Der Kugel-Zug

Das Schienennetz in Argentinien ist ziemlich marode. In den 1990er Jahren wurden tausende Streckenkilometer stillgelegt, weil die Gleise in unbefahrbarem Zustand waren und angeblich kein Geld da, um sie zu reparieren. Jetzt gibt’s Bewegung – allerdings nur für einen sehr kleinen, elitären Streckenabschnitt.

Zwischen Córdoba und Mar del Plata soll ein ein französischer TGV verkehren, mit zwei Zwischenstopps (in Rosario und Buenos Aires). Mit 320 km/h soll der neue Zug durch argentinische Lande brausen, weshalb er auch „tren bala“ genannt wird, „Kugel-Zug“ (im Sinne von: so schnell wie eine Kugel, nicht, weil er so aussähe). Kostenpunkt des Projekts: 5 Mrd. Dollar, hauptsächlich finanziert durch neue Auslandsschulden. Dafür würden rund 1000 Kilometer Bahnstrecke neu gebaut, die allerdings nur vom TGV benutzt werden könnten. Bei einem anvisierten Preis von 300 bis 400 Pesos für eine Fahrkarte ist sehr fraglich, ob das nicht ein gigantisches Verlustgeschäft wird.

Deshalb gibt es erhebliche Widerstände gegen das Projekt, das von Königin Cristina bei ihrem Besuch bei Nicolas Sarkozy in Frankreich im März besiegelt wurde. Der Gegenvorschlag lautet: 18.000 statt 1.000 Streckenkilometer, hunderte von Städten und Ortschaften anstelle von vier, 3,1 Mrd. Dollar anstelle von 5 Mrd., heimische Arbeitsplätze in der Produktion von Lokomotiven, Gleisen, Waggons anstelle des Imports all dieser Güter.

Ich kann nicht beurteilen, ob all diese Zahlen den Tatsachen entsprechen oder ob irgendjemand damit seine Agenda gegen die Regierung durchzudrücken versucht. Was mir allerdings einleuchtet ist, dass es in diesem Riesenland einen erheblich größeren Bedarf an Transportmitteln für Güter (z.B. Getreide, Soja) gibt, als für Menschen. Dieser Bedarf ist insbesondere in der Fläche groß, nicht in den Großstädten. Und das ist im Projekt der Regierung nicht berücksichtigt.

Deshalb unterstütze ich das Projekt „tren para todos“ (Zug für alle). Meine letzte Zugfahrt von Buenos Aires nach Mar del Plata liegt zwar schon fast 13 Jahre zurück, aber ich kann mich lebhaft an überschwemmte Gleise, eine defekte Lok, stundenlangen Stillstand, schlechten Service und unbequeme Sitze erinnern. Und nach allem, was ich höre, ist die Situation seitdem nicht besser, eher schlechter geworden.

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