Schickt Care-Pakete

Argentinien ist ein reiches Land. Reich vor allem an fruchtbarem Boden und landwirtschaftlichen Produkten von hoher Qualität. Wer kennt nicht die weltberühmten argentinischen Steaks? Okay, ihr Vegetarier nicht. Dafür kennt ihr vielleicht Äpfel, Birnen, Trauben aus argentinischer Produktion. Cornflakes, Popcorn werden häufig aus argentinischem Mais hergestellt.

Umso erstaunlicher also, dass uns hier demnächst eine Hungersnot droht. Nicht, weil keine Nahrungsmittel da wären wie in so manchem anderen Land. Sondern weil sich Regierung und Bauern derart in ihren Schützengräben verschanzt zu haben scheinen, dass im Moment keine Lösung der Krise in Aussicht ist.

Es fing vor etwas mehr als zwei Wochen damit an, dass die Regierung die ohnehin hohen Exportzölle auf landwirtschaftliche Produkte von damals um die 30% auf saftige 45% erhöhte. Exportzölle, ja. Wenn man aus dem Exportweltmeisterland kommt, kann man sowas ja gar nicht glauben. Hier werden Ausfuhrzölle auf die Produkte aufgeschlagen, um damit die inländischen Nahrungsmittelpreise zu subventionieren. Denn das macht einerseits die Ausfuhr unattraktiver für die Produzenten (was zum Beispiel im Fall des Fleischs durchaus beabsichtigt scheint), andererseits bringt es dem Staat Geld ein, mit dem u.a. den Landwirten und Nahrungsproduzenten Ausgleichszahlungen dafür gewährt werden, dass sie essentielle Produkte wie Fleisch, Milch, Mehl etc. zu günstigen Preisen auf dem Inlandsmarkt anbieten.

Bislang gab’s darum auch wenig Diskussion. Die argentinischen Landwirte – insbesondere die Großgrundbesitzer mit mehreren tausend Hektar Land – verdienten auch trotz 30% hohen Exportzöllen immer noch prächtig, vor allem am Anbau und der Ausfuhr von Soja oder Sojaprodukten wie Öl, Sojamehl (Tierfutter!) oder neuerdings Biodiesel. Dagegen hat hier niemand was, denn Soja isst der Argentinier nicht, allenfalls in sekundärer Form als Geflügel, Schwein oder Rind.

Mit der Erhöhung der „Retenciones“ hat die Regierung des „präsidentiellen Ehepaars“ Kirchner jetzt allerdings den Bogen überspannt. Die Bauern verhalten sich plötzlich renitent und sperren landesweit wichtige Verbindungsstraßen für sämtliche Nahrungsmittellieferungen in die großen Städte. Das Sperren von Straßen hat hier Tradition, das machen die so genannten „Piqueteros“, Gruppen von Arbeitslosen und Armen, schon seit Jahren, um Forderungen durchzusetzen. Im Fall der Piqueteros wird das auch meist ohne weiteres geduldet, weil sie in der Regel der peronistischen Bewegung nahestehen.

Die Großbauern hingegen zählen zum politischen Gegner – dementsprechend die Reaktion von offizieller Seite. Bevor die Straßensperren nicht aufgehoben würden, gebe es keine Gespräche. Wenn das nicht bald geschehe, werde die Ausfuhr von Fleisch verboten. Und überhaupt bleibe es bei der Erhöhung der Zölle. Basta. Sagt Königin Cristina.

Wozu dann Reden? Fragen sich zurecht die Bauern, und protestieren weiter. Denn die Zölle treffen bei weitem nicht nur die Großbauern, sondern auch viele, viele kleine (was hier so klein ist: weniger als 200 Hektar oder unter 100 Kühe). Und die sehen sich in ihrer Existenz bedroht. Nicht alle davon profitieren im Übrigen von hohen Sojapreisen, weil der eine oder andere auch was anderes anbaut.

Inzwischen sind wir soweit, dass in den Supermärkten vielfach nur noch Reste von Fleisch zu finden sind, keine frische Milch mehr und auch Dinge wie Mehl, Obst und Gemüse knapp werden. Die Auswahl zumindest wird schon kleiner.

Derweil prügeln sich auf den Straßen die demonstrierenden Bauern und Sympathisanten mit Schlägertrupps der Piquetero-Fraktion oder sogar die sozialistischen Piqueteros (die den Bauern nahestehen) mit den peronistischen (die neulich nach der schon zitierten Rede der Präsidentin mit dem Schlachtruf „runter von unserer Plaza de Mayo“ „ihren“ Platz gegen spontan Töpfe schlagende Bewohner von Buenos Aires verteidigten). Klassenkampf zum Anfassen.

Noch nagen wir nicht am Hungertuch, aber wenn die beiden Parteien so weitermachen, wird’s bald dünne. Also schickt schon mal die Care-Pakete, die brauchen ja ’ne Weile. Ich mag Gummibärchen!

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6 Antworten zu Schickt Care-Pakete

  1. buep schreibt:

    Hoy no hay pan, coman torta…

  2. Rainer schreibt:

    Hi Helge,
    ich hoffe die Gummibärchen sind angekommen. Gruß Rainer

  3. llamadojorge schreibt:

    Bislang nicht. Wann hast du sie denn abgeschickt? Zwei Wochen ist Mindestlieferzeit…

  4. Rainer schreibt:

    Das ist schon 3 Wochen her. So langsam sollten sie ankommen……

  5. Pingback: Der König und die Demokratie « Me llaman Jorge

  6. Pingback: Die argentinische Lügenpresse | Me llaman Jorge

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