Abenteuer S-Bahn

In Buenos Aires gibt’s nur in der Innenstadt ein U-Bahn-System, weiter draußen gibt’s sowas wie S-Bahnen. Die sind allerdings überwiegend in höchst prekärem Zustand und haben Namen von Generälen oder Präsidenten (Roca, Mitre, Belgrano…). Trotz ihres Zustands schaffen sie es irgendwie, allmorgendlich Millionen von Pendlern in die Innenstadt zu transportieren und abends wieder zurück. Respekt!

Wenn man Samstags nachmittags damit fährt, hat man sogar eine Chance einen Sitzplatz zu ergattern, auch wenn man nicht an der ersten Station einsteigt; Wochentags kann man das vergessen. Und in der „hora pico“, also der Rushhour, muss man froh sein, wenn man überhaupt reinkommt. Das Sitzen muss allerdings nicht immer von Vorteil sein, denn die Bahn schaukelt, hüpft und schwingt während der Fahrt so abenteuerlich hin und her, rauf und runter, kreuz und quer, dass man richtig schön durchgeschaukelt wird. Das kann man im Stehen deutlich besser ausgleichen als im Sitzen.

Trotzdem schaffen es die Porteñas (wörtlich übersetzt: die Hafenbewohnerinnen, der Ausdruck, mit dem die Argentinier aus den im Inland liegenden Provinzen die Bewohnerinnen von Buenos Aires bedenken), die Zeit im Zug dazu zu nutzen, sich die Fingernägel zu lackieren. Oh, und nicht etwa in einer hautähnlichen Farbe oder einfach weißem Lack, so dass falsche Pinselstriche nicht so auffallen, sondern knatschrot. Ich war beeindruckt!

Beeindruckend ist auch, was man in den Zügen alles kaufen kann. Da kommt ein fahrender Händler nach dem anderen vorbei und bietet für zwei bis fünf Pesos (umgerechnet 0,5 bis 1,1 Euro): Buntstifte mit Malbuch (das aus drei kopierten Zetteln besteht), Kinderbücher (Stil: Pixie-Buch), Nähgarn, Nadeln und Schere, Streichhölzer, Bonbons, Kekse, Eis, Getränke, Musik-CDs (im Regelfall selbstgebrannt mit Musik aus dem Internet). Letztere Verkäufer werden zur echten Plage, wenn sie ihren potenziellen Kunden die Musik vor dem Kauf zu Gehör bringen wollen. Dann haben sie einen kleinen Radiorecorder mit CD-Teil dabei und spielen minutenlang ein Musikstück nach dem anderen an – in infernalischer Lautstärke, weil man im Zug schon sein eigenes Wort nicht versteht. Das können die „schönsten“ Liebeslieder irgendwelcher spanischer Interpreten sein, Cumbia, Salsa und Merengue oder „Rock americano“ (bevorzugt aus den 80er Jahren). In letzte Rubrik fällt dabei alles, was nicht spanisch ist. Dass z.B. Roxette aus Schweden stammen macht also nichts.

San ExpeditoWer nichts Nützliches zu verkaufen hat, muss deswegen aber noch nicht zuhause bleiben. Ständig kommen ein paar der ganz armen Teufel vorbei, legen einem ein oder zwei Heiligenbildchen und einen Zettel auf den Schoß oder in die Hand, mit der Bitte, ihnen dafür ein paar Centavos zu geben. Funktioniert selten, aber es scheint zu funktionieren. Ich hab auch mal eins gekauft, von San Expedito, einem ziemlich komischen Heiligen, der mal einen eigenen Blogeintrag wert ist. Deshalb verrate ich jetzt noch nicht zu viel über ihn. Gute Fahrt!

Oh, das Bild oben im Header ist übrigens eine der Stationen, an denen diese S-Bahn-Züge dann ankommen. Sie heißt „Constitución“ (Verfassung) und liegt im Süden der Innenstadt. So ähnliche Stationen gibt’s für die Züge aus dem Westen und dem Norden von Buenos Aires (die jeweiligen Stationen heißen Once und Retiro).

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6 Antworten zu Abenteuer S-Bahn

  1. Angelika schreibt:

    Hallo Helge,
    hallo Ceci,
    es ist schön mal was von euch und dem uns doch sehr fremden Land Argentinien zu lesen!! Beileid zum Tode eurer lieben Hexe, aber sie hatte ja nun wirklich schon ein gesegnetes Alter. Gitta hat mir den link zu eurem blog geschickt und jetzt werde ich mal öfters schauen, wie es euch geht.
    Liebe Grüße
    Angelika (Cousinchen)

  2. Rainer schreibt:

    Hi Helge, hi Ceci,

    wenn man von euch hört wie chaotisch der Straßenverkehr und der ÖPNV in Buenos Aires sieht man Berlin und Hamburg in einem anderen Licht. Auch das Wetter scheint ja nicht immer beneidenswert zu sein. So finde ich doch einen gewissen Trost darin, hier in Deutschland zu sein.
    Trotzdem hoffe ich natürlich, daß es euch gut geht und daß ihr euren Zielen mit jedem Tag ein Stück näher kommt.
    Viele Grüße
    Rainer und Anke

  3. Rona schreibt:

    No puedo explicarte lo mucho que me rio con tus comentarios y analisis!!!!! Me resulta divertidisima y a la vez patetica la realidad que describis … y no la extranio ni un poco. A todo esto, muero por escuchar tu explicacion sobre San Expedito!!!! En algun momento tambien podes hablar del Gauchito Gil. Un beso enorme!!!!!!

  4. Ignacio schreibt:

    Ay, Helge… mit diesem Thema hast du den Nagel auf den Kopf getroffen.

    Ich pendle jeden Tag hin und her mit dem ÖPNV seit dem Jahr 1997, und damals war es meiner Meinung nach alles ganz anders. Seit der „Privatización“ (Privatisierung?) wurde der Zustand der Linie Roca immer prekärer. Traurig; sehr traurig.

    Und wenn man glaubt, dass man schon alles gesehen hat, dann sieht man im Fernsehen sowas:

    Wenn du nichts besser zu tun hast, dann gibt’s hier ein interesantes Video über die Geschichte des Zuges in Argentinien (und der Welt):
    http://video.google.com/videoplay?docid=-8911120877413378275&hl=es
    (Vorsicht! Es dauert ca. 1 Stunde)

    Und hier noch einen lustigen (traurigen) Bericht:
    http://elsurdelsur.blogspot.com/2007/09/en-tren-ada.html

    Insofern scheint es, dass mit der UGOFE die Situation besser wird. Drück uns die Daumen, bevor der Zug abgefahren ist…

    Grüße,
    Ignacio

    P.S. Entschuldigung für mein Deutsch — ich hoffe, es ist verständlich… Bitte kein Zwang, mein Kommentar zu veröffentlichen!

  5. llamadojorge schreibt:

    @ Ignacio: Danke für die Links. Das lange Video hab ich mir noch nicht angeschaut, werd ich aber noch machen. Das Video über die Kids von Ciudad Evita ist heftig – so was hab ich in Reportagen über Indien schon gesehen, aber noch nicht hier… Und der Bericht von Mer über die Fahrt im Roca – witzig, wie sehr sich die Eindrücke ähneln. Übrigens: Dein Deutsch ist großartig, hör auf, dein Licht unter den Scheffel zu stellen (wieder ein Ausdruck, den du in deinen Wortschatz übernehmen kannst)… 🙂

  6. Pingback: Abenteuer Busfahrt « Me llaman Jorge

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