Johann Sebastian Mastropiero

Er ist ein begnadeter Komponist. Er komponiert klassische Musik ebenso wie Tango, Merengue oder Rock. Seit vierzig Jahren werden seine Stücke aufgeführt. Und niemand hat ihn je gesehen.

Plakat Les LuthiersDie Rede ist von Johann Sebastian Mastropiero, einer Kunstfigur des Komiker-Quintetts „Les Luthiers„, einer Institution des Humors in Argentinien. Fast alle ihre Sketche beginnen mit einer Geschichte über die Entstehung des folgenden Musikstücks, das, natürlich, von Mastropiero komponiert wurde – meist als Auftragsarbeit irgendeiner Gräfin oder sonstwie adligen Person. Schon dabei sprühen die Ansagen von Marcos Mundstock von hintergründigem und sehr intelligentem, feinem Witz, häufig Wortspielen, die leider nicht zu übersetzen sind.

Das erste Stück, dass sie jemals aufführten, die „Cantata Laxatón“ bestand aus dem Text eines Beipackzettels eines Beruhigungsmittels mit klassischer Musik als Begleitung. Später machten sie sich über die Fernsehwerbung lustig („La Tanda“), ließen einen „voreiligen Don Rodrigo“ ein Jahr vor Kolumbus in Amerika landen und kläglich scheitern („Cantata de Don Rodrigo…“) und aktuell veralbern sie die Oskar-Verleihung mit ihren „Premio Mastropiero“.

Beispiel für ihre Arbeit gefällig? Bitte sehr. Der Sketch ist einer der wenigen, wenn nicht der einzige, der vollständig überwiegend ohne Worte auskommt. Er erzählt die Geschichte des Stummfilms „Kathy, die Königin des Saloon“ – großartig gespielt.

Dass man die Witze nicht übersetzen kann, hat auch sein Gutes. Ich habe mit Les Luthiers eine Menge Spanisch gelernt, einfach, weil ich verstehen wollte, worüber alle anderen lachten. Und etliche ihrer Wortspiele und Sätze haben es zumindest in Cecis und meine Alltagssprache geschafft.

Warum ich das alles erzähle? Weil ich sie gestern endlich live erlebt habe, nachdem sie mir in den vergangenen Jahren immer gerade entwischt waren. Wann immer wir in Buenos Aires ankamen, gerade eine Woche zuvor hatten Les Luthiers ihre Auftritte hier beendet und waren losgezogen, um argentinischen Humor in einem der vielen weiteren spanischsprachigen Länder zu verbreiten.

Les LuthiersDas aktuelle Programm ist nicht überbordend komisch, aber trotzdem sehr lustig und es war schön, die Herren endlich einmal auf der Bühne zu erleben, mitzubekommen, wie viel Spaß ihnen das selbst macht (auch im Kontakt mit dem Publikum). Die Zugabe war übrigens nur für Leute völlig verständlich, die der deutschen Zunge mächtig sind, und das waren gestern abend wahrscheinlich nur Cecilia und ich. Der Gynäkologe „Schmerz von Utter“ betrügt den „Baron von Regelschmutz“ mit dessen Frau, was der natürlich gar nicht toll findet und den Nebenbuhler ermordet. Die Ärztekammer beauftragt daraufhin bei Mastropiero ein Requiem für den geschätzten Kollegen. Dieses legt er erst als vierstimmigen Kanon an, schmeißt dann jedoch zwei Stimmen wieder raus, will es schließlich mit Blasinstrumenten oder besser doch mit Streichinstrumenten, mit oder ohne Klavierbegleitung, schließlich fehlen ihm die Schlaginstrumente… Während Mundstock als der Ansager all das vorträgt, räumen seine Kollegen hinten ein Instrument an oder ab, und sind schließlich ziemlich genervt, weil es schlussendlich doch ein Kanon wird. Natürlich kommen all die anderen Instrumente letztlich doch auch noch zum Einsatz.

À propos Instrumente: Diese spielen bei den Luthies eine besondere Rolle, schließlich heißt Luthiers „Geigenbauer“, oder weiter gefasst jemand, der Saiteninstrumente baut und repariert. Schon von Anfang an hat die Gruppe ihre Stücke mit selbsterfundenen Instrumenten gespielt (z.B. eine Geige mit einem Klangkörper aus einer Blechbüchse, das „Gum-Horn“, einer Art Trompete aus einem Gartenschlauch und einem Trichter oder dem „Dactilofon“, einer Mischung aus Xylophon und Schreibmaschine). Selbstredend funktionieren alle Instrumente tatsächlich und die Herren beherrschen sie in Perfektion.

Wer des Spanischen nur einigermaßen mächtig ist, dem möchte ich Les Luthiers unbedingt ans Herz legen. Mag sein, dass vieles für Leute, die argentinisches Spanisch nicht kennen, etwas schwer verständlich bleibt (nicht einmal unsere spanische Freundin Nieves hat alles verstanden), aber es ist die Mühe wert. Bei Youtube gibt’s noch mehr Videos, die sich lohnen, z.B. hier, hier und hier.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Argentinien veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s