Der 800.000-Dollar-Koffer

Seit Wochen gibt es in den hiesigen Nachrichten ein großes Bohei um einen geheimnisvollen Koffer voller Geld, der im Gepäck eines venezolanischen Geschäftsmanns im August letzten Jahres in Buenos Aires gelandet war. Was genau dahintersteckt, wird wohl nur noch schwer vollständig aufzuklären sein, aber es gibt Theorien hinsichtlich Wahlbeeinflussung, Bestechung und einer Geheimdienstaktion.

Herr Antonini Wilson, venezolanischer Geschäftsmann mit ebenfalls einem amerikanischen Pass, kam im August 2007 nach Argentinien an Bord einer gecharterten Maschine, zusammen mit Delegationen der Erdölgesellschaften Argentiniens und Venezuelas. Bei der Zollüberprüfung flog auf, dass er in seinem Handkoffer 800.000 Dollar bei sich führte. Alles über 10.000 Dollar muss in Argentinien bei der Einfuhr deklariert werden. Wilson überließ den Koffer dem Zoll, wurde aber nicht festgehalten oder an einer Ausreise gehindert. Das Ganze geriet danach ziemlich aus dem Blickfeld – bis Dezember.

Das FBI nahm nämlich im Dezember in Miami mehrere Venezolaner und einen Uruguayo unter dem Vorwurf der Bildung einer kriminellen Vereinigung und Agententätigkeit fest und aus der Anklageschrift wurde bekannt, dass diese angeblichen Agenten des venezolanischen Geheimdienstes versucht hätten, Wilson mit zwei Millionen Dollar zu bestechen, damit er nichts über die Hintergründe des Geldtransports verrate. Falls er sich falsch verhalte, könne das Konsequenzen für die Gesundheit seiner Kinder haben, sollen die Männer außerdem gedroht haben. Das Geld soll nämlich, so das FBI, für den Wahlkampf von Königin Cristina bestimmt gewesen sein und aus der venezolanischen Staatskasse, mithin von Hugo Chávez, stammen.

Dieses Szenario wurde in Caracas und Buenos Aires natürlich sofort zurückgewiesen und als Komplott aus Washington abgetan, um sowohl der frisch gekürten argentinischen Präsidentin als auch Erzfeind Hugo Chávez zu schaden. Die argentinische Justiz beantragte die Auslieferung Wilsons aus den USA, wo er sich an unbekanntem Ort offenbar unter dem Schutz des FBI aufhält. Dem Antrag wurde aber bis jetzt nicht entsprochen – und es ist unwahrscheinlich das die USA einen amerikanischen Staatsbürger ausliefern werden.

Genauso merkwürdig ist aber, warum die argentinische Justiz sich nicht schon im August mit Herrn Wilson und seinen 800.000 Dollar beschäftigt hat. Schließlich war der Mann einige Tage im Land und hätte zu diesem Zeitpunkt zu Herkunft und Bestimmung dieses Geldes befragt werden können. Zumal er offenbar keinerlei Interesse mehr an seinem Geld zeigte, nachdem er einmal aufgeflogen war – was an sich ja schon verdächtig ist. Wer hat schon 800.000 Dollar zu verschenken? (Falls auf diese eher rhethorisch gemeinte Frage tatsächlich jemand „ich“ antwortet kann er oder sie sich ja mal bei mir melden). Man hätte auch mal fragen können, ob Wilson bei seinen vorherigen Besuchen in Buenos Aires vielleicht ebenfalls solche Geldgeschenke dabei hatte – der Herr war nämlich im letzten Jahr schon mehrfach hier.

Falls tatsächlich Chávez den Geldgeber für Cristinas Wahlkampf gespielt und ihr auf diesem Wege irgendwelche Schwarzgelder hat zukommen lassen, muss man wohl sagen, dass der venezolanische Geheimdienst offenbar noch dazulernen muss. Kleiner Tipp: In diesem riesigen Land gibt es genügend unbewachte Grenzen, über die man Geld viel leichter unbemerkt reinschmuggeln kann, wenn’s denn sein muss. Für Cristina Kirchner wäre eine Wahlkampfunterstützung durch Freund Hugo übrigens kaum kritisch. Ihre Wähler würden ihr das zwar übel nehmen. Die meisten würden aber wohl weiter an ein Komplott aus den USA glauben. Die haben hier nämlich einen noch schlechteren Ruf als die lokalen Politiker.

Wie dem auch sei, das Ganze erinnert an einen Plot aus einem sehr schlechten Film, beherrscht hier trotzdem seit Wochen die Schlagzeilen. Was nicht viel heißt, denn die argentinischen Medien springen auf solche Skandale leider viel lieber an, als mal einfach gut recherchierte Nachrichten zu präsentieren.

Deutsche Medien haben das Thema kaum aufgegriffen. Ich hab etwas gefunden bei der Jungen Welt, der Welt, der FAZ und zwei Mal bei argentinien.aktuell.

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3 Antworten zu Der 800.000-Dollar-Koffer

  1. Gerrit schreibt:

    Hallo Helge,

    ich finde deine Schreibweise einfach zu köstlich und interessant zu lesen. Ich warte schon immer darauf, dass Du wieder was neues schreibst. Viele Grüße

    Gerrit

  2. llamadojorge schreibt:

    Danke, Gerrit, dann muss ich in Zukunft wohl etwas eifriger schreiben.

  3. llamadojorge schreibt:

    Update: Heute gibt’s ’ne Schlagzeile, dass einer der venezolanischen Agenten sich schuldig bekannt hat, versucht zu haben, die wahre Bestimmung der 800.000 Dollar zu verschleiern. Dazu habe er an mehreren Treffen mit Antonini teilgenommen – der schon mit dem FBI zusammenarbeitete und deshalb verwanzt war. Dumm gelaufen aber auch.

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