Me llaman Jorge

Requiem für eine Katze

Oktober 20, 2007 · 1 Kommentar

Hexe war rund sechs Monate alt, als ich sie im Februar oder März 1990 in Berlin-Lankwitz aus dem Tierheim mitgenommen habe. Sie war die einzige von ungefähr 20 Katzen in ihrem und anderen Käfigen, die nicht zu faul war, aufzustehen, als ich vorbeikam. Eigentlich hat also sie mich ausgesucht, nicht umgekehrt. Auf den Papieren aus dem Tierheim steht noch ihr alter Name – Minka. Fand ich zu doof und hab sie fortan Hexe gerufen.

Meine Katze Hexe

Sie hat einige Ortswechsel erlebt in ihren 18 Jahren. Mit mir ist sie zweimal innerhalb Berlins umgezogen, dann einmal nach Hamburg, dann innerhalb Hamburgs und dann die ganz große Reise via Frankfurt nach Buenos Aires. Dazwischen natürlich diverse „Kuraufenthalte“ bei diversen Catsittern, die sicher auch jetzt alle ganz traurig sind. Denn wir mussten Hexe gestern abend einschläfern lassen.

Hexe war von Anfang an eine sehr liebe Katze, keinerlei Boshaftigkeit, nicht mal, wenn ich sie gereizt habe. Dann stand sie einfach auf und ging. Beim Spielen war sie meistens sehr vorsichtig, einen mit ihren Krallen nicht zu verletzen. Gebissen hat sie mich eigentlich nur einmal, und nicht mal das richtig. Da musste ich sie aber festhalten, was ihr nicht sonderlich gefiel.

Gefallen haben ihr hingegen die abendlichen Spiele mit den Brekkies vor dem Schlafengehen. Je wilder, desto besser. Denn dann konnte sie sich vor der Nacht nochmal austoben, vollfressen und schlief besser durch. Irgendwann konnte sie die Dinger aber nicht mehr zerbeissen und verlor die Lust daran.

Oder das Fernsehen auf meinem oder Cecis Schoß. Dabei konnte sie wunderbar abtauchen ins Reich der Träume und gelegentlich zuckten ihre Pfoten und ihre Schnurrhaare dabei. Manchmal erwachte sie mit einem Fauchen, sah sich verwirrt um und schlief dann wieder ein. Das kennen sicher alle Katzenfreunde von ihren Vierbeinern so oder ähnlich.

Hexe hatte eine Art, einem das Gefühl zu geben, verstanden zu werden, die ich nicht von vielen Katzen kenne. „Hexe, du solltest mal wieder was fressen“, wurde häufig gefolgt von Aufstehen, in die Küche schlurfen und Fressen. Oder das Gegenteil „Hexe, mach mal Pause“ (vom Fressen) hat sie oft mit einem bösen Blick, aber meistens auch mit einem Ablecken der Schnauze und dem eher widerwilligen Trollen vom Fressnapf quittiert.

Sie reagierte dabei sogar auf zwei Sprachen – Deutsch und Spanisch. Auf „Hexe, vení“ kam sie so bereitwillig wie nach einem „Komm, Hexe“. Und mit Ceci hat sie richtige Zwiegespräche geführt. Keine hat dabei wahrscheinlich genau verstanden, was die jeweils andere zum Ausdruck bringen wollte, aber es wollte auch niemand das letzte Wort haben. Es kam immer eine Replik.

Vor einigen Jahren fing sie dann an, sich die Vorderpfoten wund zu lecken, weiß der Fuchs warum. Jedenfalls verlor sie viele Haare und war nur durch Cortisongaben davon abzubringen, sich die Haut komplett von den Pfoten zu lecken. Diese Cortisongaben haben wir dann in regelmäßigen Abständen wiederholt – mit dem Ergebnis, dass sie süchtig danach geworden sein muss. Jedenfalls ließ ihr Befinden drei Monate nach einer solchen Depotspritze (die eigentlich nur einen Monat vorhält) immer stark nach.

Wir wurden also Dauergäste bei ihrer Tierärztin (an dieser Stelle einen traurigen Gruß an Bergit Grünau in Hamburg). Abgesehen davon ging’s ihr aber blendend, Blutuntersuchungen belegten das auch und als unser Umzug nach Buenos Aires anstand, haben wir nicht lange überlegt, ob wir sie mitnehmen oder dort lassen sollen.

Nun hat sie die ganzen Strapazen des fast 20-stündigen Fluges (inklusive Umsteigen in Madrid), hinter sich gebracht, hat zum ersten Mal Gras aus der Nähe gesehen, Blumen beschnuppert und hatte die Freiheit, hier im Haus mit Garten ungehindert herumzulaufen, aber sie beschränkte sich fast vom Tag unserer Ankunft auf unser Schlafzimmer. Sie ging nur zum Pinkeln auf ihre Toilette (oder gelegentlich auch mal woandershin, wenn ihr die Streu hier mal wieder zu dreckig war) und hatte offensichtliche Atemschwierigkeiten.

Die Diagnose des Tierarztes war Bronchitis, der auch prompt mit Antibiotika zuleibe gerückt wurde. Etwas besser wurde das Röcheln dadurch auch, aber besser Luft bekam sie offensichtlich nicht. Also weiter Antibiotika und andere Medikamente, täglich eine Spritze, die sie gehasst hat. Es wurde nicht besser.

Schlussendlich sind wir zu einer anderen Praxis gefahren. Dort wurde eine Röntgenaufnahme gemacht und die erste Diagnose gestellt, dass ihr etwas im Hals stecke, das evtl. operativ entfernt werden müsste. Wohlgemerkt, einer Katze von immerhin 18 Jahren!

Wir haben sie also in eine Tierklinik gebracht, wo weitere Röntgenaufnahmen gemacht werden und anhand derer wir entscheiden sollten, wie es weiter geht. Die neuen Aufnahmen zeigten, dass das „Objekt“ das vermeintlich in ihrem Hals saß und ihr das Atmen schwer machte, nur der ID-Chip in ihrer Schulter war, der beim 1. Röntgen unglücklich genau so lag, dass man annehmen konnte, er befinde sich im Hals.

Stattdessen hatte sie einen murmelgroßen Tumor im Hals. Die Ärzte nahmen an, dass dieser in der letzten Zeit recht schnell gewachsen sein muss, denn bis vor zwei Monaten hatte Hexe ja keine nennenswerten Atemprobleme. (Stimmt nicht ganz. Gelegentlich dachten wir schon, dass sie irgendwas wie Asthma habe, weil sie etwas schwer atmete, aber die Tierärztin hat uns immer wieder beruhigt). Ein Krebsgeschwür, das schnell wächst, gilt in der Regel als bösartig. Eine Operation, bei der ihr der Tumor entfernt worden wäre, hätte also vermutlich kaum etwas bewirkt, weil dieser binnen kurzem wieder nachgewachsen wäre. Nicht zu reden von dem Risiko, eine so alte Katzendame einer Vollnarkose auszusetzen.

Wir haben uns also schweren Herzens entschlossen, Hexe wenig mehr als einen Monat nach ihrer Ankunft in der neuen Heimat einzuschläfern und im Blumenbeet im Garten zu begraben. Das war natürlich nicht der Neuanfang, den wir uns für Argentinien gewünscht haben.

Ceci sagte gestern etwas sehr Berührendes: Sie habe Hexe vor einiger Zeit gebeten, sie in Hamburg nicht allein zu lassen. Sieht aus, als hätte die Katze das verstanden und ihr diesen Wunsch erfüllt. Aber jetzt war es für sie wohl Zeit zu gehen.

Kategorien: Argentinien
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1 Antwort bis hierher ↓

  • Thomas // November 5, 2007 um 2:42 | Antworten

    Es fühlt sich an, als hätte man einen guten Freund verloren. Obwohl ich Hexe schon so lange nicht mehr gesehen habe, habe ich sie in sehr guter Erinnerung. Lieber Gruß Thomas

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