Requiem für eine Katze

Hexe war rund sechs Monate alt, als ich sie im Februar oder März 1990 in Berlin-Lankwitz aus dem Tierheim mitgenommen habe. Sie war die einzige von ungefähr 20 Katzen in ihrem und anderen Käfigen, die nicht zu faul war, aufzustehen, als ich vorbeikam. Eigentlich hat also sie mich ausgesucht, nicht umgekehrt. Auf den Papieren aus dem Tierheim steht noch ihr alter Name – Minka. Fand ich zu doof und hab sie fortan Hexe gerufen.

Meine Katze Hexe

Sie hat einige Ortswechsel erlebt in ihren 18 Jahren. Mit mir ist sie zweimal innerhalb Berlins umgezogen, dann einmal nach Hamburg, dann innerhalb Hamburgs und dann die ganz große Reise via Frankfurt nach Buenos Aires. Dazwischen natürlich diverse „Kuraufenthalte“ bei diversen Catsittern, die sicher auch jetzt alle ganz traurig sind. Denn wir mussten Hexe gestern abend einschläfern lassen.

Hexe war von Anfang an eine sehr liebe Katze, keinerlei Boshaftigkeit, nicht mal, wenn ich sie gereizt habe. Dann stand sie einfach auf und ging. Beim Spielen war sie meistens sehr vorsichtig, einen mit ihren Krallen nicht zu verletzen. Gebissen hat sie mich eigentlich nur einmal, und nicht mal das richtig. Da musste ich sie aber festhalten, was ihr nicht sonderlich gefiel.

Gefallen haben ihr hingegen die abendlichen Spiele mit den Brekkies vor dem Schlafengehen. Je wilder, desto besser. Denn dann konnte sie sich vor der Nacht nochmal austoben, vollfressen und schlief besser durch. Irgendwann konnte sie die Dinger aber nicht mehr zerbeissen und verlor die Lust daran.

Oder das Fernsehen auf meinem oder Cecis Schoß. Dabei konnte sie wunderbar abtauchen ins Reich der Träume und gelegentlich zuckten ihre Pfoten und ihre Schnurrhaare dabei. Manchmal erwachte sie mit einem Fauchen, sah sich verwirrt um und schlief dann wieder ein. Das kennen sicher alle Katzenfreunde von ihren Vierbeinern so oder ähnlich.

Hexe hatte eine Art, einem das Gefühl zu geben, verstanden zu werden, die ich nicht von vielen Katzen kenne. „Hexe, du solltest mal wieder was fressen“, wurde häufig gefolgt von Aufstehen, in die Küche schlurfen und Fressen. Oder das Gegenteil „Hexe, mach mal Pause“ (vom Fressen) hat sie oft mit einem bösen Blick, aber meistens auch mit einem Ablecken der Schnauze und dem eher widerwilligen Trollen vom Fressnapf quittiert.

Sie reagierte dabei sogar auf zwei Sprachen – Deutsch und Spanisch. Auf „Hexe, vení“ kam sie so bereitwillig wie nach einem „Komm, Hexe“. Und mit Ceci hat sie richtige Zwiegespräche geführt. Keine hat dabei wahrscheinlich genau verstanden, was die jeweils andere zum Ausdruck bringen wollte, aber es wollte auch niemand das letzte Wort haben. Es kam immer eine Replik.

Vor einigen Jahren fing sie dann an, sich die Vorderpfoten wund zu lecken, weiß der Fuchs warum. Jedenfalls verlor sie viele Haare und war nur durch Cortisongaben davon abzubringen, sich die Haut komplett von den Pfoten zu lecken. Diese Cortisongaben haben wir dann in regelmäßigen Abständen wiederholt – mit dem Ergebnis, dass sie süchtig danach geworden sein muss. Jedenfalls ließ ihr Befinden drei Monate nach einer solchen Depotspritze (die eigentlich nur einen Monat vorhält) immer stark nach.

Wir wurden also Dauergäste bei ihrer Tierärztin (an dieser Stelle einen traurigen Gruß an Bergit Grünau in Hamburg). Abgesehen davon ging’s ihr aber blendend, Blutuntersuchungen belegten das auch und als unser Umzug nach Buenos Aires anstand, haben wir nicht lange überlegt, ob wir sie mitnehmen oder dort lassen sollen.

Nun hat sie die ganzen Strapazen des fast 20-stündigen Fluges (inklusive Umsteigen in Madrid), hinter sich gebracht, hat zum ersten Mal Gras aus der Nähe gesehen, Blumen beschnuppert und hatte die Freiheit, hier im Haus mit Garten ungehindert herumzulaufen, aber sie beschränkte sich fast vom Tag unserer Ankunft auf unser Schlafzimmer. Sie ging nur zum Pinkeln auf ihre Toilette (oder gelegentlich auch mal woandershin, wenn ihr die Streu hier mal wieder zu dreckig war) und hatte offensichtliche Atemschwierigkeiten.

Die Diagnose des Tierarztes war Bronchitis, der auch prompt mit Antibiotika zuleibe gerückt wurde. Etwas besser wurde das Röcheln dadurch auch, aber besser Luft bekam sie offensichtlich nicht. Also weiter Antibiotika und andere Medikamente, täglich eine Spritze, die sie gehasst hat. Es wurde nicht besser.

Schlussendlich sind wir zu einer anderen Praxis gefahren. Dort wurde eine Röntgenaufnahme gemacht und die erste Diagnose gestellt, dass ihr etwas im Hals stecke, das evtl. operativ entfernt werden müsste. Wohlgemerkt, einer Katze von immerhin 18 Jahren!

Wir haben sie also in eine Tierklinik gebracht, wo weitere Röntgenaufnahmen gemacht werden und anhand derer wir entscheiden sollten, wie es weiter geht. Die neuen Aufnahmen zeigten, dass das „Objekt“ das vermeintlich in ihrem Hals saß und ihr das Atmen schwer machte, nur der ID-Chip in ihrer Schulter war, der beim 1. Röntgen unglücklich genau so lag, dass man annehmen konnte, er befinde sich im Hals.

Stattdessen hatte sie einen murmelgroßen Tumor im Hals. Die Ärzte nahmen an, dass dieser in der letzten Zeit recht schnell gewachsen sein muss, denn bis vor zwei Monaten hatte Hexe ja keine nennenswerten Atemprobleme. (Stimmt nicht ganz. Gelegentlich dachten wir schon, dass sie irgendwas wie Asthma habe, weil sie etwas schwer atmete, aber die Tierärztin hat uns immer wieder beruhigt). Ein Krebsgeschwür, das schnell wächst, gilt in der Regel als bösartig. Eine Operation, bei der ihr der Tumor entfernt worden wäre, hätte also vermutlich kaum etwas bewirkt, weil dieser binnen kurzem wieder nachgewachsen wäre. Nicht zu reden von dem Risiko, eine so alte Katzendame einer Vollnarkose auszusetzen.

Wir haben uns also schweren Herzens entschlossen, Hexe wenig mehr als einen Monat nach ihrer Ankunft in der neuen Heimat einzuschläfern und im Blumenbeet im Garten zu begraben. Das war natürlich nicht der Neuanfang, den wir uns für Argentinien gewünscht haben.

Ceci sagte gestern etwas sehr Berührendes: Sie habe Hexe vor einiger Zeit gebeten, sie in Hamburg nicht allein zu lassen. Sieht aus, als hätte die Katze das verstanden und ihr diesen Wunsch erfüllt. Aber jetzt war es für sie wohl Zeit zu gehen.

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2 Antworten zu Requiem für eine Katze

  1. Thomas schreibt:

    Es fühlt sich an, als hätte man einen guten Freund verloren. Obwohl ich Hexe schon so lange nicht mehr gesehen habe, habe ich sie in sehr guter Erinnerung. Lieber Gruß Thomas

  2. llamadojorge schreibt:

    Karl fragte heute, wie wir denn die Katze nach Buenos Aires gebracht hätten. Er plant ein ähnliches Projekt mit seinem Kater. Hier meine Antwort an ihn und evtl. weitere reiselustige Tierhalter:
    Ich kann nicht sicher sagen, dass ich mich an alles erinnere, aber ich weiß, dass es keine leichte Aufgabe war.

    Zunächst solltest du dir die Anforderungen seitens der argentinischen
    Behörden (in diesem Fall der SENASA) ansehen:

    http://www.senasa.gov.ar/contenido.php?to=n&in=1090&io=5217

    Die sind offenbar immer noch gültig. Wir mussten unserer Katze damals einen ID-Chip implantieren lassen, dessen Nummer auf ihrem Tierpass vermerkt wurde. Im Pass oder zusätzlich, das weiß ich nicht mehr genau, mussten wir eine Tollwut-Schutzimpfung nachweisen, die nicht zu alt, aber auch nicht zu frisch sein durfte. Wenn du jetzt noch nicht mit den vorgeschriebenen Impfungen angefangen hast, aber in zwei Monaten schon los willst, kann es sein, dass du den Kater hier erstmal in Quarantäne bringen musst.

    Zweite Hürde: Flugzeug. Katze oder Kater 14 Stunden auf dem Schoß behalten oder in der Kiste unter den Sitz stellen kannst du vergessen. Das macht keine Fluggesellschaft (wir haben bei einigen gefragt – unsere Katze war schließlich schon 18). Daher wirst du deinem Kater auf jeden Fall das – klimatisierte – Frachtquartier zumuten müssen. Beim Einstieg musst du den Tragekorb abgeben/abstellen und siehst das Tier erst wieder nach dem Ausstieg in Buenos Aires. Das führt zu dem Problem, dass du irgendwie dafür sorgen musst, dass das arme Tier sich nicht komplett einsaut, wenn es 14 Stunden (oder mehr, wenn es kein Direktflug ist) nicht aufs Klo kann. Wir haben damals eine Windel-Sitzunterlage für Seniorenbetten erstanden und mehr oder weniger fachmännisch auf den Boden des Tragekorbs geklebt. Hat aber alles nix genutzt, dazu schreib ich gleich noch was.

    Wichtig ist auch zu klären, ob für deinen Flug ein Platz für das Tier vorhanden ist, denn dieses Frachtquartier ist offenbar beschränkt groß. Wenn zu viele Leute ihre Lieblinge mitnehmen wollen, gibt’s Probleme. Bei uns war hier die Schwierigkeit, dass wir zwar von Anfang an im Reisebüro immer betont haben, dass wir mit Tier reisen, das aber irgendwie in den bürokratischen Mühlen untergegangen war. Beim Einchecken wusste davon jedenfalls niemand was. Das Blöde ist nämlich, dass man offenbar kein Flugticket im Voraus kaufen kann, sondern erst beim Einchecken das Entgelt für den Tiertransport entrichtet (damals glaube ich 100-150 Euro) – natürlich nicht am Schalter, wo man eincheckt, sondern an irgendeinem anderen, so dass man auch noch ständig hin- und herlaufen muss. Ach so, und der Tragekorb muss bestimmte Attribute haben (stabil sein, groß genug, dass das Tier aufrecht (!) stehen kann …). Ich hab meinen damals bei irgendeinem Spezialversand online gekauft, ich weiß den Namen/die Adresse aber nicht mehr.

    Nächstes Problem: Gepäckkontrolle. 2007 waren die Kontrolettis am Frankfurter Flughafen extrem angespannt, überall liefen sie mit MPs durch die Gegend. Letztes Jahr (2010) hatte ich den Eindruck, sie waren deutlich lockerer. Je nach Terror-Großwetterlage wahrscheinlich. Jedenfalls mussten wir damals den Katzenkorb leeren (sprich: Katze rausholen, auf einem wuseligen Flughafen natürlich genau das, was man nicht tun möchte), um den Korb durchleuchten zu lassen. Einfach Reingucken und sehen, dass der Korb bis auf die Katze leer ist, reichte nicht. Bei der Aktion hat Hexe sich so erschrocken, dass sie meiner Frau erstmal das T-Shirt durchnässt hat. Ersatz-Wäsche also bereithalten!

    Zum Schluss ein Tipp: Wenn es irgendwie geht, verzichte auf Beruhigungsmittel. Erstens ist es eine Qual, dem Tier diese auf dem Flughafen zu verabreichen (ich kenn jedenfalls keine Katze, die gerne Tabletten schluckt) und die Wirkdauer ist sowieso auf wenige Stunden begrenzt. Zweitens ist es eine Qual zuzusehen, wie das Tier dann mit blutunterlaufenen und teilweise nach hinten gedrehten Augen in seinem Körbchen sitzt. Drittens führte das Zeug zumindest bei Hexe zu Durchfall – was auch der Grund war, weshalb alle Windelwäsche, die wir in den Korb geklebt hatten, nichts nützte. Kaum in Buenos Aires angekommen musste sie erstmal gebadet werden – und zwar gründlich mit Wasser und Seife. Sie war so eingekotet und stank derart erbärmlich, dass es nicht anders ging. Hat ihr sicher auch nicht gefallen und tat mir in der Seele leid.

    Ich hoffe, diese Erinnerungsfetzen helfen dir ein bißchen. Ich werd sie auch mal im Blog unter den Eintrag zu Hexe heften, vielleicht hat ja noch wer das Problem.

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