Geräuchert

„Buenos Aires“ heißt wörtlich übersetzt „gute Lüfte“. Im Moment könnte nichts weiter entfernt von der Wahrheit sein. Seit Tagen hängt eine dicke Rauchwolke über dem gesamten Großraum Buenos Aires vom knapp 300 Kilometer entfernten Rosario in der einen zum 200 Kilometer entfernten Montevideo in die andere Richtung und es sieht nicht so aus, als ob sich der Qualm bald verflüchtigt.

Im Gegenteil, heute mussten die Flughäfen und einige Straßen gesperrt werden, weil man kaum noch was sehen konnte. Bereits in den vergangenen Tagen sind auf den Straßen Richtung Norden mehrere Personen bei Mehrfach-Auffahrunfällen ums Leben gekommen, als sich Busse, Lastwagen und PKWs ineinandergeschoben haben.

Grund des Qualms sind über 60.000 Hektar brennende Weideflächen auf den Inseln im Delta des Paraná und Uruguay. Regelmäßig um diese Jahreszeit stecken einige Bauern hier ihre Weiden in Brand, um durch die Asche den Boden zu düngen. Im Frühjahr wächst dann das Gras um so besser. Das ist nicht mal illegal, sofern es angemeldet wird.

So schlimm wie dieses Jahr war es allerdings offenbar noch nie. Einerseits sind die brennenden Flächen erheblich größer als früher. Andererseits zieht der Qualm nicht ab. Eine Inversionswetterlage sorgt dafür, dass sich der ganze Rauch hier unten staut, statt durch den Wind wenigstens ein bißchen verteilt zu werden.

Das Ergebnis: Kratzen im Hals, brennende Augen, stinkende Klamotten. Wer den Selbstversuch starten möchte, zünde sich ein Lagerfeuer an, lege einen schön feuchten Scheit auf und setze sich genau in den Qualm. Wer länger als 1 Minute durchhält, ist fit für die gute Luft hier.

Richtig ärgerlich wird das Ganze, weil man nicht entkommen kann – der Gestank ist einfach überall. Die Häuser hier sind bei weitem nicht so gut abgedichtet wie in Deutschland, das heißt, selbst wenn man alle Türen und Fenster verrammelt – irgendwie dringt der beißende Geruch trotzdem ein. Tagsüber geht’s hier im Süden von Buenos Aires einigermaßen, aber nachts ist es einfach unerträglich.

Nach gut einer Woche Debatte in den Medien und den schon erwähnten Unfällen, haben sich heute endlich die zuständigen Stellen sowohl der Provinzen wie der Bundesregierung dazu durchgerungen, sich mit dem Problem zu befassen. Der Regierung kommt das Thema nicht mal ungelegen, weil sich dadurch eine neue Gelegenheit bietet, auf die vaterlandslosen Gesellen einzudreschen, die hier die Ackerkrume bewirtschaften und keinerlei soziales Gewissen haben, wenn es um ihren Profit geht. Sagt die Regierung. Was die Vertreter der Landwirtschaft natürlich sofort als durchsichtiges politisches Manöver brandmarkten, das ihnen die Unterstützung durch die Bevölkerung beim Kampf gegen die Anhebung der Exportzölle entziehen solle. Schall und Rauch, wie üblich.

Gelöst haben sie natürlich nichts. Bislang brennen die rund 300 Feuer weiter und die Versuche der – hier ausschließlich freiwilligen – Feuerwehr mit ihren begrenzten Gerätschaften die Flammen zu löschen werden sich wohl noch eine Weile hinziehen.

Bis dahin: Kennt irgendjemand einen Regentanz?

Titelblatt von Crtica vom 18.3.2008Update 18.4.: Am bisher schlimmsten Tag macht meine neue Lieblingszeitung „Crítica de la Argentina“ mit diesem hübschen Titelblatt auf:

Inzwischen gibt’s auch Hinweise (gerüchtehalber), wem denn eigentlich die brennenden Felder gehören. Genannt werden u.a. der ehemalige Präsident der Zentralbank, Pedro Pou, der ehemalige Wirtschaftsminister der Menem-Regierung Roque Fernández und ein guter Freund des Ex-Präsidenten Eduardo Duhalde, der Unternehmer Américo Gualtieri. Alle mit guten Verbindungen zum Establishment also. Wenn das stimmt, wird sich an der Situation so bald nichts ändern.

Außerdem werden heute Stimmen lauter, die der Regierung Heuchelei vorwerfen. Seit Jahren brennen um diese Zeit die Felder in der Region. Nur hat der Wind den Qualm bislang nicht nach Buenos Aires getrieben, sondern in andere Richtungen. Der Aufschrei blieb entsprechend leise. Jetzt, wo ein Großraum mit mehr als 13 Millionen Einwohnern (und nicht zuletzt sie selbst) betroffen ist, spricht plötzlich auch die Präsidentin davon, dass dies ein unhaltbarer Zustand sei.

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2 Antworten zu Geräuchert

  1. buep schreibt:

    Ich tanze seit Tagen…

  2. Pingback: Die fehlende Debatte | Me llaman Jorge

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