Fulbo

Das Spiel mit dem schwarz-weißen Ball, den 22 Männern und zwei Toren auf einem grünen Rasen übt eine unheimliche Faszination vor allem auf argentinische Männer aus. Kein Abend ohne Gekicke in der Glotze, und geguckt wird, was kommt: erste Liga, zweite Liga, ausländische Ligen, egal.

Und jeder argentinische Mann hat so seine Vorliebe für irgendeinen Club. Wie oft ich schon gefragt worden bin, für welchen Club ich denn schwärme, weiß ich nicht mehr. Für keinen, eigentlich, weil mich Fußball schon an sich nicht interessiert – 90 Minuten Hin- und Hergerenne für ein 0:0 find ich öde. Damit bin ich natürlich hier eigentlich an der falschen Adresse.

Denn es gibt angeblich keinen Großraum in der Welt mit mehr Fußballstadien – vom wenige hundert Zuschauer fassenden Amateurstadion bis zum 75.000-Besucher-Riesenstadion, Heimat von Rekordmeister River Plate und der Nationalmannschaft. Die argentinische erste Liga umfasst 20 Clubs, von denen 12 im Großraum Buenos Aires spielen, zwei weitere in der 60 Kilometer entfernten Stadt La Plata und nur 5 nicht in der Provinz Buenos Aires (siehe die tolle Karte von http://www.billsportsmaps.com/; draufklicken für große Version).

Fußball-Karte Argentinien

Gespielt wird aber natürlich nicht nur in Stadien sondern eigentlich auf jedem bißchen Grün (oder Braun), dass sich von der Größe des Platzes her dafür anbietet. Bei Regenwetter kann man eine der vielen überdachten Fußballhallen mieten, die hier an jeder Ecke stehen. Viele Argentinier spielen mindestens einmal in der Woche am Feierabend oder Wochenende mit Freunden oder Kollegen. In einer Verballhornung ihres meist relativ schlechten Englischs verabreden sie sich zum „Fulbo“ (wohl wissend, dass das eigentlich „Futbol“ heißt) 🙂

Die erste Liga in Argentinien ist natürlich ein großes Kommerzgeschäft – wie überall anders auch. Fanartikel gibt’s auf jeder Fußgängerzone und es hassen die Fans des einen die Fans des anderen Clubs. Darin unterscheidet die Argentinier nichts von den Anhängern des BVB oder Bayern München.

Allerdings würde wohl keiner von denen auf die Idee kommen, sich nicht die Spiele ihres Clubs im Fernsehen anzuschauen, sondern die Tribüne mit den Fans während des Spiels. Die eigentlichen Spiele der zwei großen Clubs sind nämlich im freien Fernsehen nicht live verfügbar, dafür muss man extra zahlen (was natürlich den wahren Fan nicht schreckt). Im Free-TV kriegt man also so etwas wie einen Radiokommentar und dazu die Bilder der Fans auf der Tribüne. Man muss schon sehr speziell gepolt sein, um sich das 90 Minuten lang anzugucken.

Wie die Liga genau funktioniert, hab ich um ehrlich zu sein noch nicht ganz begriffen. Die „Clausura“ (wörtl. übersetzt: „Schließung“) wird merkwürdigerweise am Anfang der Saison gespielt, die „Apertura“ (wörtl. übersetzt: „Eröffnung“) ist die zweite Saisonhälfte, nach der Winterpause. Ab- und aufgestiegen wird in der Liga scheinbar nie, außer aus finanziellen Gründen. Es sind immer dieselben 20 Vereine, die sich um den Pokal streiten (wie man auf der Karte sehen kann eigentlich sogar noch weniger; es gibt die großen fünf, von denen jeder mehr als 10 Pokale nach Hause getragen hat, dann ein kleines Mittelfeld mit je 1 bis 6 Titeln und etliche Clubs, die noch nie was gewonnen haben). Die letzte Saison war insofern bemerkenswert, als der kleine Club aus Lanus seinen ersten Titel gewann, und den hochbezahlten Jungs von Boca Juniors (Ex-Club von Maradona) eine lange Nase drehte.

Das Fußball auch für die Fernsehsender ein Riesengeschäft ist, beweist die während des Spiels immer wieder eingeblendete Werbung am unteren oder oberen Bildrand. Wann immer ein Freistoß ausgeführt werden muss, oder das Spiel durch sonst etwas unterbrochen ist – Zack – kommt die Werbeeinblendung. Spitzenreiter: Autos, Versicherungen, Banken – klassische Männerwerbung eben. Die wissen, wer da vor der Glotze sitzt.

Was nicht heißt, dass argentinische Frauen keinen Fußball gucken. Doch, tun sie. Die meisten mehr oder weniger unfreiwillig. Weil die Männer (wie wahrscheinlich überall) die Gewalt über die Fernbedienung beanspruchen (und ich kann mich da nicht ausschließen). 🙂 Besonders beeindruckt hat mich vor einiger Zeit ein Abendessen an einem Samstagabend in einer Pizzeria. Überall Fernseher, so angebracht, dass man von jedem Sitzplatz aus eine gute Sicht hatte. Überall lief Fußball. Die Männer: abgelenkt, zu keinem Gespräch fähig. Die Damen: zogen gelangweilt die Augenbrauen nach oder feilten sich die Fingernägel. Und dabei hatten die sich für den Abend schon richtig schick gemacht! Da hab ich begriffen, warum Ceci so glücklich ist, dass mich Fußball nicht interessiert.

Denn das läuft im Grunde jeden Abend so. Es gibt eigentlich keinen Abend, an dem nicht irgendein Spiel läuft, häufig sogar mehrere, ein bißchen zeitversetzt, so dass man die Halbzeit der einen Partie bei der anderen verbringen kann. Die Ligaspiele sind nicht wie in Deutschland auf’s Wochenende beschränkt; hier wird an jedem Tag der Woche gekickt. Pünktlich um 21:00 Uhr, wenn man davon ausgehen kann, dass ein Großteil der Familien zuhause beim Essen sitzt, wird angepfiffen. Und wenn – Gott bewahre – tatsächlich mal kein Live-Spiel verfügbar sein sollte (z.B. zwischen Saison-Ende und Anfang in der Sommerpause), kann man ja die schönsten Tore der vergangenen Saison nochmal zusammenschneiden oder irgendein wichtiges Spiel nochmal zeigen. Zuschauer gibt’s für sowas.

Aber keine Sorge, Ceci. Auch wenn ich heute drüber geschrieben habe, interessiert Fulbo mich immer noch nicht die Bohne. In unseren Fernseher kommt das höchstens ein paar Sekunden am Tag – beim Zapping. 🙂

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3 Antworten zu Fulbo

  1. buep schreibt:

    Daaaaaaaaaanke! 🙂

    Ce

  2. Volker schreibt:

    „Allerdings würde wohl keiner von denen auf die Idee kommen, sich nicht die Spiele ihres Clubs im Fernsehen anzuschauen, sondern die Tribüne mit den Fans während des Spiels. “

    Da irrst du dich aber. Bei der totalen Kommerzialisierung der deutschen Bundesliga und den strengen Regeln zur „Rechteverwertung“ wäre so mancher Fan froh, ein Spitzenspiel oder ein Derby (BV-S04) zumindest am Radio DURCHGEHEND verfolgen zu können. Letzten Samstag zum Beispiel hat ein BVB-Fan im Fanforum genau diesen Fall beschrieben: Er schaut sich die Standbilder (!) der Stadion-Webcam an und kriegt den Spielbericht live (mit Unterbrechungen) über irgendein Webradio.

    Mal ehrlich, bei den technischen Möglichkeiten, die es heute gibt, ist es doch ein Trauerspiel, wenn Fans wie vor 40 Jahren vor dem Radio hocken um mitzuverfolgen, wie ihr Lieblingsclub spielt. Noch lächerlicher finde ich die Live-Ticker im Internet. Das sind bestenfalls Notlösungen für ganz hartgesottene Fans und machen deutlich, dass es ohne kräftig zu zahlen heute in Deutschland an Fußball kaum noch was zu sehen gibt. So gesehen ist die Fernsehversorgung in Argentinien mit der Nationalsportart Nummer 1 wohl noch um Längen besser als in Deutschland.

  3. llamadojorge schreibt:

    Tja, inzwischen hat sich das hier auch grundlegend geändert. Vater Staat hat sich Mitte diesen Jahres für rund 600 Mio. Pesos die Übertragungsrechte gesichert und strahlt nun jedes Spiel im öffentlich empfangbaren Fernsehen aus (also auch über Antenne). Ex-Präsi Kirchner fand, es könne nicht sein, dass der Nationalsport der Nation nur den Reichen vorbehalten bleibe. Und nix mit Konferenzschaltung bei mehreren gleichzeitig laufenden Partien. Es wird jedes (!) Spiel in voller Länge live übertragen, dafür wird eben schön zeitversetzt angefangen.

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