Buchmesse 2010

In den Feuilletons hiesiger Zeitungen läuft seit gestern eine Debatte über die Pläne für die Frankfurter Buchmesse 2010, bei der Argentinien Gastland sein wird. Jedenfalls hab ich noch nichts darüber gelesen, dass die Messegesellschaft Frankfurt Argentinien wieder ausgeladen hätte, aber das könnte noch kommen. Denn Königin Cristina hat, nun sagen wir, merkwürdige Pläne:

Als Symbolfiguren sind aus der Casa Rosada gestern vier Namen vorgeschlagen worden, die nicht unbedingt etwas mit Weltliteratur zu tun haben. Tango-Sänger Carlos Gardel, ehemalige First-Lady und Musical-Vorbild Evita Perón, Guerilla-Kämpfer Ernesto Ché Guevara und Fußballstar Diego Armando Maradona.

Da die anderen schon tot sind, wird also Maradona der einzige lebende Vertreter in Frankfurt sein. Von dem gibt’s zwar einen Bildband „Mein Leben in Fotos“, aber das war auch schon sein einziger Beitrag zur Kultur des Buchs.

Der Ché hat einige Werke zum revolutionären Kampf für den Sozialismus auf Kuba und anderswo und eine Einführung in die Werke von Marx und Engels herausgegeben, aber Weltliteratur ist auch das sicher nicht. Evita hat einige Essays, eine Rechtfertigung ihrer Arbeit an der Seite Perons sowie ihre Volksreden in Buchform vorgelegt (letztere posthum). Der Nobelpreis für Literatur ist dafür nicht zu erwarten. Und von Gardel gibt’s einige Bücher mit den Texten seiner Tangos und natürlich eine Menge Musikaufnahmen, aber nichts, was wirklich auf die Buchmesse passen würde.

Man stelle sich vor, Deutschland würde sich auf einer Buchmesse mit Franz „Schaunmermal“ Beckenbauer, Andreas Baader, Zarah Leander und Auguste Zinsser präsentieren (wer jetzt nicht weiß, wer die letzte Dame ist, kann ja mal hier vorbeischauen). Da würden einem doch aber sowohl aus der Vergangenheit wie der Gegenwart sicher bessere Vertreter des geschriebenen Wortes einfallen, oder?

Und in Argentinien ist das nicht anders: Mein großer „Namensvetter“ Jorge Luís Borges, dessen Freund Adolfo Bioy Casares, Julio Cortázar, Tomas Eloy Martínez, Roberto Fontanarrosa, Manuel Puig, die Ocampo-Schwestern Victoria und Silvina oder Ernesto Sábato, um mal nur die bekanntesten Namen zu erwähnen. Oder die ganz großartige María Elena Walsh, die leider außerhalb Argentiniens glaube ich kaum jemand kennt.*

Das Problem zum Beispiel dieser Dame ist aber wohl, dass sie während der Herrschaft von Perón nach Paris ins Exil ging, also nicht unbedingt zu den Aushängeschildern der gegenwärtig vorherrschenden politischen Richtung zählen kann. Und das ist dann wohl der eigentliche Grund für diese peinliche kulturelle Entgleisung: die Intellektuellen in Argentinien sind in der Mehrzahl nicht unbedingt Freunde des Peronismus.

Dann bin ich ja in guter Gesellschaft.

* Um das zu ändern, hier ein paar Links zu ihren sehr lustigen Liedern (natürlich alle auf Spanisch, sorry):

La vaca estudiosa Text zum Mitlesen

El reino del revés Text zum Mitlesen

Canción de tomar el té Text zum Mitlesen

La mona Jacinta Text zum Mitlesen

Twist del mono liso Text zum Mitlesen

El show de perro salchicha Text zum Mitlesen

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2 Antworten zu Buchmesse 2010

  1. Gerd schreibt:

    mhm! very nice artikel! die christina hat zweifelsohne einen an der klatsche! bin rein zufällig auf diese blogg gestossen, weil ich bloggs über manuel puig suche!
    um meinen blogg zu hypen:
    http://www.manuelpuig.blogspot.com
    da sind etliche interviews von manuel puig zu lesen. ein genie!
    all die interviews sind auch auf der multimedia-biografie auf cd-rom format:
    „Manuel Puig: Una aproximación biográfica“.
    Die wird via der website:
    http://www.manuelpuig.com
    vertrieben!
    muchos saludos from Buenos Aires
    Gerd

  2. llamadojorge schreibt:

    Wie ich heute morgen dem Radio entnahm, war gestern offenbar die Vorstellung des geplanten Messestands. Und tatsächlich prangen dort überlebensgroße Bilder der vier schon erwähnten „Literaten“. Irgendjemandem muss dann aber doch aufgefallen sein, dass man auf der Buchmesse vielleicht etwas fehl am Platze wäre, wenn man nicht wenigstens ein paar echte Autoren vorstellt. Und so konnten sich wenigstens Borges und Cortázar noch reinschmuggeln.

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