Jahrestag: José Luís Cabezas

Es ist kein schönes Jubiläum, denn José Luís Cabezas, ein Fotojournalist der argentinischen Zeitschrift Noticias wurde heute vor elf Jahren durch zwei Schüsse in den Nacken getötet. Der Mord an ihm weckte aber die argentinische Zivilgesellschaft, die plötzlich anfing, den politisch Mächtigen etwas genauer auf die Finger zu schauen, die sich bis dahin ungeniert auf Kosten der Allgemeinheit bereichert hatten und sich um Recht und Gesetz wenig scherten.

Was zunächst nach einem Raubmord aussehen sollte, stellte sich schnell als ein Auftragsmord heraus. Cabezas war insbesondere einem Magnaten der Menem-Zeit, Alfredo Yabrán, unbequem geworden. Der Eigentümer des privaten Postdienstes OCA, einer Sicherheitsfirma und verschiedener Lager am Flughafen Buenos Aires, war 1995 vom argentinischen Wirtschaftsminister aus seiner Anonymität gerissen worden. Domingo Cavallo, Vater der 1:1-Bindung des argentinischen Pesos in den 1990er Jahren, bezichtigte den bis dahin weitgehend unbekannten Yabrán in einer Rede im Jahr 1995 der Verwendung von Mafia-Methoden, gedeckt durch politische Protektion von ganz oben. Zu dem Zeitpunkt waren die Beziehungen zwischen Präsident Menem – einem guten Freund von Yabrán – und Cavallo schon zerrüttet, 1996 schied Cavallo aus dem Amt.

Durch die Anschuldigungen hörten viele Argentinier den Namen Yabrán zum ersten Mal. Auch die argentinischen Medien kannten den Mann nicht. Es gab weder Film- noch Fotoaufnahmen von ihm, dem unter anderem unterstellt wurde, mit Hilfe seiner Firmen in den Drogen- und Waffenschmuggel sowie Geldwäsche verwickelt zu sein. Er selbst stellte sich als „einfachen Postmann“ dar – allerdings mit Pressesprecher, einer Privatarmee zur Abschirmung seiner selbst und besten Verbindungen in politische Kreise.

Yabrán-Foto von Cabezas
(c) Noticias

Cabezas war der erste Fotograf, dem es gelang, Yabrán während eines Aufenthalts im Urlaubsort Pinamar an der Atlantikküste zu fotografieren. Er holte ihn damit aus der Anonymität, die der Empresario so gerne gewahrt hätte. Wie es aussieht, musste Cabezas deswegen sterben.

Denn der Auftragsmord wurde vom Chef der Leibgarde von Yabrán gemeinsam mit ein paar windigen Gestalten aus dem Viertel „Los Hornos“ (deswegen später die „Horneros“ genannt) in La Plata und quasi mit Unterstützung der Polizei durchgeführt (ein Polizist bedeutete den Killern das Opfer, ein weiterer informierte sie über den Aufenthaltsort von Cabezas und der Polizeichef von Pinamar sorgte dafür, dass sie am Ort des Geschehens nicht durch uneingeweihte Polizeikräfte überrascht wurden). Alle wurden später gefasst und zu mehrjährigen Gefängnisstrafen verurteilt, sind aber mit zwei Ausnahmen inzwischen wieder auf freiem Fuß.

Yabrán starb übrigens nur gut ein Jahr nach Cabezas – angeblich ein Selbstmord, nachdem er zur Fahndung ausgeschrieben und zunächst getürmt war. An dieser Version existieren hier allerdings auch 10 Jahre später noch erhebliche Zweifel. Viele halten es für wahrscheinlicher, dass Yabrán seinen Tod inszeniert hat und noch irgendwo unter einem anderen Namen lebt.

Cabezas nicht vergessen
(c) Noticias

Der Mord an Cabezas und die nachfolgend bekanntgewordenen Einzelheiten über Auftraggeber und Mitwisser wirkten immerhin wie ein Weckruf für die argentinische Zivilgesellschaft, die plötzlich Massendemonstrationen veranstaltete und so mit dazu beitrug, dass der Fall Cabezas nicht einfach von der Justiz zu den Akten gelegt werden konnte. Bis heute berichten die Medien alljährlich über den Tod des Kollegen, immer im Sinne von: Nicht vergessen und niemals wieder zulassen („No se olviden de Cabezas“).

In seinem Editorial für Noticias schreibt allerdings der Journalist Darío Gallo, die Verflechtungen zwischen Wirtschaft und Politik unter der Ägide der Kirchners unterschieden sich nicht sehr von denen unter Menem. Auch heute würden Journalisten eingeschüchtert oder zu Gesprächen nicht zugelassen, wenn sie missliebige Artikel schrieben oder sendeten. Und zwei der besonders dicken Freunde der Kirchners, die Unternehmer Lázaro Báez und Cristóbal López, versuchten sich in der Anonymität zu verstecken – wie Yabrán. Nie wieder?

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