Boli-Shopping

Die Einkaufszentren in Buenos Aires und Umgebung sind voll von mehr oder weniger teuren Markenartikelgeschäften: Pierre Cardin, Gucci, Adidas oder Franchise-Geschäfte nationaler Marken. Die Mieten in diesen Zentren dürften erheblich sein, daher gibt’s dort nichts wirklich günstig.

Wer seine Klamotten gern ein bißchen preiswerter kauft bzw. kaufen muss oder nicht gar so viel Wert auf die Marke mit den drei Streifen oder dem Swooosh legt, geht zum Boli-Shopping. Das sind meist alte Fabrikhallen mit Wellblechdach (durch das es an Regentagen durchaus hier und da reintropfen kann) in denen in langen Reihen einzelne Verkaufsbuden aufgebaut sind. Die Dinger sind selten breiter als vier bis fünf Meter und kaum tiefer als 2 Meter, aber es ist erstaunlich, was man auf diesem kleinen Raum alles unterbringen kann. Denn genutzt wird vor allem die Höhe.

Natürlich stapeln sich z.B. auf den Tresen der Verkaufsstände die Waren, außerdem hängt aber so etliches in drei bis fünf Meter Höhe. Man muss sich also ständig den Hals verrenken, um aufnehmen zu können, was sich da so alles bietet: Sportklamotten von Adidas bis Nike (ohne Echtheitszertifikat), sonstige Kleidung, Schuhe (genauso echt, wie die Klamotten), Parfums (nachgemacht), Musik-CDs, DVDs (raubkopiert), Lederartikel, kleine Haushaltswaren, Mobiltelefone und Elektronikartikel. Von letzteren hab ich vor Jahren mal einen Kassettenrecorder von „Sonyo“ gesehen und ein Telefon von „Panasony“. Keine Ahnung, ob sich heute noch jemand die Mühe macht, die Markennamen so kunstvoll zu verbiegen.

Großer Vorteil der Boli-Shoppings ist also der Preis. Keine Markenrechte, kein Preisaufschlag. Bezahlt wird für den Wert des Materials und die Arbeitszeit, die in die Herstellung geflossen ist. Eine „Adidas“-Sporthose: 35 Pesos (rund 7 Euro), ein Fleece-Sweater: 48 Pesos (knapp 10 Euro), ein paar Wollhandschuhe: 15 Pesos (3 Euro). Schuhe sind nicht unbedingt empfehlenswert, meist sind die Sohlen plan und bieten keinerlei Halt für den Fuss (auch wenn die Schuhe ansonsten kunstvoll an die Originale angepasst sind; besonders angesagt scheinen „Nike“-Air-Imitate).

Warum aber heißen die Dinger Boli-Shopping? Die ersten, die dieses Konzept der Markenpiraterie konsequent umgesetzt haben, waren angeblich Bolivianische Einwanderer. Ein Großteil der Ware, die hier verkauft wird, wird von meist illegalen bolivianischen Einwanderern hergestellt – zu Hungerlöhnen und nicht selten in einer Form von Sklavenarbeit. 18 bis 20 Stunden arbeiten die Näherinnen in den nach Schätzungen 4000 illegalen Nähstuben in und um Buenos Aires angeblich täglich, schlafen unter ihren Maschinen, erhalten wenig Lohn für den harten Job, geschweige denn Sozialleistungen. Hunger und Armut in Südamerikas ärmstem Land treibt immer neue Menschen in die Nachbarländer, gelockt von falschen Versprechungen leben sie als Illegale in einer Parallelwelt. Nicht unähnlich der Parallelwelt, in der Osteuropäerinnen in der westeuropäischen Liebesbranche leben.

Es gibt übrigens noch zwei weitere Volksgruppen, denen in ähnlicher Weise ganze Wirtschaftszweige zugeschrieben werden: die Koreaner haben im Zentrum von Buenos Aires den Großhandel mit Kleidung und allerlei Nippes erobert. Im Viertel „Once“, das traditionell von Juden bevölkert war, gibt es ganze Straßenzüge, die von der „venta x mayor“ leben („Verkauf in Großhandelsmengen“, das x wird dabei wie „por“ ausgesprochen). Was früher angeblich fest in jüdischen Händen war, wird heute von Koreanern betrieben (die im Übrigen nicht selten die Betreiber der Nähstuben der Bolivianer sind).

Die Chinesen wiederum haben die Billigsupermärkte übernommen. Hier gibt es keine Ketten wie Aldi, Lidl oder Penny, in denen direkt von der Palette verkauft wird. Die großen Markensupermärkte haben kaum Eigenmarken, sondern fast ausschließlich Produkte von Drittherstellern mit deren Marken, die entsprechend ein bißchen teurer sind. „Beim Chinesen“, wie es hier heißt, gibt es die gleichen Produkte gelegentlich erheblich billiger. Allerdings darf man in so einem China-Supermarkt keine Frage haben („Haben sie Aluminiumfolie?“), weil man daraufhin von der Küchenrolle bis zur Serviette so ziemlich alles gezeigt bekommt, was ungefähr in die Küche passt und platt oder aufgerollt ist. Denn von Spanisch verstehen die Chinesen offenbar nur die Zahlen.

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