Abenteuer Busfahrt

Vor einiger Zeit habe ich über das Abenteuer S-Bahn geschrieben – und darauf einiges an Rückmeldungen erhalten. Deshalb setze ich das jetzt fort, die Fahrt geht weiter, diesmal mit dem Bus.

Busse gibt es hier in vielen verschiedenen Geschmacksrichtungen: Ganz alt, alt, und relativ alt (vor allem, was die Inneneinrichtung angeht; der eigentliche Bus ist dabei vielleicht nur 10 Jahre alt). Es gibt hier tatsächlich noch etliche lebende Exemplare der alten Mercedes-Busse mit Schnauze (die werden aber seltener). Es gibt dem gegenüber immer mehr neue, modernere Niederflurbusse, in die man auch reinkommt, wenn man keine 15 mehr ist (vor allem auf einigen Strecken im Innenstadtbereich). Je weiter man in die Provinz kommt, desto älter werden die Fortbewegungsmittel und umso schwieriger wird’s insbesondere für Alte und Gebrechliche, überhaupt reinzukommen. Die Treppen sind meist sehr steil und einige Busfahrer fahren schon an, wenn der zuletzt zusteigende Fahrgast seinen Fuss gerade vom Pflaster gehoben hat und noch zwischen Tür und Angel hängt.

Busse in Buenos Aires - geklaut von http://www.BuenosAires54.com/

Die Busse hier sind vor allem drei Dinge: Laut, dreckig und meistens ziemlich voll. Sie sind aber auch günstig und man kommt mit ihnen eigentlich überall hin – wenn man genügend Zeit mitbringt und gegebenenfalls mehrmals umsteigt. Und: Die Busse haben alle unterschiedliche Farben, je nach Linie und Betreiberfirma. Hier gibt’s nämlich keine Stadtwerke, die alle Buslinien in einem Gebiet betreiben, sondern viele verschiedene Konzessionsbetriebe, die einzelne oder mehrere Strecken bedienen.

Wer in der Innenstadt an einer Hauptverkehrsstraße wohnt und dort nicht mindestens im 5. Stock, wird insbesondere im Sommer, wenn alle Fenster offen stehen, um ein bißchen Luft in die Wohnung zu lassen, von dem Lärm der anfahrenden Busse geweckt. Erinnert bei manchen Modellen (z.B. denen der Firma „El Detalle“ mit Deutz-Motor) an das Gebrüll von Löwen – erst recht, weil die Fahrer das Gaspedal bis zum Anschlag durchdrücken, wobei die Busse in der Regel eine dicke, schwarzblaue Dieselrußwolke ausstoßen (Statistiken für Dieselkrebstote (in D bis zu 75.000 – pro Jahr!) hat wahrscheinlich noch keiner erhoben.). Sanftes Anfahren und Abbremsen oder benzinsparendes Fahren steht hier in der Busfahrerschule jedenfalls nicht auf dem Lehrplan.

Fahrplan?

A propos Plan: An einen Fahrplan hält sich keine dieser Buslinien, so was gibt’s weder an den Haltestellen noch überhaupt, scheint mir. Mit der Frage „Um wieviel Uhr kommt denn der Bus Nummer XY“ gibt man sich also nur als Tourist zu erkennen und erntet bestenfalls ein mitleidiges Lächeln. Irgendwann kommt er halt. Plan besser 20 Minuten mehr ein, wenn du pünktlich irgendwo sein willst. Und wenn’s trotz allem nicht klappt, hast du hoffentlich ein Handy und kannst Bescheid sagen.

Die Haltestellen sind insbesondere in der Provinz auch nicht besonders gekennzeichnet, häufig hängt einfach an einem Laternenpfahl eine Nummer, manchmal nicht mal das. Man weiß einfach, dass dort ein Bus der Linie XY hält, und wenn man’s nicht weiß, muss man eben fragen. Dort stellt man sich dann hin und wenn der Bus mit der entsprechenden Nummer kommt, hebt man den Arm, um ihn heranzuwinken. Sonst hält er nicht. Manchmal, wenn die Busse besonders voll sind, halten sie auch dann nicht. Schicksal. Dann muss man eben auf den nächsten warten. Mit Glück ist der dann nicht so voll.

Hinten anstellen

Hingestellt wird sich übrigens nicht in losen Trauben, wie das in Deutschland der Fall ist und wo derjenige, der es schafft, allen anderen seine Ellbogen in die Seite zu hauen und ganz vorne anzukommen, auch als erster einsteigt. Nein, hier geht das schön britisch, in Reih und Glied, wenn’s sein muss auch mal über einen halben Block. Im (sehr empfehlenswerten) Fotoblog Buenos Aires Daily gibt’s ein schönes Bild dazu. Und: Die Männer, ganz Kavaliere der alten Schule, überlassen fast immer den Frauen das Vorrecht, zuerst einzusteigen. Bösartige Zungen würden jetzt behaupten, dass sie ihnen nur gerne unter die Röcke schielen, aber das würde ich natürlich nie sagen…

Manche Linien fahren nur tagsüber, einige wenige auch nachts. Dann kommen allerdings oft mehrere Busse derselben Linie fast leer direkt hintereinander zu den Haltestellen – und dann wieder eine Stunde oder länger gar keiner. So schützen sich die Busfahrer vor Überfällen, insbesondere wenn sie sehr finstere Viertel anfahren.

Meine erste Butter… Busfahrt

Ich kann mich noch erinnern, wie ich hier 1992 zum ersten Mal alleine Bus gefahren bin. Das erforderte und erfordert auch heute noch ein bisschen Spanisch, das ich damals fast gar nicht konnte, weil man den Fahrschein vorne beim Busfahrer kaufen musste. Und man musste ungefähr wissen, was es kosten würde (oder wahlweise einen der bisweilen sehr langen Straßennamen richtig aussprechen, was mir damals nicht gelang – „setenta“ („siebzig“ Centavos) war einfacher).

Der Busfahrer tippte dann auf einer Art Tablett den Fahrpreis ein, gab den Fahrschein aus, kassierte und suchte nach Wechselgeld, während er nebenbei Gas gab, kuppelte, lenkte und hupte. Die Busfahrer dieser Zeit waren wahrscheinlich die gestresstesten Menschen in ganz Argentinien. Inzwischen müssen sie sich mit Wechselgeld wenigstens nicht mehr abmühen – dafür gibt’s jetzt Automaten, die auch den Fahrschein ausspucken, nachdem man Geld reingeworfen hat. Aber alles andere ist gleich geblieben: Man muss dem Fahrer immer noch sagen, wo man hin will (oder für wie viel Geld man einen Fahrschein haben will) und der tippt das immer noch in seine Maschine ein.

Nur an besonders stark frequentierten Haltestellen gibt es schon auf der Straße Menschen, die einem den Fahrschein verkaufen – nicht etwa Fahrscheinautomaten. Hier zählt noch Handarbeit. Bei diesen Menschen kann man den Fahrpreis übrigens auch mit Geldscheinen bezahlen – was im Bus selbst nicht geht. Dafür braucht man unbedingt Kleingeld. Welches aus genau diesem Grund immer knapp ist. Niemand hat angeblich welches. Das geht sogar so weit, dass den Busunternehmen unterstellt wird, sie würden das Kleingeld zu überhöhten Preisen an die Supermärkte verkaufen (z.B. einen Beutel mit 97 Pesos in Münzen für einen 100-Peso-Schein). Plausibel ist das, ob’s wirklich stimmt, weiß ich nicht.

Tageskarte? Wochen- oder gar Monatskarte? Das sind hier bis heute Fremdworte… Genauso wie ich noch nie eine Fahrscheinkontrolle erlebt habe, obwohl es die angeblich gibt.

Verwirrende Vielfalt

Im Großraum Buenos Aires gibt es fast 300 Buslinien. Viele davon fahren aber unter derselben Nummer unterschiedliche Strecken. Das wird dann kenntlich an den Nummern mit dem Zusatz „Ramal A“ oder einfach nur „A“ für Strecke a, „B“ für Strecke b usw. Insgesamt kommt man so glaube ich auf knapp 1000 unterschiedliche Routen. Und einige dieser Routen sind lang. Seeehr lang. Von San Isidro im Norden von Buenos Aires bis nach La Plata, 60 km im Südosten von Buenos Aires, ist die längste, die ich kenne (Linie 338, auch genannt „La Costera“, obwohl die Küste des Río de la Plata glaube ich zu keinem Zeitpunkt in Sichtweite der Route liegt). Eine komplette Fahrt von Anfang- bis Endstation dürfte so um die vier Stunden dauern. Keine Ahnung, was der Busfahrer macht, falls er zwischendurch mal auf’s Klo muss.

Stadtplan mit BuslinienWeil es für so viele Buslinien und bei der Größe des Gebiets unpraktisch ist, die ganzen Linien in einen Plan reinzumalen, schreibt man einfach die Nummern der Linien in Kästchen oberhalb des eigentlichen Plans (der ein kleines Buch ist – Guía T, unverzichtbarer Begleiter bei Ausflügen in bisher unbekannte Gegenden; gibt’s als kleines Buch für die Hosentasche nur mit Straßen und Buslinien von Buenos Aires Capital und als größeres Ringbuch mit allen Straßen und Linien in Gran Buenos Aires und wird praktischerweise von den schon erwähnten fahrenden Händlern in Bus und Bahn für wenige Pesos zum Kauf angeboten). Die Kästchen oberhalb entsprechen den Planquadraten der Karte unterhalb (siehe Bild). Wenn man also in Planquadrat B5 ist, muss man oben in B5 nachschauen, welche Buslinien für dieses Planquadrat eingetragen sind. Damit weiß man natürlich noch nicht, wo genau diese Busse denn nun abfahren. Das erfordert dann etwas detektivisches Gespür (und die eine oder andere Frage beim nächstgelegenen Kioskbesitzer, immer erste Wahl für solcherart Informationen).

Einen erheblichen Unterschied zu den im ÖPNV eingesetzten Bussen gibt es im Übrigen bei den Überlandbussen. Die sind häufig sehr komfortabel ausgestattet – und besser is das, schließlich gibt es Strecken, auf denen man locker mal 24 Stunden und länger unterwegs ist. Das ist aber mal was für einen neuen Eintrag, dieser hier ist schließlich schon lang genug. Viel Spaß beim nächsten Ausflug mit dem Bus.

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5 Antworten zu Abenteuer Busfahrt

  1. llamadojorge schreibt:

    Ich nehm alles zurück, was ich über die Busse im Hinblick auf „alt“ geschrieben hab. Ok, das gilt zwar nicht für alle Busse, aber es gibt jetzt angeblich ein paar richtig schicke neue. Persönlich gesehen hab ich sie noch nicht, aber es gibt bei La Nación ein Video davon…

  2. Ignacio schreibt:

    O ye, of little faith! 😛

    Apropos Plan, das erinnert mich daran, was eine Freundin von mir mal gesagt hat: „Wofür braucht man ein Fahrplan?“ Und dann fuhr sie fort: „Nur um zu sagen, dass der Bus Verspätung hat.“

  3. Ignacio schreibt:

    („Wofür braucht man einENNN Fahrplan?“) :$

  4. Rolf Aichelberger schreibt:

    Hab den Beitrag mit Interesse gelesen!
    Rolf Aichelberger
    Bereichsleiter
    Stadtbus Mühlacker

  5. Pingback: Eine Busfahrt die ist lustig… « maxkaczynski.de

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