Me llaman Jorge

Glyphosat-Verbot?

Juni 24, 2009 · Kommentar schreiben

Bei mir sind in den vergangenen Tagen mehrfach Fragen eingegangen nach einem Verbotsverfahren von Glyphosat, das es hier seit knapp 2 Monaten gibt. Glyphosat ist der weltweit am häufigsten verwendete Wirkstoff in Pestiziden und viele gentechnisch manipulierte Pflanzen, wie z.B. die Roundup-Ready Soja (Monsanto) sind genau gegen diesen immun gemacht worden. Soja ist das Hauptausfuhrprodukt Argentiniens und wächst hier zu nahezu 100% in seiner genmanipulierten Variante, deshalb ist ein solches Verbotsverfahren natürlich eine Bombe. Internationale Medien hatten das dementsprechend aus den lokalen Medien aufgegriffen, aber wie das so ist, teilweise nur die halbe Wahrheit berichtet – oder schlicht das übersetzt, was in den hiesigen Blättern stand.

Der Mediziner Andrés Eduardo Carrasco leitet das Labor für molekulare Embryologie an der Universität von Buenos Aires (UBA) und arbeitet auch für den nationalen Wissenschaftsrat CONICET (so etwas wie die Max-Planck-Gesellschaft Argentiniens).

Carrasco gab der regierungsnahen Zeitung Página/12 Mitte April ein Interview, in dem er berichtete, dass Studien an seinem Institut zu dem Ergebnis gekommen seien, dass selbst kleinste Dosen Glyphosat die Embryonalentwicklung von Fröschen nachhaltig beeinträchtigten und schloss eine Übertragbarkeit auf den Menschen ausdrücklich nicht aus. Die Vereinigung von Umweltanwälten in Argentinien stellte daraufhin beim obersten Gerichtshof einen Antrag, Glyphosat in Argentinien zu verbieten, in dem sie sich auf das oben genannte Interview und weitere Studien bezogen, die hohe Zahlen von Missbildungen und Fehlgeburten in ländlichen Regionen in Argentinien feststellen und diese mit dem Pestizideinsatz in Verbindung bringen.

Das gab einen riesigen Aufschrei vor allem bei den Farmern und in der ihnen nahestehenden Presse, die dahinter ein Komplott der Regierung vermuteten (dass das nicht generell von der Hand zu weisen ist, werde ich demnächst mal an einem ähnlichen Fall versuchen, deutlich zu machen). Schließlich steht es um die Beziehung zwischen Landwirten und Regierung hier seit über einem Jahr eher schlecht und Verschwörungstheorien gedeihen in diesem Klima generell gut. Außerdem entdeckten findige Leute auch noch eine Verbindung von Carrasco zum Verteidigungsministerium, wo er das Untersekretariat für Forschung und Entwicklung leitet. Und ausgerechnet das Verteidigungsministerium verbot auf den eigenen Äckern kurz darauf den Anbau von Soja.

Viele Leute wollten auf einmal einen Blick auf die Studie seines Instituts werfen, um sich ein Bild zu machen oder – wahrscheinlicher – um sie aufgrund möglicher methodischer Fehler zu zerpflücken. Was Carrasco jedoch vergessen (?) hatte, im Interview zu erwähnen, war, dass die Studie noch gar nicht fertig war. Es gab noch keinerlei Veröffentlichung, sie war noch nicht einmal geschrieben. In einem zweiten Interview mit Página/12 von Anfang Mai gab er zu, die öffentliche Reaktion unterschätzt zu haben, rechtfertigte sich aber damit, dass er nicht einen wissenschaftlichen Peer-Review-Prozess abwarten wollte, wenn durch die massive Verwendung von Glyphosat auf argentinischen Äckern möglicherweise Menschenleben in Gefahr seien. Von einer großen Zahl Intellektueller, Wissenschaftler, Journalisten und Politikern wurde er in dieser Haltung unterstützt, die in einem Aufruf die Freiheit der Wissenschaft hochhielten und die Einmischung der Wirtschaft verurteilten.

Gleichzeitig beschwerte sich Carrasco im zweiten Interview, dass es zu Bedrohungen in seinem Institut und auf seinem Anrufbeantworter gekommen sei. Vier Männer – offenbar zwei von einer Landwirtschaftskammer, ein Notar und ein Anwalt – seien im Institut aufgetaucht und hätten Informationen über die Studie verlangt, nach Personenangaben seiner Mitarbeiter gefragt. In den landwirtschafts-freundlichen Medien (v.a. La Nación) wurde er derweil zum Handlanger der Regierung im Kampf gegen die Sojabauern stilisiert, seine wissenschaftliche Reputation wurde in Zweifel gezogen.

Tatsächlich versprühen argentinische Farmer 180-200 Mio. Tonnen pro Jahr von dem Zeug, das hier in den 70er Jahren als „schwach toxisch“ eingestuft und genehmigt wurde. Das passt augenscheinlich zu den Einstufungen die man auch von unabhängiger Seite bekommt (Pesticide Action Network UK, Pesticide Action Network USA), auch wenn es hier und da hieß, die Einstufungen in der „ersten Welt“ (Europa, USA) seien viel strenger. Möglicherweise bezieht sich das jedoch auf die Formeln, die tatsächlich als Pestizide zum Einsatz kommen, in denen Glyphosat meist noch mit anderen Chemikalien versetzt wird und die dadurch stärker giftig wirken.

In Argentinien jedenfalls gibt es bereits Fälle von Missbildungen und Fehlgeburten in ländlichen Gegenden, die auf den großflächigen Einsatz von Spritzmitteln – nicht nur Glyphosat, aber hauptsächlich – zurückgeführt werden. Einer der Ärzte, die auch die Umweltanwälte in ihrem Verbotsantrag zitieren, ist Rodolfo Páramo. Er arbeitet seit Anfang der 90er Jahre an einem Kleinstadtkrankenhaus in Malabrigo, Provinz Santa Fé. Bei knapp 250 Geburten in einem Jahr soll es dort zu 12 schweren Missbildungen gekommen sein, v.a. Anenzephalien (nicht geschlossene Schädeldecke) und Meningomyelozelen (offene Spaltbildung der Wirbelsäule). Im Hospital José Maria Cullen in der Stadt Santa Fé, wo Páramo zuvor als Neonatologe gearbeitet hatte, gab es nach seinen Angaben nur einen Fall in 8.500 bis 10.000 Geburten.

In den meisten Medienberichten über Páramo fehlt jedoch der Hinweis, dass er die Häufung der Missbildungen bereits im Jahr 1995 beobachtet hat, wie er in einem bei Youtube abrufbaren Interview 2007 selbst erklärte. Eine wissenschaftliche Studie dazu konnte ich nirgendwo auftreiben, vermutlich gibt es sie nicht. Das muss nicht heißen, dass es die Missbildungen 1995 nicht gab, macht jedoch die Überprüfung seiner Aussagen erheblich schwerer.

Ob er sich als Kronzeuge gegen Glyphosat eignet, bezweifle ich auch aus einem weiteren Grund: seine Angabe von einer Missbildung bei bis zu 10.000 Geburten entspräche einer Prozentrate von 0,01%. Ich bin kein Mediziner, aber man findet ja einiges an Informationen, wenn man ein bisschen sucht. Gehirndeformationen treten nach einem Standardwerk über Genetische Medizin bei 10 von 1.000 Geburten auf, also bei rund 1%. Insgesamt gibt es schwere Missbildungen bei rund 3% aller Neugeborenen (selbe Quelle). Die Zahl von 0,01%, die Páramo für Santa Fé angibt, ist daher entweder gelogen oder die Stadt mit dem Namen „Heiliger Glaube“ hat die gesundeste Bevölkerung, die sich denken lässt. Warum das aber nicht in der Provinz mit dem gleichen Namen funktioniert, muss mir dann mal ein Theologe auseinandersetzen.

Der Verbotsantrag gegen Glyphosat, den die argentinischen Umweltanwälte vorgebracht haben, steht zumindest nach dem derzeitigen Stand auf recht wackligen Füßen. Neuigkeiten zum Stand des Verfahrens gibt es bisher nicht. Möglich, dass sich das ändert, wenn Carrasco mal seine Studie veröffentlicht oder weitere Studien zur Auswirkung des großflächigen Sprüheinsatzes mit dem ganzen Giftcocktail gemacht werden, der tatsächlich zum Einsatz kommt. Denn seit etlicher Zeit reicht das Sprühen mit Glyphosat alleine nicht mehr aus, um die Sojafelder freizuhalten von unerwünschten Pflanzen. Durch den dauernden und einseitigen Einsatz immer desselben Giftes haben auch die Unkräuter Resistenzen dagegen entwickelt. Ganz ohne Gentechnik.

Kategorien: Argentinien
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