Strom wird teurer – gut so

Dieser überraschenden Überschrift folgt jetzt ein vielleicht nicht minder überraschendes Lob der Regierung, insbesondere, wenn man bedenkt, dass a) über höhere Preise eigentlich ja niemand glücklich ist und b) ich der Regierung bisher nicht besonders viel Sympathie entgegengebracht habe.

Die Entscheidung, mit der ich sympathisiere wie wahrscheinlich nur wenige andere hier in Argentinien, lautet: Strom im Großraum Buenos Aires wird teurer. Allerdings gestaffelt, wer mehr verbraucht, zahlt mehr (das, was die Regierung in ihrer Besteuerung der Agrarausfuhren nicht hingekriegt hat). Und weil Strom wie die Grundnahrungsmittel ein Produkt ist, das der Preisregulierung unterliegt, entscheidet das die Regierung und nicht die Elektrizitätsunternehmen. Die Verbraucher haben ohnehin keine Wahl, von wem sie den Strom beziehen wollen, die Anbieter haben feste Zonen, in denen sie sich nicht ins Gehege kommen. Wettbewerb gibt’s nicht.

Betroffen von dieser Entscheidung sind nur rund 24% der Haushalte in und um Buenos Aires, nämlich die 24%, die die Hälfte des Stroms verbrauchen. Wer im zweimonatigen Abrechnungszeitraum mehr als 650 kWh verbraucht, zahlt künftig 10% mehr. Wer mehr als 800 kWh verbraucht zahlt 15% mehr, bei 900 kWh sind’s dann schon 20%, zwischen 1000 und 1200 kWh in zwei Monaten 25% mehr und alle, die mehr als 1200 kWh in zwei Monaten verbrauchen, zahlen 30% mehr.

Das ist aus zwei Gründen eine gute Entscheidung. Erstens, weil der Preis so niedrig ist wie nirgendwo sonst in Südamerika (er liegt bei 4,3 Centavos pro Kilowattstunde, umgerechnet nicht mal 1 Eurocent)* und dementsprechend niemand sonderliche Anstrengungen unternimmt, Energie zu sparen. Er ist seit ungefähr 2002 unverändert geblieben – und das bei den Preissteigerungen für Brennstoffe auf den internationalen Märkten.

Zweitens, weil damit wichtige Investitionen in die Energieinfrastruktur finanziert werden sollen (ob das tatsächlich geschieht, steht noch auf einem anderen Blatt), die in letzter Konsequenz vielleicht auch endlich mal zu einer stärkeren Nutzung der Windkraft und anderer regenerativer Energien  führen. Die sind in Hülle und Fülle vorhanden, bleiben aber ungenutzt vor allem weil die Leitungsinfrastruktur marode oder schlicht gar nicht vorhanden ist.

In diesem Zusammenhang mal eine lobende Erwähnung für die Fundación EcoAndina, eine Organisation, die in einer der ärmsten Gegenden des Landes mit ganz einfachen (und viel zu geringen) Mitteln Solarentwicklungshilfe betreibt. Ich hab einen der Mitarbeiter neulich auf einer Veranstaltung der Außenhandelskammer hier in Buenos Aires kennengelernt und finde die Arbeit, die sie machen, ganz großartig.

* Hab gerade entdeckt, dass dieser Preis offensichtlich nur bei einem Verbrauch von über 400 kWh in zwei Monaten gilt; darunter liegt der Preis bei 8,2 Centavos pro Kilowattstunde, dafür ist dann aber der Grundpreis geringer (4,44 Pesos statt 16,20). Bizarr.

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