Windig

Wind gibt es in Argentinien wie den sprichwörtlichen Sand am Meer. Vor allem im Süden, in Patagonien, aber auch entlang der Küste weiter nördlich und der Bergketten lässt sich gut Wind ernten. Und der bläst hier an manchen Stellen mit Bedingungen, wie sie kaum irgendwo auf der Welt an Land besser sein könnten – mit bis zu 12 Meter pro Sekunde.

Windkraftanlagen gelten in der Regel als rentabel, wenn der Wind im Durchschnitt mit 7 bis 8 Meter pro Sekunde bläst. Warum also gibt es in ganz Argentinien mit seiner fast acht Mal so großen Fläche wie Deutschland nur Windkraftanlagen, die nicht einmal 30 Megawatt Energie liefern, während Weltmeister Deutschland (Olé, olé, olé) es auf 22.000 Megawatt bringt? Und das, während Argentinien angesichts des enormen Wirtschaftsaufschungs in den vergangenen Jahren unter erheblichen Energiemangel leidet, weil die Kraftwerke nur so gerade eben den Verbrauch decken können?

Diese Frage habe ich meinen Freunden von energiaslimpias.org gestellt, einer Stiftung in Gründung, die sich den Ausbau der erneuerbaren Energien in Argentinien zur Aufgabe gemacht hat. Die Antwort ist vielschichtig, also bitte am Ball bleiben:

  1. Die derzeitige Regierung sorgt mit rigiden Eingriffen in den Markt dafür, dass auch ärmere Bevölkerungsschichten sich den Zugang zu den wichtigsten Lebensmitteln, Strom, Gas, Wasser etc. leisten können. Dazu werden mit den Herstellern nicht selten Höchstpreise festgesetzt, die nicht überschritten werden dürfen. Klingt erstmal schön, weil’s ja gut für die Armen ist.
  2. Durch die heruntersubventionierten Energiekosten sieht natürlich niemand einen Anreiz, Energie einzusparen. In den letzten Jahren haben hier kombinierte Heiß-/Kalt-Klimaanlagen (so genannte „Splits“; hier gibt’s ein Bild von den Dingern) in vielen Häusern die traditionellen Gasheizungen ersetzt und sorgen jetzt sowohl im Winter wie im Sommer für zusätzliche Nachfrage nach Strom. Gleichzeitig braucht auch die stark wachsende Industrie immer mehr Energie. Im Moment wird für den nächsten Hochsommer schon wieder mit großen Versorgungsengpässen gerechnet. Auch hier greift die Regierung wieder ein: versorgt werden müssen erst die Privathaushalte, dann die Unternehmen. Die besorgen sich inzwischen vielfach Stromgeneratoren, um die Produktion nicht komplett stilllegen zu müssen.
  3. Die heruntersubventionierten Energiekosten haben aber noch einen anderen Nebeneffekt: Investitionen in neue Anlagen zur Energieerzeugung liegen seit Jahren ziemlich brach. Nur einige kleinere Gaskraftwerke sind zurzeit im Bau; außerdem versucht man, das dritte, nie vollendete AKW Argentiniens Atucha II mehr als 25 Jahre nach Baubeginn doch noch in Betrieb zu nehmen, und evtl. noch ein viertes und fünftes von der kanadischen „Atomic Energy of Canada Ltd.“ bauen zu lassen (Letzteres steht aber noch in den Sternen).
    Windenergie aber ist – selbst im windigen Patagonien – relativ teuer pro Kilowattstunde, teurer jedenfalls, als der derzeitige Preis auf dem argentinischen Großmarkt für Strom. Außerdem muss man gerade dort, wo der Wind am schönsten bläst, noch eine Menge in die Leitungsinfrastruktur investieren, um den Strom auch zu den Verbrauchern zu bringen.

Aus diesen Gründen – und weil es unwahrscheinlich ist, dass sich das Szenario in den nächsten Jahren grundlegend ändern wird – gibt es in Argentinien trotz der weltweit günstigsten natürlichen Voraussetzungen so wenig Windstrom.

Erinnert mich an einen alten Witz: Gott schuf Argentinien und gab ihm einen tiefblauen, wunderschönen Himmel, weite Steppen, auf denen Tiere grasten, Küsten, Flüsse und Seen, die voll waren mit Fischen, Wüsten, Berge und Wälder, dass ihm die Augen tränten, ob der Schönheit, die er vollbracht hatte. Zum Ausgleich schenkte er das Land den Argentiniern. 😛

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Eine Antwort zu Windig

  1. llamadojorge schreibt:

    Es geschehen noch Zeichen und Wunder. Die deutsche Firma Sowitec will einen Windpark bauen. Den ersten wirklich großen in Argentinien!
    Keine Ahnung, ob sich das inzwischen rechnet oder die einfach nur auf einen günstigen Markteintritt setzen, um später eine bessere Position zu haben. Die Energiepreise sind bisher jedenfalls nicht gestiegen – dafür sind Stromausfälle in vielen Vierteln (insbesondere der Innenstadt) an der Tagesordnung.

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