelstunde, die sie am Pellen war, krähte „Konkachila“ gelegentlich etwas heiser, was durch die anwesende Schar vor allem weiblicher Freiwilliger mit „Oh“ und „Ah“-Rufen und allgemeiner Heiterkeit quittiert wurde. Immerhin hatten sie sich wochenlang um das Ei gekümmert. Nicht, dass sie draufgesessen und gebrütet hätten, dafür gab’s einen Brutkasten. Aber der musste regelmäßig auf Temperatur, Luftfeuchte und ähnliche Parameter kontrolliert werden und ab und zu wurde auch eine „Ovoskopie“ gemacht, also das Ei mit einer starken Lampe durchleuchtet, um zu sehen, wie’s dem Küken geht.

Als endlich das dicke Ende des Eis abgepellt war, rutschte das Küken der Mitarbeiterin zappelnd in die Hand. Schnell hatten die Profis vom Zoo den Jungkondor auch aus seinem Häutchen befreit und die Nabelschnur (gibt’s sowas bei Vögeln?) abgetrennt. Und dann wurde „Konkachila“ erschöpft und noch ziemlich blind in ein kleines Bettchen mit Windelunterlage gelegt, wo sie sich erstmal von dem Schock erholen durfte.

Dass es ein Weibchen ist, war übrigens schon sehr früh klar – männliche Kondore haben von Geburt an einen Wulst auf dem Schnabel, weibliche nicht. Und noch etwas gibt’s am Schnabel der Jungvögel, nämlich eine Art Aufsatz, der angeblich hart wie ein Diamant ist und mit dem sie die Eierschale durchstoßen können. Nach ein paar Tagen an der frischen Luft verlieren sie diesen dann.

„Konkachila“ wird jetzt mit drei (sobald der dritte geschlüpft ist, was um den 20. November soweit sein soll) weiteren Jungkondoren im Zoo von Buenos Aires aufgezogen, so gut es geht von Menschen abgeschirmt und im nächsten September mit GPS-Sendern zur elektronischen Verfolgung ausgestattet in der Sierra Pailemán in Patagonien ausgewildert. Dorthin haben es schon 22 Kondore aus diesem Programm geschafft und damit diesem Landstrich in der Nähe der Küste wieder zu einer kleinen, aber wachsenden Kondorpopulation verholfen. Kondore leben nämlich nicht nur in den Hochanden, sondern durchaus auch im Hügelland entlang der Küsten. So beschrieben es zumindest die ersten Naturforscher, die Patagonien bereisten (darunter Charles Darwin) im 19. Jahrhundert. Bis Ende der 1990er Jahre allerdings gab es dort mehr als ein Jahrhundert keine mehr.

Wie es ihnen dort heute geht, dazu später mehr. Denn auf den Spuren der Naturforscher werde ich in den nächsten zwei Wochen mit einem Filmteam von Doc.Station die Glattwale der Península Valdés besuchen, die Felsensittiche von Punta Mejillón, die größte Pinguinkolonie der Welt bei Punta Tombo und eben die Kondore der Sierra Pailemán. Gesendet wird das Ganze dann nächstes Jahr etwa ab April in Arte in der Serie „Steffens entdeckt“.

Indioschamanen mit Enkeltochter

Indioschamanen mit Enkeltochter

Ach, fast hätte ich vergessen: Bei der Geburt von „Konkachila“ waren auch zwei Indioschamanen aus Peru und Bolivien anwesend, die so oft es geht dazukommen und die Arbeit mit ihren Ritualen begleiten. Kondore sind für viele Urvölker Lateinamerikas heilige Tiere. Gebetet wird von ihnen zum Beispiel, indem sie auf einen Berg steigen und den Kondoren die Wünsche und Sorgen mitteilen,  auf das diese sie in den Himmel tragen.

Die Rituale im Zoo bestanden aus dem Aufstellen aller Anwesenden (~20) in einem Kreis, dem Verbrennen von aromatischen Kräutern, dem Einatmen des Rauchs, dem Vergraben der Eischale und allerlei Gebeten an die vier Himmelsrichtungen, die vier Lebensalter, die vier Jahreszeiten etc., von denen ich mangels Akustik aber nicht viel verstanden habe. Das dies nicht nur für den durchschnittlichen Mitteleuropäer ein ungewöhnlicher Auftritt war, konnte man an der Traube von Leuten sehen, die durch den Zaun des Zoos von draußen zu uns hereinspähten.

Für Luis und seine Mitarbeiter ist es jedenfalls sehr wichtig zum Schutz der Kondore die Verbindung zwischen moderner Wissenschaft und traditioneller Kultur zu schlagen. „Kosmovision“ nennen sie das, zu deutsch etwa „Weltanschauung“, auch wenn die Begriffe nach meinem Eindruck nicht ganz deckungsgleich gebraucht werden.  Am Montag werde ich Gelegenheit haben, Konkachila wiederzusehen, denn dann drehen wir einen Tag hier im Zoo bevor wir nach Patagonien aufbrechen. Ich werde versuchen, den ein oder anderen Bericht auch von dort loszuwerden.

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